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Peer Steinbrück und die Finanzkrise Das Wort in der Krise

07.11.2008 ·  Peer Steinbrück ist in eine singuläre Rolle hineingewachsen. Da die Bankenchefs weitgehend schweigen und andere Politiker wenig zu sagen wissen, erwartet die Öffentlichkeit von ihm alle Auskünfte. Er hat sich vorbereitet. Er drückt sich nicht. Er bleibt skeptisch.

Von Nils Minkmar
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Deutschland hat Macken. Kabel liegen stolpergefährlich herum, die beiden Pulte stehen zu eng beieinander, und von der Tribüne hat sich ein metallenes Band gelöst, das jetzt in den Raum ragt und zittert, als würde es uns zum Abschied winken.

Der deutsche Pressesaal im Untergeschoss des labyrinthischen Brüsseler Ratsgebäudes ist kurzfristig einer Verwüstung durch andere Nutzer zum Opfer gefallen, jetzt muss der Schaden beseitigt werden, bevor Journalisten hineinströmen. Bloß keine Symbolbilder liefern. Martin Kotthaus, der genialische Journalistenflüsterer des Auswärtigen Amtes, gerät in Aufruhr. Irgendwann kommen zwei EU-Hausmeister, die Deutschland wieder reparieren sollen. Sie zucken erst einmal mit den Achseln. Dann holen sie doch eine Rolle Lassoband und einen Akkuschrauber hervor. Beinah hätte ich selbst in meiner Tasche nach Sekundenkleber gewühlt. Sonst bin ich gar nicht so. Aber der Staat muss vorzeigbar bleiben. Sehr viel mehr haben wir zur Zeit nicht.

Aus Worten werden Werte

Als am nächsten Tag die Pressekonferenz von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück beginnt, kann man den Saal, der heißt wie das Land, wieder vorzeigen. Es gibt nur noch Stehplätze und allgemeine Aufregung. Es geht nicht um die Tagesordnung und auch nicht um das Treffen der sogenannten Ecofin-Gruppe, das ist bloß der Anlass zu dieser Zusammenkunft. Es geht darum, was ein einundsechzigjähriger Mann mit lichtem Haar sagen wird. Und wie überall, wo in diesen Tagen seine Stimme live zu hören ist, flippen die Journalisten aus.

Man spricht oft von der Psychologie der Märkte, von den Analysen der Experten, in Wahrheit aber ist es Magie, die das Geld der Welt bewegt, Beschwörungen, Flüche und Zauberformeln: Aus Worten wird Gold. Oder sie öffnen den Abgrund.

Lauter Außergewöhnlichkeiten

Nach seiner Pressekonferenz, auf der er den europäischen Steueroasen ordentlich gedroht hat, gibt er, schon fast im Gehen, noch kurze Statements für einzelne Fernsehsender. Er baut sich im Flur auf, wartet, was da kommt - doch da kommt keine Frage, sondern ein Wunsch: „Herr Minister, können wir vor die Deutschlandwand gehen? Das sieht doch besser aus.“

Letzte Woche, auch der Wahnsinn: Wann je hätte eine „makroökonomische Konferenz“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mehr als zwei oder drei Journalisten hinter den Herbstöfen hervorgelockt? Und nun muss Steinbrücks Sprecher Torsten Albig darum bitten, dass auch die deutschsprachigen Medien zu Wort kommen. Bei einer Tagung der Böcklerstiftung!

Mindestens das Paradigma wechseln

Nicht nur Kredite sind knapp geworden, sondern ebenso der politische Klartext. In der „Sunday Times“ schreibt A. A. Gill, dass der Verlust der Tradition der politischen Rede zentraler sei als die Krise des Geldes. Es gibt eine weltweite Nachfrage: Was ist eigentlich passiert? Was wird noch passieren?

Peer Steinbrück erklärt es langsam und deutlich zum Mitschreiben: dass es eine Zeitenwende ist, „mindestens aber ein Paradigmenwechsel“. Dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Und dass er auch nicht genau weiß, was noch kommt. Nur eine Bitte hat er an die Gewerkschaften, mit denen er ansonsten sehr freundlich spricht, die für ihn einen ellenlangen Katalog mit Weltrettungsmaßnahmen erarbeitet haben: Legt mir bitte nicht noch mehr Wackersteine in den Rucksack. Es wirkt nicht arrogant, sondern angespannt.

Die Krise, ein seltsames Lebewesen

Dass er diese Anspannung nicht zu verbergen sucht, sichert ihm einen singulären Standpunkt in der deutschen Politik. Seine Kollegen haben immer gerne alles unter Kontrolle, sie tun so, als sei alles von langer Hand geplant. Er aber entrüstet sich. Am Chaossonntag nach dem Rücktritt von Kurt Beck konnte man meinen, den Dampf zu sehen, der ihm aus den Ohren kommt. In Porträts über Peer Steinbrück vor der letzten Wahl in Nordrhein-Westfalen hieß es, in Geschichtsbüchern werde womöglich einmal stehen, dass „das Ende von Rotgrün mit Steinbrück begann“. Heute kann Steinbrück ein deutsches Psychodrama wie den Börsengang der Bahn beenden, einfach ad calendas graecas verschieben. Mit einem Satz.

Die Krise. Seine Mitarbeiter reden von ihr wie von einem seltsamen Lebewesen, das plötzlich aufgenommen werden musste und nun immer weiter wächst und wütet und alles auf den Kopf stellt. Die Krise fordert. Die Krise kostet Schlaf. Die Krise teilt die Zeit: Davor waren Quartalszahlen, Schätzungen, Defizitbekämpfung, seitdem geht es um - vielleicht um alles. Dass sie wieder abzieht, die Krise, damit rechnet niemand. Sie macht es sich gemütlich und den Leuten vom Finanzministerium die Arbeit ihres Lebens.

Es liegt ihm am Wort

Die Krise traf auf die deutsche Politik wie Godzilla auf Tokio: Es war ziemlich schnell alles sehr übersichtlich. Die Helden aus den Ländern, aus Fraktionen und Verbänden, die Andenpaktjungs oder die Netzwerker, die Pizzaconnections und Freundeskreise, alle sind einmal durchs Bild gefegt worden, bis nur zwei übrig blieben, die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister. Die eine kann sich schlecht verdrücken - obwohl Bush auch das noch geschafft hat -, aber der andere muss keineswegs eine so prominente Rolle einnehmen. Dass es so gekommen ist und so bleiben wird, liegt nicht an Fachkompetenz oder politischem Gewicht, an Charisma oder Medienkompetenz, es liegt an der Sprache.

Nirgends haben Wörter so viel Gewicht wie in der Finanzwelt. Und kein Politiker hat Bücher, Romane, Biographien, historische Werke so sehr als persönliche Ressource erkannt und gepflegt wie Peer Steinbrück. Er hat an sich gearbeitet, aber nicht im Sinne der Coaches und Spindoktoren, die Provinzpolitikern versprechen, sie mit neuer Frisur und Körpersprache zu neuen Kennedys zu machen, sondern im Sinne eines Redakteurs oder Lektors. Seine Sprache ist frei von Textbausteinen. Keine Mixtur aus Fachbegriffen und Sonntagsprosa, kein „vom Gestern ins Morgen dank flexibilisierter und europäisch harmonisierter sozialer Sicherheitssysteme“.

Zwischen den Fronten

Brüssel. Es herrscht Nebel und ist zu warm für diese Jahreszeit. Peer Steinbrück scheint noch in Gedanken, als er dem Wagen entsteigt und wieder einmal vor sehr vielen Journalisten steht, die sich gebärden, als ob sie seit Tagen ausschließlich von Espresso und Kokain lebten. Manche erwarten Trost. Andere Prognosen.

Die Stimme, nach der alle die Ohren spitzen, ist gar nicht gemacht für solche Ansagen. Sie wirkt, aus dem gestandenen Mann kommend, seltsam hell und neigt dazu, wo es entscheidend und wichtig wird, in ein Stakkato überzugehen. In Parteiversammlungen und Hinterzimmern ist das ein Nachteil, da behält immer der Brummbär im Bass von den Parteirändern die Oberhand. Aber in so einem Amt, in so einer Krise wird es zum Vorteil: weil es ruhig sein muss, wenn man Steinbrück verstehen will. Das funktioniert auch in der Kontroverse. Bei der Gewerkschaft begeistert sich der Saal für den Vorschlag, die Erträge aus Firmenverkäufen zu besteuern, es gibt anhaltenden Applaus, in den sich Steinbrück warnend einschaltet: „Habt ihr euch einmal überlecht, dass ich mit den Gewinnen auch die Verluste besteuern müsste? Und wie sähe das wohl aus in der jetzigen Lage? Da haben wir Verluste! Was würden die da alles abschreiben?“

Verknappte Kommunikation

Steinbrück erzeugt keine Gutfühlmomente. Es sagt nicht das, was man von ihm hören möchte, und man verlässt ihn trotzdem voller Vertrauen. Wie entsteht Vertrauen? Und dazu noch so viel Vertrauen in ihn, dass er es den Banken leihen kann? Wie macht er das?

Er ist natürlich nicht allein, er hat sein Team. In seinem engsten Umfeld ist es beinah völlig still. Keine ausufernden Redebeiträge, sondern nur verknappte Äußerungen: „Nordbank ist dabei.“ „Commerzbank ist dabei.“ Es geht um den Rettungsschirm und die Frage, ob man die Banken zur Annahme der Hilfe hätte zwingen müssen. Steinbrück wurde zunehmend kritisch betrachtet. Insofern ist das politisch für ihn eher eine gute Nachricht. Doch es ist weder Erleichterung noch Sorge zu spüren. Es geht einfach weiter.

Lesen, schreiben, merken

Im Flugzeug nach Brüssel gibt es einen Moment, in dem er in Ruhe arbeiten kann. Es kommt kein Laptop zum Vorschein und auch keine Mappe mit mundgerechten Redevorlagen, sondern ein speckiges, froschgrünes Plastikringbuch, in das ein Stapel Akten auf Umweltpapier geheftet wurde. Steinbrück will sich darüber hermachen, als ihn seine Mitarbeiterin Frau Nordhorn stoppt: Das gesamte Fach drei müsse aktualisiert werden. Er schaut beinahe traurig, als sie ihm einen Stapel Papier herausnimmt und durch einen neuen ersetzt. Keine noch so kleine Handreichung oder Hilfe, die er nicht durch ein geflüstertes „Vielen Dank“ quittiert.

Dann faltet er ein weißes Blatt, zieht die Kappe von einem Tintenroller und beginnt. Es ist ein Bild, wie man es aus sämtlichen Lesesälen und Wohngemeinschaftszimmern kennt, so entsteht jedes Referat und jede Seminararbeit: lesen, rausschreiben, merken, und weiter. Es ist eine mühsame und selbstvergessene Art zu arbeiten, die sich erst auf Dauer bezahlt macht. Auf Effekt spielende Politiker schauen sich Karteikarten mit Onlinern an, um besser in die Nachrichten zu kommen. Die meisten aber lesen die Vorlage ab.

Das einstige Sicherheitsrisiko

Steinbrück kommt aus der studentischen Wohngemeinschaft. Nicht aus einer heroischen und legendären wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Und nicht aus einer in Frankfurt, sondern aus einer in Kiel. Aber sie galt als links, so dass es eines Tages morgens um halb sieben klopfte. Während Steinbrück noch schlief, betrat eine Gruppe von Polizeibeamten die Wohnung mit vorgehaltener Maschinenpistole und stellte alles auf den Kopf. Nachbarn hatten die verdächtige Kommune angezeigt, und da man in der Terroristenhysterie alles für möglich hielt, wurde sicherheitshalber auch das Morsealphabet des Marinefans Steinbrück konfisziert.

Die Durchsuchung blieb nicht bloß eine Anekdote. Der Doktorand Steinbrück hatte einen befristeten Vertrag im Bundesbauministerium, der 1976 auslief. Doch eine Verlängerung oder gar die Übernahme in ein unbefristetes Angestellten- oder Beamtenverhältnis wurde abgelehnt: „Ich galt als Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik Deutschland!“ Er referiert es noch heute mit ehrlicher Erschütterung. Steinbrück fand keine Stelle, starrte auf die leeren Blätter, die seine Dissertation aufnehmen sollten, wie Barton Fink auf das bestellte Drehbuch.

Seine Frau war schwanger. Keine Unschuldsbeteuerung half, selbst ein Schriftstück der zuständigen Kieler Staatsanwaltschaft, nach der er in der Sache nur als Zeuge in einem überdies abgewiesenen Verfahren geführt wurde, blieb wirkungslos. „Ich dachte, ich bin in eine kafkaeske Geschichte hineingeraten. Leider als Hauptperson.“ Die Erkenntnis, dass sich trotz eigenen Bemühens die ganze Lage zum Schlechten drehen kann wie unter einem bösen Zauber, ist ihm geblieben. Und verantwortlich für diese Sackgasse war ausgerechnet sein Idol Willy Brandt und dessen Radikalenerlass.

Ein Stück Abgeklärtheit

Und nicht, dass Steinbrück damals irgendwie radikal gewesen wäre, er konnte den antitotalitären Reflex Brandts sogar nachvollziehen, das machte ja alles noch komplizierter. Diese Lage machte Steinbrück endgültig zum Skeptiker. Es ist eine Haltung, die er in den Politthrillern des 1995 verstorbenen Schriftstellers Ross Thomas wieder findet, gegen den Le Carrés Geschichten sich wie Kinderbücher ausnehmen, so komplex geht es dort zu; der Agent als Existentialist, komplex und cool zugleich. Es ist nicht die stoische Haltung des Helden, den nichts zu erschüttern vermag, sondern die eines Typen, der schon mal eins auf die Mütze bekommen hat, der durch den Regen tappt und den hinter der nächsten dunklen Ecke auch nichts Gutes erwartet. Und der dann einen Spruch macht: Steinbrück pflegt eine Abgeklärtheit, die nur Humor noch gelten lässt.

Daher ist er heute, da ihn alle als den starken Mann neben der Kanzlerin in ihren Drehbüchern stehen haben, einigermaßen unbeeindruckt. Auch wenn er sich noch so anstrengt - es kann schiefgehen. Das Scheitern der Tüchtigen an der Geschichte, aber die wesentliche Bedeutung, auch in diesen Episoden der eigenen Linie zu folgen und darauf zu achten, sich zu konzentrieren, sich an die Sache zu halten und nicht den Faden zu verlieren, ist auch ein Grundmotiv bei Manès Sperber, dem Chronisten des Unglücks im vergangenen Jahrhundert, den er als eine weitere Inspirationsquelle nennt. Bei Sperber kann man studieren, wie ganze Gesellschaften kippen und „bis zu welchem Grade des Selbstbetrugs eine wache Intelligenz herabsinken kann in der Begier, sich für eine Sache zu opfern“.

In Brüsseler Hinterzimmern

Nach einem langen Tag, an dem in Hessen die Hölle los gewesen ist und der in der zweiten Hälfte ganz europäischen Finessen gewidmet war, kommt Steinbrück in das Hinterzimmer einer rot gestrichenen italienischen Bar, in der sich einige Brüssler Studenten aufwärmen. Hinter der Theke steht ein gleichmütiger Wallone von nicht gerade prächtiger Erscheinung. Steinbrück richtet mit leiser, heller Stimme das Wort an ihn, als wäre es der Majordomus eines Gentlemen's Club: „Sir, would you be so kind to reduce the heating system?“ Der Mann geht ungerührt zum Heizkörper hinüber und fummelt an der Schraube, die das Thermostat ersetzt. „That's very kind of you, Sir“, bedankt sich der Minister. Immerhin erhält er ein kühles Glas Weißwein.

Und nun? Keine Ahnung. Hätte man vor sechs Wochen gedacht, dass es zum heutigen Datum keine amerikanische Investmentbank mehr geben würde? Dass Bundestag und Bundesrat binnen acht Tagen einen Schirm über fünfhundert Milliarden aufzuspannen vermöchten? Und dass dessen ungeachtet der IWF für das kommende Jahr eine Weltrezession angekündigt hat?

Man kann es nicht wissen

Die Milliarden werden bereitgestellt und aufgespannt und verflüssigt, aber Godzilla wütet weiter, als hätte man die Bestie mit welken Salatblättern und Herbstlaub satt kriegen wollen. Gerade macht sie sich über die Automobilindustrie her.

Und was machen wir? Mal sehen. Den nächsten Schritt planen, simulieren, reagieren. Und wird das die Wende bringen? Wer kann das schon sagen. Von einem Schüler wurde Peer Steinbrück am vergangenen Donnerstag gefragt, wie lange die Krise wohl noch dauern werde. „Ich weiß es nicht. Und wenn dir jemand etwas anderes erzählt, glaub ihm nicht“, hat er dem Jungen geantwortet. Nichts anderes sagt er im kleinsten Kreis, am späten Abend. Ist die Lage überhaupt noch umkehrbar? Dass es nie wieder wird, wie es einmal war, hat er ja bereits öffentlich eingestanden. Aber wie schlimm wird es?

Sachkenntnis, die beeindruckt

Es sind ja nicht nur die Aktien, die Haushalte und die Schulden, die wir im Namen noch nicht Geborener machen, es ist längst die ganze Welt: Was passiert, wenn die Chinesen den Energieverbrauch der Vereinigten Staaten erreichen? Dort leben 1,4 Milliarden Menschen. Und wenn diese dieselbe Autodichte möchten wie die Bewohner Nordrhein-Westfalens?

Der Mann, der mittags in Brüssel hinter dem Pult mit dem deutschen Adler gegen die Bedrohung der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland durch Steueroasen wettert und keine Fangfrage zu fürchten braucht, weil seine Kenntnis der vertrackten Materie auch den eigenen Beamten Respekt abnötigt, ist am Abend nachdenklich. Während die Journalisten noch darüber sinnieren, in welchem Zustand sich die große Koalition befindet, welche Alternativen sich eröffnen, plagen Steinbrück bereits ganz andere Visionen, von einem Endspiel, aus dem alle guten Geister gewichen sind: Was, wenn auch Sozial- und Christdemokraten zusammen keine Mehrheit mehr bilden? Wie schnell ging es in Italien, selbst in Frankreich, dass gewachsene Parteienlandschaften überrollt wurden von einer mittelcharismatischen Herrschaft? Vertrauen kann ein Fundament heute nur in Skepsis haben. Man braucht Prinzipien.

Das Scheitern studieren

Auch dieses Muster kennt Peer Steinbrück aus Büchern: Winston Churchill hielt sein Land und die Alliierten mehrere Jahre nur mit Reden am Leben, in einer todesmutigen Entschlossenheit, die um so manischer verkündet wurde, je mehr die faktischen, materiellen und militärischen Fundamente für eine solche Haltung wegbrachen. Tagsüber hielt er bewegende Reden, in der Nacht suchten ihn die „Albträume der statistischen Kurven“ heim, jene nämlich, auf denen genau zu erkennen war, wann die deutschen U-Boot-Angriffe auf zivile Frachter die Insel von den Versorgungslieferungen aus Nordamerika abgeschnitten haben würden.

Die beiden Bände der großen Churchillbiographie von William Manchester, zusammen 1729 Seiten, haben Steinbrück viel bedeutet. Nach langem Warten auf den dritten Band hatte er in New York die Adresse des Autors ermittelt und ihm einen Brief geschrieben. Bald kam Antwort von einer Assistentin: Der Autor bedanke sich, sei aber wegen eines Schlaganfalls nicht mehr in der Lage, das Werk zu vollenden.

Peer Steinbrück folgt Oscar Wilde, der die Aufgabe von Kunst darin sah, die Schönheit des Scheiterns darzustellen. Ist es im Leben, in Wirtschaft und Politik so, dass der, der das Scheitern studiert, am ehesten gewinnt? Manchmal.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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