15.07.2002 · Der Stern der Loveparade sinkt. Von Untergang kann zwar noch keine Rede sein. Aber ein bisschen Versenkung könnte dem Event schon gut tun.
Von Fridtjof KüchemannSo richtig schlecht geht es der Loveparade eigentlich nicht. 700.000 Leute nach kolportierten Bombenbedrohungen und anderen Unkenrufen an einem regnerischen Samstag in der Urlaubszeit auf die Beine zu bringen, ist noch ein Erfolg.
Dennoch: Das Interesse am einst weltweit größten Techno-Umzug nimmt ab. Die Sponsoren müssen sparen. Die Raver haben sich zur Ruhe gesetzt, Besseres zu tun oder sind wetterfühlig geworden. Zu viele Gaffer bleiben unter sich. Ein Stern sinkt. Eine Welle verebbt. Ein Produkt veraltet.
Parade im Teufelskreis
Das Dilemma der Loveparade: Wie lassen sich die jungen Leute erreichen und animieren, für einen Tag bunt verkleidet nach Berlin zu kommen, wenn auch im Werbe-Bereich gespart werden muss? Wer findet Spaß an einer Party, die für viele längst einen Stammplatz auf der „Out“-Liste hat? Wer investiert gern in eine Veranstaltung, die allgemein als Auslaufmodell gilt? Welche Sponsoren spannen sich vor einen Karren, der wenn schon nicht tief im Dreck steckt, so doch mit zwei Rädern in der Pfütze? Wie sollen die Umzugswagen großzügig ausgestattet und dekoriert werden, wenn das Geld dafür nicht da ist?
Die Gleichförmigkeit der Loveparade ist ein Problem. Jeder, der auch nur eine halbe Stunde lang die Live-Übertragung des Umzugs im Fernsehen verfolgt hat, kann ein Lied davon singen. Die Leute kommen aus Magdeburg, Hannover oder Holland und haben - das zumindest sprechen sie in die Mikrofone - Spaß. Man kann über das Wetter reden. Das eine oder andere Kostüm zeigen. Die Leute zählen. Prominente finden und sich mit ihnen Banalitäten zubrüllen. Überhaupt die Banalität: Dass die Loveparade Spaß machen kann, will ja niemand bezweifeln. Sie ist nur - diese Terminologie teilen sich Arbeitsamt und Journalismus - schwer vermittelbar.
Die Falschen locken
Schlimmer noch: Was von ihr - getreu dem boulevardjournalistischen Grundsatz „Sex sells“ - vermittelt wird, interessiert genau die Falschen für das Event. Die Zaungäste, die lieber nach knackigen, knapp bekleideten Jungs und Mädels Ausschau halten, statt selbst zu tanzen, sind längst in erdrückender Überzahl. Eine Auszeichnung fantasievoller Kostüme oder das Angebot eines Sponsors, Ravern mit einem Mindestmaß an Verkleidung eine Getränkedose aus eigene Produktion zu verehren, könnten ein Zeichen setzen.
Mit dem Karneval der Kulturen und dem Christopher Street Day hat die Loveparade in den vergangenen Jahren unliebsame Konkurrenz bekommen. Auch die so genannte Botschaft haben diese beiden Veranstaltungen dem Techno-Umzug voraus: Während sich die Loveparade von einem ans Lächerliche grenzenden Mindestmotto zum nächsten hangelt, das nur mit Ironie oder bestem Willen politisch genannt werden kann, können die beiden anderen Umzüge als in bestem Sinne multikulturelles Event und Inszenierung schwul-/lesbischer Lebenslust punkten.
Die Loveparade hingegen ist nach wie vor das prominenteste DJ-Treffen der Welt. Das ist doch etwas. Freilich dürfte das die Großzahl der Besucher kaum interessieren. Denn die anderthalb Millionen Menschen, die im besten Jahr der Loveparade dabei waren, sind nicht nur Szenegänger. Ganze Schrebergartenvereine aus dem Mittelfränkischen sind nach Berlin gereist, um dabei zu sein. Auf sie wird man künftig verzichten müssen. Und können.
Zurück auf den Kudamm
In Zeiten der Krise raten manche Unternehmensberater zur inneren Einkehr, zur Besinnung auf das Wesentliche, auf die Wurzeln eines Unternehmens. Es war einmal, vor 13 Jahren, eine kleine Truppe, die hinter zwei Lastwagen mit Lautsprechern drauf den Kudamm hinunter tanzte, um den 29. Geburtstag eines Freundes zu feiern. Das Fest war als Demonstration angemeldet und bewilligt worden, der Kudamm abgesperrt - ein Sponti-Coup. Der junge Mann heißt Matthias Roeingh und nennt sich Dr. Motte. Heute gilt er Wohlgesonnenen als Initiator, Kritikern als durchgeknalltes Maskottchen der Loveparade. Wie wäre es, wenn keiner von der nächsten Loveparade erführe? Sie als fröhliche Feier eines verschworenen Freundeskreises unter anderem Namen auf einmal überraschend über den Kudamm zöge? Oder anderswo stattfände?
Vielleicht helfen dem Techno-Umzug auch ein paar Jahre völlige Versenkung. Vielleicht nützt es der Clubkultur, eine Zeitlang ohne diesen jährlichen Höhepunkt auskommen zu müssen. Und wenn sich die popkulturellen Revivals eines Tages durch die 80er Jahre hindurch gearbeitet haben und nach etwas neuem Alten suchen, könnte die vergnügungslustige Jugend eine Partyform wieder entdecken, die in den 90er Jahren einmal ziemlich angesagt war: die Loveparade.