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Veröffentlicht: 19.08.2012, 16:30 Uhr

Paul Ryan und Ayn Rand Gefahr im Buch

Früher war „Atlas Shrugged“ von der radikalindividualistischen Philosophin Ayn Rand der Lieblingsroman von Paul Ryan. Heute möchte der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten davon nichts mehr wissen. Woran liegt es?

von Gregor Quack
© picture alliance / Everett Colle Keine Gnade den Verlierern: die Raubtierphilosophin Ayn Rand

Als Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Republikaner vor einer Woche verkündete, er habe sich als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, „running mate“ und Wahlkampfkumpel für die Wahl am 6. November einen gewissen Paul Ryan ausgesucht, da ließ sich ganz hervorragend beobachten, dass man der amerikanischen Mediendemokratie wirklich alles vorwerfen kann, nur nicht schlecht ausgebildete Reflexe. Schnell war das Grundsätzliche etabliert: Paul Ryan hat eine viel einnehmendere Persönlichkeit als der etwas dröge Romney und ist erst 42 Jahre jung, das heißt 25 Jahre jünger als Romney, neun Jahre jünger als Obama, aber beispielsweise drei Jahre älter als der deutsche Vize Philipp Rösler. Er sieht mit seinem brünetten Kurzhaarschnitt ein bisschen aus wie der junge Ronald Reagan und verbringt jeden Morgen eine Stunde mit einem besonders anstrengenden DVD-Fitnessprogramm namens „P90x“. Bei Google stand 24 Stunden nach der offiziellen Verkündung direkt hinter der Suchanfrage „Paul Ryan vice president“ die Suche nach „Paul Ryan shirtless“. So weit, so indiskret, so egal.

Unter all den persönlichen Indiskretionen, die jetzt herausgefunden oder abgestaubt wurden, sticht nur eine heraus. Vor sieben Jahren, als er noch ein einfacher Kongressabgeordneter aus dem kleinstädtischen Janesville in Wisconsin war, hatte Ryan nämlich in einer Rede ganz freiwillig über seine Lieblingsbücher gesprochen und erklärt, der Roman „Atlas Shrugged“ der Schriftstellerin Ayn Rand habe ihn beeinflusst wie kein zweiter und sei inzwischen absolute Pflichtlektüre für alle seine Mitarbeiter und Praktikanten. Das Besondere an der Information ist nicht nur, dass sie vom Mitglied einer Partei kommt, die schon seit dem überwältigenden Wahlsieg des republikanischen Soldatenhaudegens Dwight D. Eisenhower über den Demokraten-„Eierkopf“ Adlai Stevenson im Jahr 1952 weiß, wie man Intellektuellenschelte als effektives Wahlkampfgeschütz einsetzt, sondern dass sie auch offensichtlich die einzige unter den vielen persönlichen Indiskretionen ist, die Ryan selbst nervös macht. Inzwischen lässt er nämlich keine Gelegenheit mehr aus zu erklären, seine Rand-Vorliebe sei nicht mehr als eine „urbane Legende“ - obwohl sich jeder den Originalton der Rede im Internet anhören kann.

Romney 2012 © dapd Vergrößern Auf Distanz gegangen: Paul Ryan

Wer ist also diese Ayn Rand, deren Name allein schon ein solches politisches Gewicht trägt, dass man die politischen Überzeugungen vieler Amerikaner daran erkennen kann, ob sie sagen, Ayn reime sich auf „shine“ oder auf „swine“? Was hat es mit einem Buch wie „Atlas Shrugged“ auf sich, das in Deutschland so unbekannt ist, das es nach vielen Jahren des Vergriffenseins erst seit diesem Jahr wieder übersetzt zu haben ist, im Kleinstverlag Kai M. John und mit Frank Schäffler, dem Chef-Anti-Euro-Raubauken der FDP, als prominentestem Buchklappenjubler?

Ayn Rand wurde 1905 als Alissa Sinowjewna Rosenbaum in St. Petersburg geboren und kam mit 21 Jahren auf der Flucht vor den russischen Bolschewiken, die ihrem Vater seine Apotheke abgenommen und ihre Familie hatten verarmen lassen, nach New York. Nach einiger Zeit als halbwegs erfolgreiche Drehbuchautorin in Hollywood begann sie die Arbeit am ersten ihrer beiden großen Romane, „The Fountainhead“, der auf Deutsch je nach Übersetzung „Der Ursprung“ oder „Der ewige Quell“ heißt. Das 1943 erschienene Buch (dessen sechs Jahre später erfolgende Verfilmung mit Gary Cooper in der Hauptrolle sie pingelig überwachte) folgt dem brillanten, hochnotmännlichen Architekten Howard Roark in seinem Kampf gegen eine amerikanische Gesellschaft, die partout kein Interesse an seinen modernen Wolkenkratzerentwürfen zeigt, sondern lieber die Antikenpastiches seiner kriecherischen Rivalen baut, und in der so wenig Interesse an individueller Leistungsfähigkeit besteht, dass das Personalpronomen „Ich“ per Gesetz verboten wird.

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