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Paris feiert Hollandes Wahlsieg : Die erste Nacht des neuen Europa

  • -Aktualisiert am

Zweihunderttausend Menschen feiern in Paris den Wahlsieg der Linken, den ersten seit drei Jahrzehnten Bild: Riva Press/laif

Am Sonntagabend strömten die bewegten Bürger von Paris zur Place de la Bastille, um den Wahlsieg Hollandes zu feiern. Es war fast wie 1981, als Mitterrand gewann - und doch ganz anders.

          Ich fahre mit voller Geschwindigkeit durch Paris, es ist kurz nach neunzehn Uhr und weiß nichts, wollte nichts wissen. Aber da ich weder taub noch blind bin und daher die freudigen Gesichter sehe und die Siegesgesänge höre, die immer lauter werden, je näher ich der Rue de Solferino komme, weiß ich es jetzt: Nicolas Sarkozy wird nicht das Comeback-Kid sein. François Hollande wird die Wahl gewinnen. In weniger als einer Stunde werden die Medien es bestätigen.

          Unmöglich, in die Rue de Solférino hineinzukommen, in der die Sozialistische Partei ihren Sitz hat. Ich bin auf dem Boulevard Saint-Germain eingezwängt, auf der Höhe der Straße, die von einer riesigen Leinwand versperrt wird und auf der sich Anhänger drängen, die Fahnen der Partei und des Kandidaten, die Trikolore oder Europafahnen, Embleme der ökologischen Bewegung und der Partei Jean-Luc Mélenchons schwenken. Ein paar Unerschrockene sind auf Ampeln geklettert, haben ihre Vuvuzelas dabei, auf dem Spruchband einer jungen Frau steht: „Mireille Mathieu, wo bist du?“ Privilegierte beobachten die Szene von ihren Balkons aus. Einige stoßen auf den Sieg an.

          Eine Änderung der Politik?

          Ganz in der Nähe rieche ich den Duft von Cannabis. Vier junge Leute teilen sich einen Joint, darunter Anaïs, 25 Jahre alt, die eine Rose in der Hand hält. „Sarkos Sturz ist ein starker Augenblick. Es war Zeit für etwas Neues. Unsere Eltern haben den Wechsel 1981 erlebt. Jetzt werden wir leben. Wir! Endlich!“ Ihre Schwester Diane ist noch stärker bewegt. Ihr Make-up wird gleich wegfließen. Sie ist den Tränen nahe. „Dass die Linke in den Elysée einzieht, ist ein Traum, der Wirklichkeit wird“, sagt die junge Lehrerin. „In unserem Beruf haben alle die Nase voll. Und bei den Jungen ist es noch schlimmer.“

          Ein Gerücht geht um: Hollande soll mit 53,5 Prozent der Stimmen gesiegt haben. Drei Belgier um die vierzig beglückwünschen sich gegenseitig; sie sind wegen der Wahl nach Paris gekommen: „Diese Wahl ist für Europa sehr wichtig, finden wir von der linken Mitte. Die Verhandlungen werden ausgeglichener sein, und wir hoffen, Hollandes Wahl wird auch anderswo Schule machen.“ Nicht weit entfernt von ihnen schnappt Médé, fünf Jahre alt, frische Luft. Sie ist auf die Schultern ihres Vaters Kamal, 38 Jahre alt, geklettert; er ist Eisenbahningenieur. Kamal wünscht sich eine Änderung der Politik, weil die Wirtschaft am Boden liege. Die Arbeitsbedingungen hätten sich verschlechtert, und im öffentlichen Dienst habe man viele Stellen gestrichen.

          „Ins Gefängnis mit dem Zwerg!“

          Es ist 19.58 Uhr. Die Menge stimmt die Marseillaise an. Die Menschen holen ihre Handys hervor und der Countdown läuft. „Wir haben gewonnen, wir haben gewonnen!“ Die Menschen springen in die Höhe, tanzen, schreien, pfeifen, umarmen und küssen einander. Champagnerkorken fliegen. Bunte Ballons steigen in den hellen Himmel, so dicht wie die jubelnde Menge am Boden. „Geschafft! François ist Präsident“, hört man von allen Seiten. Jugendliche singen die Internationale.

          Besonders froh über François Hollandes Wahl ist der Patron des Café Solférino. Er hat auf dem Trottoir einen Stand aufgebaut, und das Bier fließt in Strömen. Auf der riesigen Leinwand erscheint der Ex-Präsident. Unter den Rufen der Menge: „Hau ab, blöder Hund! Ab ins Gefängnis. Nach Fleury, nach Fleury! Ins Gefängnis mit dem Zwerg! Das Volk hat dich am Schlawittchen.“ Nach Nicolas Sarkozys kurzer Ansprache erscheint ein weiter Blick über die Place de la Bastille. Der Platz ist schwarz von Menschen. Ich setze mich auf meine Vespa und fahre Richtung Osten, über verlassene Boulevards und Quais.

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