Die 1862 zuerst erschienene "Novelle aus dem deutsch-amerikanischen Leben" über "Anton in Amerika" ist aus Literatur entsprungene Literatur. Großpapa des Helden ist niemand Geringeres als der einst als Dichter des Mittelstandes zu hoher Popularität und Hofratswürden aufgestiegene Gustav Freytag, dessen erfolgreicher Roman "Soll und Haben" nach eigenem Motto "das deutsche Volk da suchen sollte, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit".
Der kleine Beamtensohn Anton Wohlfahrt war sein Held, der es zu Geld und bürgerlichem Ansehen bringt. Zu einem Sohn namens Antonio jedoch verhalf ihm erst der Schriftsteller Reinhold Solger, der 1853 nach Amerika auswanderte und dort nun das deutsche Volk samt fiktivem Freytag-Sohn bei dessen leider wenig erfolgreichen Geschäften suchte. Denn das Geschäftemachen verstanden die Amerikaner besser als der Deutsche, der am liebsten Vorträge hält und auf einen Universitätsposten spekuliert. Allerdings bringen ihn sein Ungeschick und seine Biederkeit schließlich unter den Galgen; schon mit der Schlinge um den Hals auf der Klappe stehend wird er durch eine reitende Botin gerettet und durch den Gewinn eines Preisausschreibens schließlich bei Kasse gehalten. Amerika, du hast es besser!
Das alles ist nicht ohne Reiz, auch wenn um der Spannung willen Pegasus etwas zu heftige Peitschenhiebe erhält. Dennoch ist Solgers Exposition einer kapitalistischen Mentalität, also des Umgangs mit Aktien sowie der Gefahren einer hemmungslosen Spekulation, die "lauter imaginäre Werthe" schafft, für die Zeiten einer globalen Wirtschaftskrise nicht ohne Interesse. Der deutsche Geschäftsmann Antonio Wohlfahrt steht schließlich ohne Geld da, denn für ihn hatte "niemand gesorgt, da er es nicht verstanden, für sich selbst zu sorgen". Worauf er es eben im Bildungswesen als "Lecturer" versucht. In Deutschland wäre er dann wohl Beamter geworden und hätte ausgesorgt. So aber gerät er in die Fänge von Frauen und Intrigen, getreu dem "Erfahrungssatz" des Autors: "Tue niemals etwas selbst, was du eine Frau für dich tun lassen kannst." In der Tat wird ihn eine Frau aufs Schafott und eine andere ihm die Begnadigung des Gouverneurs bringen, Sekunden bevor er unter dem Galgen in die Tiefe stürzen sollte.
Solgers Buch war zu seiner Zeit kein Erfolg und wird es auch heute nicht werden. Aber darauf zielt dieser Nachdruck auch nicht ab, der sorgfältig mit kundigen Anmerkungen und einem Nachwort ausgestattet ist. Für die Geschichte der Deutschen in Amerika ist es nützlich, für das Studium deutscher Mentalität steuert es ein paar bedenkenswerte Ideen bei, und den rüden Antisemitismus Gustav Freytags macht es glücklicherweise nicht mit. Pompey, der "Neger", aber grinst ob dem allen. Für ihn hatte die Geschichte Besseres in petto. Gerhard Schulz
Reinhold Solger: "Anton in Amerika". Novelle aus dem deutsch-amerikanischen Leben. Hrsg. und mit einem Nachwort von Anton Koch. Wehrhahn Verlag, Hannover 2009. 353 S., br., 28,- [Euro].