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Antritt am Collège de France : Geschichtsstunde

Nach den Anschlägen von Paris: Trauerbekundungen an der Place de la République Bild: dpa

Die Geschichte als Weg, die Gegenwart zu verstehen und die Welt von morgen zu denken: Patrick Boucheron hält eine vielbeachtete Antrittsvorlesung am Collège de France. Das Land versteht seine Ausführungen als Bruch mit dem Pessimismus der Historiker.

          „Vor einem Monat bin ich auf die Place de la République zurückgekehrt“: Dieser bereits viel gefeierte, eifrig interpretierte Satz wird wohl so berühmt bleiben wie das Diktum von Roland Barthes, der erklärt hatte, dass die Sprache faschistisch, die Literatur aber revolutionär sei. Die Formel war die Quintessenz von Barthes’ Antrittsvorlesung im renommierten „Collège de France“, wo er - Höhepunkt seiner akademischen Karriere - den für ihn eingerichteten Lehrstuhl für „Sémiologie littéraire“ antrat.

          Mit Roland Barthes’ „Lektion“, wie ihr Titel lautete, mit Äußerungen Michel Foucaults, Lévi-Strauss’ und den wenigen Sternstunden des französischen Geisteslebens seit einem halben Jahrhundert wird die Antrittsvorlesung des in der Öffentlichkeit wenig bekannten, in den Medien kaum präsenten Historikers Patrick Boucheron verglichen. Er ist Spezialist der italienischen Stadtentwicklung im Mittelalter. In politische Debatten war er zweimal verwickelt: als es um die Deserteure der französischen Armee im Ersten Weltkrieg ging und beim Widerstand gegen das von Sarkozy geplante „Haus der Geschichte“.

          Mit seiner Rückkehr auf die Place de la République - nach den Attentaten - begann Boucheron seine Antrittsvorlesung am Collège de France. Als Denker der Stadt, des Ungehorsams und der Republik führte ihn Roger Chartier ein. Bei ihm und seinen großen Vorbildern Marc Bloch, Fernand Braudel, Georges Duby, Jacques Le Goff bedankte sich Boucheron. „Was die Geschichte vermag“ war das Thema des Fünfzigjährigen, der sich als mittelmäßiger Schüler und spät Berufener beschrieb. Aber sie vermöge sehr viel mehr, als er und seine Generation aus ihr machten.

          In diesem „traurigen Herbst“ der Attentate und dem Front National als stärkster Partei des Landes wurden Patrick Boucherons Ausführungen als Bruch mit dem Pessimismus der Historiker verstanden. Die Geschichte sei ein Weg, die Gegenwart zu verstehen und die Welt von morgen zu denken. Und vor allem: Sie müsse wieder lauter sprechen - was Boucheron selbst so sehr zuwider ist. Vom Januar an wird er über „Erinnerungen, Fiktionen, Glauben: das lange Mittelalter“ dozieren und in seinen Seminaren die „historiographischen Experimente“ der Moderne diskutieren. Ein „rhetorisches Festival, eine mächtige Demonstration des Denkens“ nannte das Nachrichtenmagazin „L’Obs“ die Antrittsvorlesung und erinnerte an Victor Hugo und Jules Michelet. Von einer „intellektuellen Verzauberung“ schwärmt ein Teilnehmer. Für „Le Monde“ war es eine „magistrale Lektion“. Auf der Homepage des „Collège de France“ kann man sie nachverfolgen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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          Quelle: F.A.Z.

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