Auf ihrer Reise vom Glück ins Unglück durchfahren der ergraute Walter Faber und das Mädchen Sabeth einen Teil von Italien. Sie legt ihren Kopf auf seine Schulter, die Autofenster sind geöffnet, draußen rauscht die Landschaft vorbei, Felder voll knallgelbem Raps, Hügel, Ebenen, Städte, aus deren Silhouetten mittelalterliche Türme herausragen, Perugia, Orvieto, Assisi. Er trinkt Campari, sie liest ihm aus dem Baedeker vor. Alles ist Verheißung. Noch.
Diese Italienbilder gehören zu den eindringlichsten in Volker Schlöndorffs „Homo Faber“-Verfilmung. Ich sehe sie und will sofort nach Umbrien. Ich tue, was man in solchen Fällen gemeinhin tut: ich google. Ich tippe die Wörter Umbrien, übernachten und Ferienwohnung ein. Die Trefferzahl beträgt 86200. Von „Hübschen Ferienwohnungen mit Pool in reizvoller Landschaft“ ist auf dem Bildschirm die Rede, von „Ruhe und Frieden“ und einem „Traum Ferienhaus“ am Trasimener See. „Sichern Sie sich jetzt Ihr Ferienhotel in Umbrien! weg.de macht Ihre Reise nach Umbrien zum Highlight. Agriturismo Umbrien: Hier sind die 254 besten Agritourismus-Betriebe. Urlaub in Assisi ab € 99.“ Bei „Fewo direkt“ sind in der ersten Septemberwoche noch 693 Objekte buchbar, von denen die meisten, genauer gesagt 162, in und um Perugia liegen, das 2011 wegen des spektakulären Mordprozesses gegen Amanda Knox, „den Engel mit Eisaugen“, weltweit ständig in der Presse auftauchte. Ich kann zwischen Landhäusern, Schlössern, Scheunen („beeindruckend restaurierte Scheune, Infinity-Pool, friedliches Dorf“), Villen, Bauernhäusern, Ferienhäusern und Ferienwohnungen wählen. Manche bieten einen Pool, geschwungen, rund oder rechteckig, andere einen Jacuzzi und einige nichts von beidem. In den meisten Fällen sind Haustiere verboten, was für mich bedeutungslos ist, da ich kein Haustier habe, das ich mitnehmen könnte. Die Preise liegen zwischen zwanzig und 5000 Euro pro Nacht, wobei es sich bei dem 5000-Euro-Objekt um eine sehr große Villa handelt, in der bis zu 22 Personen nächtigen können. Die Böden sind aus Marmor, an den Wänden hängen Ölgemälde und von der Decke herab Kristall-Kronleuchter. Der Luxusklotz beherbergt einen Fitnessraum, eine Sauna sowie einen Weinkeller. Sehr viel preiswerter ist eines der angebotenen Schlösser. Es kostet pro Woche 1500 Euro, allerdings gibt es drei Schlafzimmer, von denen ich zwei nicht benötige, es wäre also pure Verschwendung, und Preisfeilscherei kommt nicht in Frage. Außerdem fehlt ein Pool. Mich erreicht eine Mail von Opodo, in deren Betreffzeile steht: „Jetzt 20 Euro bei Fernflügen sparen“, gleichzeitig poppt am rechten Bildschirmrand ein kleines Fenster auf, das die zehn schönsten Hotels Umbriens anpreist. Lieber doch ein Hotelzimmer nehmen? In einer „historischen Residenz“ vielleicht, wo ich in einem Turm schlafen kann, ohne gleich den ganzen Turm mieten zu müssen. Andererseits wohnen nebenan fremde Menschen, die die Umbrienidylle womöglich stören, weil ihre unerzogenen Kinder ständig plärren oder ein hässlicher Ehekrach ausbricht.
Mir widerstrebt zudem die Vorstellung, dass es nur bis zu einer festgelegten Uhrzeit Frühstück gibt. Möglich, dass ich an einem Morgen verschlafe, oder im Bett liegen bleiben und lesen möchte, weil es regnet. Ich klicke mich durch unzählige Schlafzimmer, Wohnzimmer, Esszimmer, Küchen, Bäder, kleine und große Apartments mit und ohne Terrasse und zugewucherte Gärten, bis ich beginne, das Gesehene gedanklich zu optimieren, mir den perfekten Ort für den perfekten Urlaub zusammenzubasteln. Würde der Pool der 5000-Euro-Villa bloß im Garten des kleinen Steinhauses am Rande von Spoleto liegen, und wären nur die Wände darin weiß und der Boden mit Dielen ausgelegt. Auch die Küche könnte einen Tick größer sein, zum Beispiel so wie die des ehemaligen Eremitenklosters Santa Croce bei Orvieto. Alles Fragen, die ich mir beim Durchblättern eines Reisekatalogs sicherlich nie gestellt hätte. Die Idee, im Wirrwarr des Netzes noch einen besternteren, romantischeren, abgeschiedeneren Ort zu finden, wird zur Obsession, womit der erste Schritt zurück ins Stubenhockerdasein gemacht ist. Noch bevor ich mich überhaupt aus dem Haus bewegt habe, ergeht es mir schon, wie Gottfried Benn es in seinem Gedicht „Reisen“ beschrieben hat:
„Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan -
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an.“
Die Leere hat sich im Laufe weniger Stunden Internetrecherche innerhalb der eigenen vier Wände ausgebreitet. Meine Reiselust ist so gut wie tot. Der Moment der Entscheidung ist verstrichen, die Sehnsucht zur Strecke gebracht. Umbrien hat seinen Zauber irgendwie verloren. Als hätte ich diese Gegend schon zigmal bereist, als hielte sie keine Überraschung mehr für mich bereit, kein Abenteuer, nichts, was mich erschüttern könnte, was natürlich Unsinn ist. Trotzdem folgt der virtuellen Eroberung oft die Ernüchterung im Hier und Jetzt. Wer sich in die Ferne klickt, läuft Gefahr, abzustumpfen. Die Suche nach einem Ort entwickelt sich unbemerkt zur Konzentration auf seine mögliche Mangelhaftigkeit. Wie bei einem alten Ehepaar, wo der eine sich irgendwann daran stört, wie der andere die Gabel zum Mund führt. Das Internet suggeriert, böse Reise-Überraschungen ließen sich von vornherein ausschließen, und trügt uns doch nur. Außerdem geht es beim Reisen ja gerade auch darum: um die Überraschungen, die schönen und unschönen.
Angebotsvielfalt als Qual
Ebenso wie mit Umbrien ist es mir mit Korsika ergangen, mit Santorin, Palm Springs, den Malediven. Lange Zeit war mein absolutes Lieblings-Hotel auf den Malediven das Park Hyatt Hadahaa. Nicht, dass es ernsthaft zur Debatte stand, sich dort zwei Wochen einzubuchen, trotzdem malte ich es mir aus. Verglichen mit den allermeisten Resorts liegen die Strandvillen dort nämlich so weit auseinander, dass man sich nicht ängstigen muss, über die Sonnenliege des Nachbarn zu stolpern, was bei einem Urlaub auf einer kleinen Insel ein wichtiges Argument ist. Das Wissen, dass es sich so verhält, reichte mir aus, um diesen Ort zu meinen Sehnsuchtsziel zu erklären. Dann sah ich mir bei Youtube das Video „I Hadahaa Feeling“ an, das irgendein Reisender aufgenommen hat. Es beginnt verlockend: Ein Schnellboot nähert sich der Insel, das Wasser geht von Dunkelblau in Hellblau über, und am Himmel türmen sich die Wolken auf, als kämpften sie um die besten Plätze. Die Kamera schwenkt über die großzügigen, mit einem Steg verbundenen Wasservillen Richtung Strand. Und plötzlich findet man sich im „Dhoni“ wieder, einem überdimensionierten Wohnzimmer, gebaut in Form eines umgedrehten Fischerboots. Dort sitzten Touristen und schauen einer einheimischen Bespaßertruppe dabei zu, wie sie singend volkstümliche Tänze vorführt, dazu ein paar Fackelspielereien. Animation wie in einem Robinson Club. Exotik für Anfänger. Das war’s dann mit den Malediven.
Barry Schwartz beschreibt in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit. Warum weniger glücklich macht“ eindrucksvoll, wie die Entscheidungsfreiheit, die Angebotsvielfalt dem modernen Menschen zur Qual wird und sich in Zwang verkehrt. Schwartz unterscheidet zwischen „Maximizern“ und „Satisficern“. Offensichtlich zähle ich zu den „Maximizern“. Der „Maximizer“ versucht, die bestmögliche Entscheidung zu treffen, und sucht immerfort weiter, von der Hoffnung angetrieben, doch noch etwas Besseres zu finden, während der „Satisficer“ eine Entscheidung trifft, mit der er zufrieden leben kann. Das Internet erzieht uns zu „Maximizern“, was wie gesagt nicht glücklicher macht. Bei keiner Netz-Suche war einem das derart bewusst wie beim Planen einer Urlaubsreise - und das liegt leider nicht daran, dass die Welt so groß ist. So sitzen wir schneller, als uns recht sein kann, in einer Beschleunigungs- und Bevormundungsschleife fest, die uns selbst dann noch im Griff hat, wenn wir unser Ziel längst schon erreicht haben, wo wir bereitwillig der Versuchung nachgeben und uns von TripAdvisor die besten Restaurants der Umgebung auflisten lassen, anstatt den Dorfmetzger zu fragen.
Das Ungewisse suchen
„Etwas in natura sehen, das lange Zeit ein Bild in einem alten Wörterbuch gewesen ist: ein Geysir, ein Wasserfall, die Bucht von Neapel, die Stelle, an der Gavrilo Princip stand, als er auf den Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und die Herzogin Sophie von Hohenberg schoss“, schreibt Georges Perec in seinem wunderbaren Buch „Träume von Räumen“. Etwas in natura sehen, wovon man sich ein vages Bild gemacht hat, eins, das reichlich Entdeckungs- und Abenteuerspielraum lässt. Denn das ist es ja, was einen fortzieht in die Ferne, das Suchen, das Ungewisse. Man setzt sich dem Fremden aus und hofft, ein klein wenig verändert nach Hause zurückzukehren. Mit TripAdvisor wird einem das jedenfalls nicht gelingen.
Keine Ahnung, wohin ich in diesem Sommer fahren werde. Vielleicht an die Côte d’Azur - jedenfalls denke ich das im Moment.
Wenn frau nicht so genau weiss...
Georg Fromm (steinbock64)
- 13.08.2012, 11:48 Uhr
Das Internet desillusioniert...
Christian Meyleran (ChristianMeyleran)
- 13.08.2012, 02:39 Uhr
Bekannte Ferne, unbekannte Nähe
Henk Wilbert (H.Wilbert)
- 12.08.2012, 22:49 Uhr
Keinen Plan ? überfordert ?
Karin Gossmann-Walter (sidana)
- 12.08.2012, 19:37 Uhr
Prima, wenn mal wieder das Internet schuld sein kann ...
Hans-Werner Kienitz (Emil.Berkenkamp)
- 12.08.2012, 14:13 Uhr