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Veröffentlicht: 01.01.2006, 19:42 Uhr

Patrick Bahners Mein Lieblingsmärchen: „Das schlaue Füchslein“

Als Leos Janacek nach einem eigenen Libretto seine Oper „Das schlaue Füchslein“ komponierte, war er siebzig Jahre alt und zu einer achtunddreißig Jahre jüngeren Frau in einer Liebe entbrannt, die sich nur auf dem Papier seiner Briefe erfüllte.

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© picture-alliance / dpa Szene aus der Oper „Das schlaue Füchslein”

Es war einmal ein Förster. An einem schwülen Sommernachmittag streifte er durch sein Revier. Daheim wartete seine Frau. Vor einer Dachshöhle machte er ein Nickerchen. Er wachte auf, als ihm ein Frosch auf die Nase sprang. Da sah er eine junge Füchsin. Er fing sie und nahm sie mit nach Hause. Der Dackel erzählte der Füchsin, daß er Liebeslieder komponiert, obwohl er von der Liebe nichts versteht. Als der Dackel der Füchsin zu nahe trat, schlug die Füchsin Krach. Die Försterin drohte dem Förster, die Füchsin hinauszuwerfen.

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Der Förster band die Füchsin fest. In der Nacht verwandelte sich die Füchsin in ein Mädchen. Am Morgen war sie wieder die Füchsin. Mit kommunistischen Parolen wiegelte die Füchsin das Hühnervolk gegen den Hahn auf. Sie biß den Hühnern die Kehle durch, floh in den Wald und vertrieb den Dachs aus seiner Höhle. Da kam der Fuchs des Weges, ein fescher Kerl mit adligem Namen. Die Füchsin und der Fuchs gaben sich das Jawort, zogen sich in den Dachsbau zurück und setzten viele Füchslein in die Welt.

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Verwechslung

Der Förster dachte immer noch an die Füchsin und legte eine Falle aus. Die Füchse lachten über den Förster. Da kam Haraschta des Weges, der Wilderer, mit einem Korb in der Hand. Die Füchsin witterte Geflügel und spielte mit Haraschta Katz und Maus. Haraschta schoß in die Fuchsfamilie, und die Füchsin blieb tot liegen. Der Förster ging in den Wald, legte sich nieder und schlief ein. Als er aufwachte, sah er eine junge Füchsin. Er griff nach der Füchsin und fing einen Frosch. Der Förster begrüßte den Frosch, aber der Frosch klärte den Förster darüber auf, daß er ihn mit seinem Großvater verwechselte.

Als Leos Janacek nach einem eigenen Libretto seine Oper „Das schlaue Füchslein“ komponierte, war er siebzig Jahre alt und zu einer achtunddreißig Jahre jüngeren Frau in einer Liebe entbrannt, die sich nur auf dem Papier seiner Briefe erfüllte. Und in seinen Werken. Es wäre falsch, den verliebten Förster, der keinen ordentlichen Schuß abgeben kann, eine selbstironische Erfindung zu nennen. Alles Rollenhafte läßt diese Oper im Prozeß der Natur verschwinden, der keine Distanz zuläßt und auch das Publikum in den Bann schlägt. Ob seine Geschichte Wahrheit oder Märchen sei, fragt der Förster sich selbst. Keine Fabel hatte Janacek im Sinn: Er zeichnete Vogelstimmen auf und beobachtete die Füchse, weil er zwischen Mensch und Tier, Freiheit und Trieb keinen Unterschied gelten lassen wollte.

Zirpen und Zerren

Wie hört sich die Natur an? Das Übereinander des Zirpens und Zerrens, des Scharrens und Schwirrens kleiner Organismen ergibt den Ausdruck eines großen Sehnens. Bei Janaceks Beisetzung wurde der Schlußmonolog des Försters gesungen. Es war einmal, zweimal, jedesmal wieder ein Frosch, eine Füchsin, ein Förster. Die Hingabe an den Kreislauf des Trieblebens befreit. Zwar klammerte sich der Förster noch an die Hoffnung, die Tochter der Füchsin besser zu erziehen, „damit über dich und mich nichts mehr in den Zeitungen stehen wird“. Doch daraus konnte nichts werden, wie man heute wieder sieht.

Als Referenzeinspielung des „Schlauen Füchsleins“ gilt die Supraphon-Produktion unter Leitung von Vaclav Neumann.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 35

 

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