14.12.2005 · Das Schicksal der Heldin, der reiche Fächer ihrer Tricks oder die Poesie der Märchendinge, die den Goldstoff der Erzählung bilden: „Allerleirauh“ von den Brüdern Grimm ist ein sehr vielfältiges Märchen.
Da ich nicht weiß, was bei Bruno Bettelheim zu „Allerleirauh“ steht, darf mich vor den Bildern dieses Grimmschen Märchens der Originalschauder packen.
Ein junges blondes Mädchen wird von zwei Königen begehrt, besser: gejagt. Der erste ist sein eigener Vater. Dessen Inzestwunsch sollen wir für Liebe halten, denn das arme Mädchen gleicht zu seinem Pech seiner verstorbenen Mutter. Der erste König bringt es außerdem fertig, allen Tieren seines Reichs ein Stück aus ihrem Fell herausschneiden zu lassen. So einen muß man einen totalitären Charakter nennen. Neunzig Prozent des Märchens handeln deshalb von allen möglichen Formen der Jagd sowie der panischen Reaktion darauf: Finte, Flucht, Versteckspiel und Maskerade. Vom pochenden Herzen der Titelheldin ist dabei kaum die Rede.
Hohe Dichte an wundersamen Einfällen
Daß der zweite König ein passenderer Mann für unser Rauhtierchen wäre (allein der Spitzname rührt zu Tränen), entnehme ich einem einzigen Wort: daß er „jung“ ist. Dennoch finde ich den Mann ziemlich brutal und als obsessiv Liebenden suspekt. „Seht zu, ob ihr's lebendig fangen könnt“, sagt er zu seinen Jägern, die das Mädchen im hohlen Baum entdecken, „dann bindet's auf den Wagen und nehmt's mit.“ „Allerleirauh“ besitzt eine so hohe Dichte an wundersamen Einfällen, daß es einem den Atem verschlägt. Vergessen wir nicht, daß der Koch damit droht, Allerleirauh verhungern zu lassen, sollte ihr ein Haar in die Suppe fallen.
Wann immer ich das Märchen lese oder höre, weiß ich kaum, was mich mehr beschäftigt: das Schicksal der Heldin, der reiche Fächer ihrer Tricks oder die Poesie der Märchendinge, die den Goldstoff der Erzählung bilden. Zum Beispiel, daß Allerleirauh ihre drei Kleider von Sonne, Mond und Sternen in eine Nußschale tut, als wär's ein Samsonite-Koffer; daß sie drei Objekte mitnimmt, nämlich einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen; wie sie sich das Gesicht mit Ruß beschmiert, wie sie Brotsuppe kocht und sich dann wieder in ihr Patchwork aus Tierfellen zurückzieht. Deshalb vermute ich, dem konventionell glücklichen Ausgang zum Trotz, daß der junge König es nicht leicht mit ihr haben wird. Insgeheim hoffe ich, daß Allerleirauh eines Tages die Nußschale packt, sich ihre Tierfelle schnappt und für immer in den Wäldern - niemandes Wäldern! - verschwindet.