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Pekings Schattenreich : Im Refugium der nackten Geschäftsleute

Missverständnis oder Innovation? Der zweiseitig bestuhlte Bartisch im von Philippe Starck gestalteten Lan-Club Bild: laif

Digitales Kaminfeuer: Der Pekinger „Lan-Club“ simuliert ein Schattenreich für Millionäre, in dessen Kulissen sie nichts anderes wiederkennen können als ihre eigenes Geld.

          Pekinger Millionäre pflegen ihr Essen inmitten von Vanitas-Signalen einzunehmen. Auf Barock-Sesseln neben einem Goldrahmen sitzend, hinter dessen Glas nichts als ein gemalter Samtvorhang steckt, lassen sie sich von großen Augen anschauen, die von Gemälden an der Decke aus auf sie herabblicken. Kann das gutgehen?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der „Lan-Club“ an der Jianguomenwai-Straße, der ost-westlichen Zentralachse der chinesischen Hauptstadt, ist die symbolische Heimat des neueren Pekinger Kapitalismus, und deshalb diskutiert die Stadt jetzt die Nachricht, dass seine Eigentümerin, die Restaurantketten-Mogulin Zhang Lan, ihre chinesische Staatsbürgerschaft aufgegeben hat, wie ein Ereignis von beträchtlicher Bedeutung. Da scheint etwas fassbar zu werden, das möglicherweise folgenreicher ist als all die Parteitagsbeschlüsse: Das Kapital und die Kapitalisten verlassen das Land.

          Laut dem diesjährigen Millionärs-Report „Hurun“ haben sich bereits sechzehn Prozent der reichsten Chinesen die für eine Emigration erforderlichen Papiere verschafft, und 44 Prozent wollen das tun; nur 28 Prozent haben Vertrauen in die Entwicklung der beiden nächsten Jahre - 2011 hatten das noch 54 Prozent. Und zum ersten Mal ist in diesem Jahr nach offiziellen Statistiken trotz des Exportüberschusses und der hohen ausländischen Direktinvestitionen mehr Geld außer Landes geflossen als hereingekommen.

          Plüschsofas und Kristalllüster

          Man sieht dem „Lan-Club“ die dreihundert Millionen Yuan, etwa 36 Millionen Euro, an, die seine Einrichtung vor Jahren gekostet haben soll. Aber die Betreiber scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ihn jemand besonders schön oder gar vornehm findet. Die jungen Kellner lassen ihr Smartphone nicht aus der Hand, und sie laufen umso aufgeregter herum, desto weniger Gäste es gibt.

          Der Besucher wird so schnell und zielstrebig an seinen Platz geleitet wie in allen Pekinger Lokalen. Die Kellnerin nimmt den Mantel ab, legt ihn dann aber gleich auf den Nebenstuhl. Es ist nicht die Zeit für Dezenz und jene Umständlichkeiten, mit denen dem Reichtum in anderen Weltgegenden das Gefühl von Selbstverständlichkeit gegeben wird. Hier wird den Reichen ein Gefühl von Abenteuer und Gefahr geboten.

          Die Plüschsofas, Spiegel, Porzellanfiguren und Kristalllüster, mit denen Zhang Lan den Designer Philippe Starck jeden Zentimeter ihres dämmrigen Etablissements hat zustellen lassen, sind viel zu heterogen, um irgendeine Vertrautheit zu simulieren. Das Kaminfeuer wird auf großen Bildschirmen natürlich digital erzeugt. Die Millionäre müssen sich wie in einem Schattenreich fühlen, in dessen teuren Kulissen sie nichts anderes wiedererkennen können als ihr eigenes Geld.

          Vergrault das chinesische System Unternehmer?

          Auf der Speisekarte sticht das „Chinesische Bettler-Hühnchen“ (geröstetes Hühnchen mit Nüssen und Reis in Lotusblättern und Lehm vom Westsee) hervor, vergleichsweise preisgünstig für 198 Yuan zu haben und mit folgender Legende versehen: Als in der Qing-Dynastie ein armer Mann ein Huhn, aber keinen Ofen hatte, röstete er es in der Erde, und das roch so gut, dass der gerade vorbeireitende Kaiser Qianlong abstieg und mit dem Untertan zusammen speiste. Reiche lieben solche Geschichten.

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