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Pazifismus mit Morrissey Tuntenfrieden

 ·  Wenn alle Männer schwul wären, gäbe es keine Kriege mehr, meint der britische Indie-Sänger Morrissey. Er reiht sich damit ein in eine lange Tradition idiotischer Biologismen.

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Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Das Zitat aus dem buchlangen Gedicht „The People, Yes“ („Das Volk, jawohl“) des amerikanischen Lyrikers Carl Sandburg gehörte in den achtziger Jahren zu den Losungen der Friedensbewegung. Jetzt hat der britische Sänger Morrissey, der die Öffentlichkeit gern aufrüttelt mit seinen Hüftschüssen, einen anderen Vorschlag für den ewig währenden Frieden gemacht. Er lautet dem Sinne nach: „Stell dir vor, alle wären schwul, dann gäbe es keinen Krieg.“

Denn, so meint der politisch engagierte Sänger in einem Gespräch mit „Rookie“, einer amerikanischen Online-Zeitschrift für Teenagerinnen, „Kriege und Armeen und Atomwaffen sind im Grunde heterosexuelle Hobbies“. Frauen zögen nicht in den Krieg, um andere Frauen zu töten, behauptet Morrissey, und schwule Männer würden, anders als Heterosexuelle, nie andere Männer umbringen. Ein ähnlicher Gedanke lag auch dem Hirngespinst eines Labors der amerikanischen Luftwaffe zugrunde, das in den neunziger Jahren Forschungsmittel beantragte für die Entwicklung einer nichttödlichen, chemischen Waffe. Sie sollte weibliche Pheromone freisetzen, um homosexuelles Verhalten auszulösen und feindliche Truppen vor lauter gleichgeschlechtlicher Begierde außer Gefecht zu setzen.

Wie man mit Klischees die eigene Sache torpediert

Das Projekt „schwule Bombe“ scheiterte nicht zuletzt an der Frage, ob die durch das Aphrodisiakum erzeugte Triebsteigerung auf Anhieb eine Veränderung der sexuellen Neigung herbeiführen könne und ob die ausgefallene Idee eines Pheromonangriffs nicht eher bei geschlechtlich gemischten Heeren sinnvollere Anwendung fände. Abgesehen davon, ist die Geschichte reich an Beispielen von Befehlshabern, militärischen Helden und Haudegen, die homosexuell waren oder denen Psychohistoriker verdrängte homosexuelle Neigungen nachgesagt haben, angefangen mit Alexander dem Großen über den Prinzen Eugen, Friedrich den Großen und Lawrence von Arabien bis hin zu Wilhelm II., Röhm und Hitler.

Die furchterregenden Amazonen mögen bloß der Welt der Sagen und Mythen angehört haben, aber in den Zeiten, als nur Männer an die Front durften, haben sich zahllose Frauen verkleidet, um dienen zu können. Oft flog ihre Tarnung erst nach ihrem Tod auf dem Schlachtfeld auf. Seit Jahrzehnten kämpfen Feministinnen, Lesben und Schwule um Gleichstellung in der Armee - und dann fällt ihnen ein prominenter Wirrkopf mit Klischees vom weichen Geschlecht in den Rücken.

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28.02.2013, 16:46 Uhr

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Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3