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Partytourismus in Berlin Die Basisdemokratie der Bierflasche

Zumindest in einer Hinsicht hat Berlin Karriere gemacht: Als Weltpartyhauptstadt, in der man billiger und exzessiver feiern kann als in jeder anderen Metropole. Das ist kein Zufall, sondern die glückliche Erfüllung eines Schicksals.

© Daniel Rosenthal/laif Epizentrum der Berliner Partyszene: Im Watergate Club am Kreuzberger Spreeufer treffen sich nicht nur die Königinnen der Nacht.

Das wahre Wahrzeichen Berlins ist nicht das Brandenburger Tor und auch nicht der Reichstag und schon gar nicht der Alex oder die Goldelse, sondern eine braune Pfandflasche. Es ist das vom Volksmund „Wegbier“ getaufte alkoholische Erfrischungsgetränk, das in der deutschen Hauptstadt mit größter Selbstverständlichkeit in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt und leergetrunken wird. Was andernorts ein Privileg von Obdachlosen und Schwerstalkoholikern ist, gilt in Berlin als vollkommen gesellschafts- und satisfaktionsfähig. Jung und Alt, Einheimische und Fremde, Proleten und Akademiker, sie alle halten in Straßen und Parks, Bussen und Bahnen lässig ein Wegbier in der Hand, wahlweise eine namenlose Ramschplörre für eine Handvoll Cent oder die gehobenen, aus Funk und Fernsehen bekannten Marken, gern auch als Accessoire mit einer abgewetzten Plastiktüte vom Discounter kombiniert. Die Empfänger staatlicher Transferleistungen trinken es aus Prinzip, die Werktätigen genehmigen es sich als Feierabendlohn auf dem Nachhauseweg, und die feierwütigen Berlin-Besucher haben es immer als Wegzehrung zwischen zwei Bars dabei. Wenn das so weitergeht, wird sich das Wegbier bestimmt bald auch beim Berliner Kulturpublikum durchsetzen, das dann in den Pausen italienischer Verzweiflungsopern tief gerührt einen tiefen Schluck Berliner Kindl aus der Pulle nehmen wird.

Jakob Strobel y Serra Folgen:

Die schöne, basisdemokratische Sitte des Wegbiers ist viel mehr als nur lokale Folklore. Sie ist die allgegenwärtige Metapher für Berlins Charakterdialektik aus Toleranz und Indifferenz, Piefkestolz und Libertinage, Proletariertum und Weltläufigkeit, die es in keiner zweiten Hauptstadt gibt und Berlins sagenhaften Aufstieg zur Weltpartymetropole und coolsten Stadt des Planeten überhaupt erst möglich gemacht hat. Ganz pragmatisch gesehen, ist das Wegbier das Sinnbild dafür, dass man hier so freizügig und vor allem so billig feiern kann, wie es in Paris oder London niemals möglich wäre. Ein Pils im Wirtshaus kostet mitunter kaum zwei Euro, Longdrinks gibt es für das Doppelte, und mancher Schlepper vorm Kneipeneingang raunt den Passanten sogar verschwörerisch zu, dass drinnen für fünf lächerliche Euro gleich ein halber Liter Gin Tonic zu bekommen sei. Längst hat sich im Zentrum der Stadt - dort also, wo sich in anderen Metropolen Repräsentationsbauten stapeln und Halsabschneidercafés drängeln - eine komplette Infrastruktur für den kostenbewussten Spaßtouristen mit Hostels, Fahrradverleihen und einer geradezu epidemischen Zahl von Imbissen etabliert. Für diese ist es natürlich Ehrensache, ihre Currywürste und Döner-Kebabs zu Dumpingpreisen auf Wegbierniveau zu verramschen. Der Appetit kommt dann schon mit dem Hunger.

Ick steh’ uff dir

Noch größer scheint inzwischen nur noch die Zahl der Souvenirgeschäfte zu sein, die Plüschbären, Zinnkrüge, angebliche Mauerbröckchen unter Plexiglas, Ampelmännchenschnäpse in Rot und Grün und noch deutlich schärfere Sachen verschleudern. Ein Laden in Toplage am Gendarmenmarkt, der sich selbst in traditioneller Berliner Bescheidenheit als „originell, witzig, kreativ“ bezeichnet, hat kreative Badetücher mit witzigen Sprüchen wie „Ick steh’ uff dir“ oder „Ick fühl’ mir jut“ im originellen Angebot, während ein Dildo-Souvenirfachhandel direkt am touristischen Epizentrum Hackescher Markt, Premiumlage Ecke Oranienburger Straße, Vibratoren in erstaunlicher Vielfalt führt.

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