Home
http://www.faz.net/-gqz-75n6h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Partytourismus in Berlin Die Basisdemokratie der Bierflasche

Zumindest in einer Hinsicht hat Berlin Karriere gemacht: Als Weltpartyhauptstadt, in der man billiger und exzessiver feiern kann als in jeder anderen Metropole. Das ist kein Zufall, sondern die glückliche Erfüllung eines Schicksals.

© Daniel Rosenthal/laif Epizentrum der Berliner Partyszene: Im Watergate Club am Kreuzberger Spreeufer treffen sich nicht nur die Königinnen der Nacht.

Das wahre Wahrzeichen Berlins ist nicht das Brandenburger Tor und auch nicht der Reichstag und schon gar nicht der Alex oder die Goldelse, sondern eine braune Pfandflasche. Es ist das vom Volksmund „Wegbier“ getaufte alkoholische Erfrischungsgetränk, das in der deutschen Hauptstadt mit größter Selbstverständlichkeit in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt und leergetrunken wird. Was andernorts ein Privileg von Obdachlosen und Schwerstalkoholikern ist, gilt in Berlin als vollkommen gesellschafts- und satisfaktionsfähig. Jung und Alt, Einheimische und Fremde, Proleten und Akademiker, sie alle halten in Straßen und Parks, Bussen und Bahnen lässig ein Wegbier in der Hand, wahlweise eine namenlose Ramschplörre für eine Handvoll Cent oder die gehobenen, aus Funk und Fernsehen bekannten Marken, gern auch als Accessoire mit einer abgewetzten Plastiktüte vom Discounter kombiniert. Die Empfänger staatlicher Transferleistungen trinken es aus Prinzip, die Werktätigen genehmigen es sich als Feierabendlohn auf dem Nachhauseweg, und die feierwütigen Berlin-Besucher haben es immer als Wegzehrung zwischen zwei Bars dabei. Wenn das so weitergeht, wird sich das Wegbier bestimmt bald auch beim Berliner Kulturpublikum durchsetzen, das dann in den Pausen italienischer Verzweiflungsopern tief gerührt einen tiefen Schluck Berliner Kindl aus der Pulle nehmen wird.

Jakob Strobel y Serra Folgen:

Die schöne, basisdemokratische Sitte des Wegbiers ist viel mehr als nur lokale Folklore. Sie ist die allgegenwärtige Metapher für Berlins Charakterdialektik aus Toleranz und Indifferenz, Piefkestolz und Libertinage, Proletariertum und Weltläufigkeit, die es in keiner zweiten Hauptstadt gibt und Berlins sagenhaften Aufstieg zur Weltpartymetropole und coolsten Stadt des Planeten überhaupt erst möglich gemacht hat. Ganz pragmatisch gesehen, ist das Wegbier das Sinnbild dafür, dass man hier so freizügig und vor allem so billig feiern kann, wie es in Paris oder London niemals möglich wäre. Ein Pils im Wirtshaus kostet mitunter kaum zwei Euro, Longdrinks gibt es für das Doppelte, und mancher Schlepper vorm Kneipeneingang raunt den Passanten sogar verschwörerisch zu, dass drinnen für fünf lächerliche Euro gleich ein halber Liter Gin Tonic zu bekommen sei. Längst hat sich im Zentrum der Stadt - dort also, wo sich in anderen Metropolen Repräsentationsbauten stapeln und Halsabschneidercafés drängeln - eine komplette Infrastruktur für den kostenbewussten Spaßtouristen mit Hostels, Fahrradverleihen und einer geradezu epidemischen Zahl von Imbissen etabliert. Für diese ist es natürlich Ehrensache, ihre Currywürste und Döner-Kebabs zu Dumpingpreisen auf Wegbierniveau zu verramschen. Der Appetit kommt dann schon mit dem Hunger.

Ick steh’ uff dir

Noch größer scheint inzwischen nur noch die Zahl der Souvenirgeschäfte zu sein, die Plüschbären, Zinnkrüge, angebliche Mauerbröckchen unter Plexiglas, Ampelmännchenschnäpse in Rot und Grün und noch deutlich schärfere Sachen verschleudern. Ein Laden in Toplage am Gendarmenmarkt, der sich selbst in traditioneller Berliner Bescheidenheit als „originell, witzig, kreativ“ bezeichnet, hat kreative Badetücher mit witzigen Sprüchen wie „Ick steh’ uff dir“ oder „Ick fühl’ mir jut“ im originellen Angebot, während ein Dildo-Souvenirfachhandel direkt am touristischen Epizentrum Hackescher Markt, Premiumlage Ecke Oranienburger Straße, Vibratoren in erstaunlicher Vielfalt führt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Watergate beim BND Wasserschaden kostet eine Million Euro

Eine Million Euro kostet der Wasserschaden an der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Vor einem halben Jahr hatten dort Unbekannte Wasserhähne abmontiert und Teile des Gebäudes geflutet. Mehr

02.09.2015, 09:02 Uhr | Politik
Spitzenkunst Häkelmuster erobern die Straßen

Spitzendeckchen wie aus Großmutters Wohnzimmer werden bei NeSpoon zu Straßenkunst. Die Polin knüpft daraus kunstvolle Spinnennetze und hängt sie zwischen Straßenbäume. Oder sie überträgt die traditionellen Muster auf Ton und schafft damit Fassadenkunst in Warschau. Mehr

31.05.2015, 14:40 Uhr | Gesellschaft
Eine Nacht im Elektro-Club Tun, was der Schamane will

Frankfurts coolster Club liegt in Offenbach. Tanzen, tanzen und reden. Und für manche sind irgendwie alle voll auf Liebe. Eine Nacht im Robert Johnson. Mehr Von Philipp Mangold, Offenbach

26.08.2015, 15:03 Uhr | Rhein-Main
Boston Lastwagen krachen regelmäßig in Brücke

Regelmäßig unterschätzen Fahrer die Höhe einer Brücke in der amerikanischen Stadt Boston und kollidieren mit ihr. Mehr

26.08.2015, 11:35 Uhr | Gesellschaft
Pädagoge im Interview Die Lehrerpersönlichkeit kann man nicht lernen

Schüler sollen von ihren Lehrern was lernen, heißt die einfache Botschaft. Der Pädagoge Dirk Stötzer über Führungskräfte, Sonnyboys, Wracks – und den besten Beruf der Welt. Mehr Von Julia Schaaf

30.08.2015, 15:05 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 11.01.2013, 11:00 Uhr

Glosse

Grotesk

Von Ursula Scheer

Mit seinen Algorithmen hat sich Google das Netz zum Untertan gemacht. Die Schrifttype des neuen Logos hat keine Widerstriche – eine Selbstcharakterisierung? Mehr 1 3