http://www.faz.net/-gqz-794as
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.05.2013, 17:20 Uhr

Pariser Ausstellung: Jean Moulin Der hohe Preis, den Rex bezahlte

Präfekt, Kunstliebhaber, Résistant: Eine Pariser Ausstellung führt durch das Leben des französischen Widerstandskämpfers Jean Moulin.

von , Paris

Mitte Juni 1940, die französischen Armeen sind bereits geschlagen, marschieren deutsche Truppen in Chartres ein. Nur einige hundert Bewohner sind zurückgeblieben, alle anderen so wie Hunderttausende Franzosen auf der Flucht. Wehrmachtsoffiziere verlangen von dem in der Stadt amtierenden Präfekten die Unterschrift unter eine Verlautbarung, nach der senegalesische Kolonialtruppen Massaker an Frauen und Kindern begangen haben.

Helmut Mayer Folgen:

Der Präfekt Jean Moulin verweigert die Unterzeichnung, wird zusammengeschlagen und eingesperrt. Nicht sicher, den Pressionen standzuhalten, unternimmt er mit einer Glasscherbe einen Selbstmordversuch. Er überlebt, und die deutschen Offiziere bemühen sich tags darauf, die Vorgänge als Missverständnis zu entschärfen.

Unter den Ereignissen der debâcle hätte dieses wahrscheinlich keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen - wäre Jean Moulin nicht später zu einer zentralen Figur des französischen Widerstands und der Vorbereitung der französischen Nachkriegsordnung geworden. Obwohl vorerst noch nichts diesen Weg ahnen ließ, der drei Jahre später mit dem Tod in den Händen des deutschen Sicherheitsdiensts enden sollte.

Politische Erfahrungen

Jean Moulin hörte de Gaulles Appell vom 18. Juni nicht, blieb im Amt, vollzog widerwillig die Verordnungen der Regierung in Vichy. Erst bei der zweiten Welle der Neubesetzungen der Präfekturen im November 1940 wurde er abgelöst: So schwer war in Vichy nicht zu erraten, was ein deutlich links stehender Republikaner wie Jean Moulin von Pétains nationaler Revolution hielt.

Hinter ihm lag damals eine glatt verlaufene Karriere in der höheren Verwaltung, die ihn 1939 mit vierzig Jahren zum jüngsten Präfekten der Republik gemacht hatte. Man kann sie in einer kleinen Ausstellung, die das Pariser Musée Jean Moulin zum siebzigsten Todestag präsentiert, zum Teil anhand neu zugänglich gewordener Dokumente aus dem Besitz der Familie verfolgen.

Der Erste Weltkrieg hatte den in Südfrankreich Aufgewachsenen verschont. Er wurde noch einberufen, kam aber nicht mehr zum Kampfeinsatz. Sein Jurastudium hatte er damals schon begonnen, die Neigung zur Kunst musste zurückstehen. Der Zeichner, der mit „Romanin“ signierte und gern im humoristischen Genre arbeitete, sollte aber die Karriere im Staatsdienst begleiten.

Ein Treffen in London

Dass diese Laufbahn nicht ganz auf der Verwaltungsschiene blieb, verdankte sich vor allem Pierre Cot, dem wenig älteren sozialistischen Politiker, der Jean Moulin von 1932 an mehrmals nach Paris in Ministerialstäbe holte, wo er mit der zunehmenden Polarisierung der politischen Landschaft vertraut wurde – und an der verdeckten Unterstützung der spanischen Republikaner mitarbeitete. Was Fraktionskämpfe innerhalb einer Widerstandbewegung bedeuten, könnte ihm ihr Beispiel demonstriert zu haben.

Und dann, im November 1940, der Weg in den Untergrund. Er knüpft Verbindungen zu den verschiedenen Résistance-Gruppen im Süden, nutzt alte Bekanntschaften. Als er im Oktober 1941 in London eintrifft, sind de Gaulle und sein Stab beeindruckt von seinen Kenntnissen der Lage. Jean Moulin bekommt Mittel und die Mission, die Résistance-Bewegungen zur Kooperation zu bringen für den Aufbau der Armée Secrète (AS), die nach der Landung der Alliierten ihren Teil bei der Befreiung Frankreichs leisten soll.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abgestürzte Egypt-Air-Maschine Frankreich spekuliert über Terror-Hintergrund

Der mutmaßliche Absturz eines Egypt-Air-Flugzeugs über dem Mittelmeer hat Frankreich alarmiert: Die Maschine kam aus Paris, Spekulationen über einen terroristischen Hintergrund schießen ins Kraut. Denn der Flughafen Roissy kämpft schon länger um seinen guten Ruf. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

19.05.2016, 11:38 Uhr | Politik
Bismarck World War II combat footage - Sinking of the Bismarck

Sinking of the Bismarck Mehr

24.05.2016, 10:33 Uhr | Aktuell
Probleme bei Pokalfinale Rauchbomben im Stadion

Alle Besucher dreimal überprüft - und trotzdem Rauchbomben beim Pokalfinale. Paris hat nach dem Probelauf vor der EM ein Sicherheits-Problem. Kritik kommt von allen Seiten. Mehr Von Christian Schubert, Paris

23.05.2016, 18:35 Uhr | Sport
Komplizierte Verhandlungen Syrische Opposition: Keine Übergangsregelung mit Präsident Assad

Die internationale Gemeinschaft macht weitere Friedensgespräche für Syrien von einer Waffenruhe in der Metropole Aleppo abhängig. Das erklärten Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und sein französischer Kollege Jean-Marc Ayrault am Mittwoch in Berlin. Mehr

05.05.2016, 10:52 Uhr | Politik
Ivo Andrić und Ernst Jünger Der Krieger und der Opportunist

In den sechziger Jahren schrieb Ernst Jünger dem Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić eine Postkarte. Er bekam nie eine Antwort. Aus gutem Grund. Mehr Von Michael Martens

14.05.2016, 14:05 Uhr | Feuilleton
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 21

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“