Home
http://www.faz.net/-gqz-74pty
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Pekings Schattenreich Im Refugium der nackten Geschäftsleute

Digitales Kaminfeuer: Der Pekinger „Lan-Club“ simuliert ein Schattenreich für Millionäre, in dessen Kulissen sie nichts anderes wiederkennen können als ihre eigenes Geld.

© laif Missverständnis oder Innovation? Der zweiseitig bestuhlte Bartisch im von Philippe Starck gestalteten Lan-Club

Pekinger Millionäre pflegen ihr Essen inmitten von Vanitas-Signalen einzunehmen. Auf Barock-Sesseln neben einem Goldrahmen sitzend, hinter dessen Glas nichts als ein gemalter Samtvorhang steckt, lassen sie sich von großen Augen anschauen, die von Gemälden an der Decke aus auf sie herabblicken. Kann das gutgehen?

Mark Siemons Folgen:

Der „Lan-Club“ an der Jianguomenwai-Straße, der ost-westlichen Zentralachse der chinesischen Hauptstadt, ist die symbolische Heimat des neueren Pekinger Kapitalismus, und deshalb diskutiert die Stadt jetzt die Nachricht, dass seine Eigentümerin, die Restaurantketten-Mogulin Zhang Lan, ihre chinesische Staatsbürgerschaft aufgegeben hat, wie ein Ereignis von beträchtlicher Bedeutung. Da scheint etwas fassbar zu werden, das möglicherweise folgenreicher ist als all die Parteitagsbeschlüsse: Das Kapital und die Kapitalisten verlassen das Land.

Laut dem diesjährigen Millionärs-Report „Hurun“ haben sich bereits sechzehn Prozent der reichsten Chinesen die für eine Emigration erforderlichen Papiere verschafft, und 44 Prozent wollen das tun; nur 28 Prozent haben Vertrauen in die Entwicklung der beiden nächsten Jahre - 2011 hatten das noch 54 Prozent. Und zum ersten Mal ist in diesem Jahr nach offiziellen Statistiken trotz des Exportüberschusses und der hohen ausländischen Direktinvestitionen mehr Geld außer Landes geflossen als hereingekommen.

Plüschsofas und Kristalllüster

Man sieht dem „Lan-Club“ die dreihundert Millionen Yuan, etwa 36 Millionen Euro, an, die seine Einrichtung vor Jahren gekostet haben soll. Aber die Betreiber scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ihn jemand besonders schön oder gar vornehm findet. Die jungen Kellner lassen ihr Smartphone nicht aus der Hand, und sie laufen umso aufgeregter herum, desto weniger Gäste es gibt.

Der Besucher wird so schnell und zielstrebig an seinen Platz geleitet wie in allen Pekinger Lokalen. Die Kellnerin nimmt den Mantel ab, legt ihn dann aber gleich auf den Nebenstuhl. Es ist nicht die Zeit für Dezenz und jene Umständlichkeiten, mit denen dem Reichtum in anderen Weltgegenden das Gefühl von Selbstverständlichkeit gegeben wird. Hier wird den Reichen ein Gefühl von Abenteuer und Gefahr geboten.

Die Plüschsofas, Spiegel, Porzellanfiguren und Kristalllüster, mit denen Zhang Lan den Designer Philippe Starck jeden Zentimeter ihres dämmrigen Etablissements hat zustellen lassen, sind viel zu heterogen, um irgendeine Vertrautheit zu simulieren. Das Kaminfeuer wird auf großen Bildschirmen natürlich digital erzeugt. Die Millionäre müssen sich wie in einem Schattenreich fühlen, in dessen teuren Kulissen sie nichts anderes wiedererkennen können als ihr eigenes Geld.

Vergrault das chinesische System Unternehmer?

Auf der Speisekarte sticht das „Chinesische Bettler-Hühnchen“ (geröstetes Hühnchen mit Nüssen und Reis in Lotusblättern und Lehm vom Westsee) hervor, vergleichsweise preisgünstig für 198 Yuan zu haben und mit folgender Legende versehen: Als in der Qing-Dynastie ein armer Mann ein Huhn, aber keinen Ofen hatte, röstete er es in der Erde, und das roch so gut, dass der gerade vorbeireitende Kaiser Qianlong abstieg und mit dem Untertan zusammen speiste. Reiche lieben solche Geschichten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tibet Patrioten auf Bestellung

Die chinesische Führung hat alle Tempel Tibets mit Fernsehern ausgestattet – auf dass die Nonnen und Mönche die Religionsvorschriften aus Peking besser verstehen. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

03.07.2015, 16:19 Uhr | Politik
Seegebietsstreit China um Entspannung bemüht

Der amerikanische Außenminister John Kerry hat den chinesischen Präsident Xi Jinping getroffen. Kerry erklärte in Peking, er habe die Sorgen der Vereinigten Staaten über den Umfang der chinesischen Territorialansprüche dargelegt. Dabei geht es um Hoheitsrechte im Südchinesischen Meer, unter anderem um die Spratly-Inseln. Mehr

17.05.2015, 11:30 Uhr | Politik
Chinesischer Aktienmarkt Chinas Börsenverluste zehn Mal so groß wie Griechenlands Wirtschaft

Der Kursverlust an den chinesischen Aktienmärkten entwickelt sich zur Gefahr für die Stabilität im Land. Peking zeigt bereits mit dem Finger auf angeblich schuldige Manager und Börsenhändler. Welche Folgen hätte ein Crash für die Weltwirtschaft? Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

03.07.2015, 07:20 Uhr | Wirtschaft
Drogenvergehen Jackie Chans Sohn muss hinter Gitter

Ein Bezirksgericht in der chinesischen Hauptstadt Peking hat Jaycee Chan, den Sohn von Schauspieler Jackie Chan, zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt. Grund für die Verurteilung ist ein Drogenvergehen. Mehr

09.01.2015, 16:34 Uhr | Gesellschaft
Nach jahrelanger Hausse Schwere Kursverluste an der chinesischen Börse

Die Kurse in Schanghai haben in zwei Wochen fast 20 Prozent verloren. Für die Regierung könnte ein Ende des Börsenbooms zum Problem werden – sie haben ihre Bürger zum Aktienkauf verführt. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

27.06.2015, 08:32 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.11.2012, 18:25 Uhr

Glosse

Vergießmeinnicht

Von Andreas Rossmann

Städte im Rheinland rufen ihre Bürger dazu auf, die Stadtbäume zu gießen. Nur ziviler Gehorsam könne das urbane Grün bei diesen Temperaturen noch retten. Mehr 8