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Sonntag, 12. Februar 2012
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Papstbesuch Hört, hört!

08.09.2006 ·  Auf welche Kritik trifft der Papst in Deutschland? Dort zupft man sich aus der Tradition heraus, was einem paßt: der organisierte Laienkatholizismus - eine Welt der Funktionäre.

Von Patrick Bahners
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Man male sich aus: Altötting, Montag, 11.September 2006, Viertel vor zehn am Morgen. Das Papamobil biegt auf den Kapellplatz ein. Seit aller Herrgottsfrühe warten die Gläubigen auf Benedikt XVI. Aus dem kunterbunten Kirchenvolk treten besonders die Trachten der katholischen Vereine hervor. Die Kolpingbrüder haben Aufstellung genommen und die Korporierten. Mitten im Getümmel stehen die Vertreterinnen des eingetragenen Vereins Donum vitae (Geschenk des Lebens). Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens, gestützt durch ihre Vorgängerin Barbara Stamm und die Regensburger Kirchenrechtsprofessorin Sabine Demel, schwenkt die Fahne des Vereins. Das Motiv ist eine mit deutlicher Madonnenähnlichkeit ausgestattete Mutterfigur, die auf dem rechten Arm ihr Kind hält und in der linken Hand ein Blatt Papier, das sie wie achtlos wegzulegen scheint.

Leider haben sich in dieses anheimelnde Panorama volkskirchlicher Frömmigkeit drei Fehler eingeschlichen. Erstens hat der Bischof von Passau aus Sicherheitsgründen den Abordnungen der katholischen Vereine die Mitführung ihrer Fahnen untersagt. Zweitens hat der Verein Donum vitae keine Fahne. Und drittens ist Donum vitae kein katholischer Verein.

Pauschales Recht auf Leben

Der Verein wurde vor sieben Jahren gegründet, um weiter zu gewährleisten, was auf Anweisung des damaligen Papstes eben nicht mehr im katholischen Namen vorgenommen werden sollte: die Ausstellung von Beratungsbescheinigungen, die nach dem Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland die Empfängerin berechtigen, sich straflos einem Schwangerschaftsabbruch zu unterziehen. Nach jahrelangem Streit und gegen eindringliche Bitten der Mehrheit der deutschen Bischöfe hatte Johannes Paul II. aus Sorge um die Klarheit des kirchlichen Zeugnisses den Rückzug aus dem staatlichen System der sogenannten Konfliktberatung angeordnet.

Worin lag die Gefahr der Verdunkelung? Die offizielle Ratio des deutschen Abtreibungsrechts ist ein utilitaristisches Kalkül, in dem die tatsächlich abgetriebenen mit den mutmaßlich „geretteten“ Kindern verrechnet werden. Das Recht auf Leben wird nicht dem einzelnen Ungeborenen garantiert, sondern pauschal. Durch Straffreiheit und Beratungszwang soll die Gesamtzahl der Abtreibungen gesenkt werden.

Bürgerlich statt katholisch

Wie Rom entschieden hat, verbietet sich für die Kirche Kooperation, wo die einzelne Tötung als Mittel zum guten Gesamtzweck verbucht wird. Die Gründungsmitglieder von Donum vitae wußten, daß sie sich über den Willen des Papstes hinwegsetzten. Nicht die Bischöfe waren die eigentlichen Adressaten des Befehls zum Ausstieg, da ja selbst der Limburger Bischof Kamphaus nicht jede Beratung persönlich vorgenommen hat. Johannes Paul II. richtete sich an alle deutschen Katholiken, an organisierte und unorganisierte Laien, weil er im Lichte der Erfahrung ganz einfach davon ausging, daß das Zeugnis der Kirche am klarsten ist, wenn es einheitlich ausfällt.

Nicht verwunderlich erscheint nach alldem, daß die Deutsche Bischofskonferenz am 20.Juni dieses Jahres festgestellt hat: „Bei dem Verein Donum vitae handelt es sich um eine Vereinigung außerhalb der katholischen Kirche.“ Wohlmeinende Begleiter der Aktivitäten der Scheinaussteller entdeckten im bischöflichen Aussprechen des Selbstverständlichen keinen Anlaß zum Streit. Donum vitae, so ein Kommentar in der „Herder-Korrespondenz“, dem Hausblatt des katholischen Juste milieu, sei nun einmal kein katholischer, sondern ein bürgerlicher Verein.

Kein Ärger für die Bischöfe

Der Leitartikler kannte seine Freunde schlecht. Aus einer Gegenerklärung, die am 20.Juli der Presse übergeben wurde, geht hervor, daß Donum vitae sehr wohl ein katholischer Verein zu sein vermeint. Man will die Fahne schwenken, auch wenn man keine hat. Das Papier mit der kuriosen Gattungsbezeichnung „Zwischenruf“ wird zwar nicht vom Vorstand des Vereins verantwortet. Es ist aber von Anfang an charakteristisch für Donum vitae, daß das soziale Gewicht prominenter Mitglieder aus der politisch-konfessionellen Mischwelt des organisierten Katholizismus die sogenannte katholische Prägung der Vereinigung verbürgen soll.

Aus der Mitte des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sei der Verein gegründet worden, wird gerne gesagt, was praktisch bedeutet, daß die aktiven Funktionsträger des ZdK nicht gleichzeitig die Spitzenämter des Vereins innehaben. Man will die Bischöfe nicht brüskieren, wobei ins Auge fällt, daß die Rücksichtnahme sich aufs Protokollarische beschränkt. Auch den „Zwischenruf“ haben lauter Ehemalige unterzeichnet, die beiden früheren ZdK-Präsidenten Bernhard Vogel und Hans Maier, Ministerpräsident a.D. und Staatsminister a.D., ferner die amtierende Bundesministerin Annette Schavan, frühere ZdK-Vizepräsidentin.

Verzicht auf Anerkennung

Sie halten den Bischöfen entgegen, als Vereinigung nach bürgerlichem Koalitionsrecht erwarte Donum vitae „keinerlei bischöfliche Anerkennung“. Es gebe „viele kirchliche Initiativen“, die sich „der Rechtsform eines privaten Vereins ohne ausdrückliche kirchenamtliche Anerkennung“ bedienten. Und noch einmal, sollten irgendwo Residuen des katholischen Bildungsrückstands die Rezeption erschweren: „Wer gläubiges Glied unserer katholischen Kirche ist, kann sich auch mit anderen in der Kirche zusammenschließen, ohne hierfür einer bischöflichen Anerkennung zu bedürfen.“ Solche Bescheidenheit verschlägt die Sprache: Man verzichtet auf ausdrückliche Anerkennung und geht darüber hinweg, daß eine ausdrückliche kirchenamtliche Mißbilligung vorliegt. Die Zwischenrufer befinden sich in der Rolle des Verkehrssünders, der die Einbahnstraße in der Gegenrichtung befahren hat und sich darauf beruft, er habe doch einen Führerschein.

Wie verstehen sie die Erklärung, in der die Bischöfe verfügen, daß Personen im kirchlichen Dienst die Mitwirkung bei Donum vitae untersagt ist und daß jeder Anschein der Kooperation zu vermeiden ist? „Wir verstehen diese Erklärung als das bischöfliche Bemühen um die Einheit der Kirche, um so den Erwartungen des Apostolischen Stuhls abschließend entsprochen zu haben.“ Hier artikuliert sich ein Verständnis von Funktionären, das außerhalb ihrer Funktionärswelt auf Unverständnis stoßen muß. Das Bemühen um Einheit erschöpft sich in der Abgabe von Erklärungen. Die ZdK-Veteranen unterstellen den Bischöfen, daß sie sich wie Politiker ausschließlich diplomatisch-taktisch verhalten, um Rom pro forma zufriedenzustellen. In Rom säßen aber auch nur Funktionäre, wäre für sie der Fall abgeschlossen, wenn jeder hauptamtliche Kirchenbedienstete aus dem Verein austräte.

Ein Zeichen der Trennung

Der oberste Kurienbeamte, der als Präfekt der Glaubenskongregation Johannes Paul II. in seiner Ablehnung des deutschen Scheins entscheidend bestärkt hat, sagte schon in seiner Botschaft an den Katholikentag von Saarbrücken: „Das Zeugnis der Kirche ist nur glaubwürdig, wenn das Zeugnis der Laien in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen erfolgt.“ Der Papst ist der Redner, dem die Zwischenrufer ins Wort fallen. Sie berufen sich auf die Autorität, auf die BenediktXVI. das Programm seines Pontifikats gegründet hat: das Zweite Vatikanische Konzil. Als Mitglieder und Förderer von Donum vitae beanspruchen sie gemäß Nr.76 der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „im eigenen Namen als Staatsbürger“ zu handeln, die „von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden“ und dieses Handeln von ihrem Handeln „im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten“ zu unterscheiden wissen. In diesem Sinne hätten sie sich „an führender Stelle“ für das „Laienapostolat“ eingesetzt. Natürlich an führender Stelle! In England ist der Herzog von Norfolk der geborene Sprecher des Laienkatholizismus, hierzulande die stellvertretende CDU-Vorsitzende.

Das zitierte Konzilsdokument zieht Konsequenzen aus der Trennung von Kirche und Staat und hat in erster Linie die politischen Parteien im Sinn. Praktisch formuliert: Eine Partei, in der Katholiken sich engagieren, soll nicht mehr sein wie das Zentrum, das von Prälaten geführt wurde, sondern wie die CDU. Warum? Die Unabhängigkeit der Kirche von jedem „politischen System“ ist „zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person“. In der Wahrnehmung dieses Schutzauftrags kann es, so geht weiter aus dem Text hervor, erforderlich werden, daß die Kirche ein Zeichen der Trennung setzt. Denn sie „setzt ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden“, und „wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, daß durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist“. Kein besserer Beweis für das Prophetische von „Gaudium et Spes“: Genau diesen Fall sah Johannes Paul II. eingetreten, als er die Bischöfe anwies, auf die staatlichen Zuwendungen für die Schwangerenberatung zu verzichten.

Leidenschaftliche Ethik-Erörterung

Die Multifunktionäre des ZdK zupfen sich aus den Konzilstexten heraus, was ihnen paßt. Hinter die Trennung von Kirche und Staat gehen sie zurück, wenn sie auch innerhalb der Kirche, in einer Frage der Sittenlehre, wie Parteileute agieren wollen, die keine Befehle aus Rom entgegennehmen. Im Septemberheft der „Stimmen der Zeit“, der Zeitschrift der Münchner Jesuiten, liefert nun der Leitartikel die Theorie zum „Zwischenruf“ nach. Der Chefredakteur Martin Maier SJ erhebt den Re-Import der katholischen Soziallehre in die Kirche zum Programm: „Warum soll das, was sich im säkularen Bereich bewährt hat, nicht auch für den organisatorischen Bereich der Kirche gelten?“

Die Antwort lautet, daß sich auf das Prinzip der Spaltung auch in der Welt nichts bauen läßt. Das ZdK sieht seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft, möchte aber die Kirche Regeln unterwerfen, nach denen sich keine andere gesellschaftliche Organisation richten könnte. Wenn eine Frage der praktischen Ethik leidenschaftlich erörtert wird und schließlich durch die zuständige Stelle nach dem korrekten Verfahren entschieden ist, dann muß man erwarten, daß die Unterlegenen sich im Handeln fügen, auch wenn sie mit Kants Aufklärungsschrift akademisch und publizistisch ihre Meinung im Gespräch halten mögen. So funktionieren, ohne die besonderen Gründe zum Gehorsam in der Kirche, eine Gewerkschaft, ein Wirtschaftsverband und auch eine Partei.

Laien sind besser als Priester

Der bewährte Grundsatz, auf den sich Donum vitae nach Maier berufen kann, ist das bekannteste Schlagwort der katholischen Soziallehre, die Subsidiarität. Daß der Jesuit allen Ernstes zu bedenken gibt, der Grundsatz, daß zunächst die kleinere Gemeinschaft ihre Probleme lösen solle, bevor man sie ans große Ganze weiterreiche, legitimiere Donum vitae, enthüllt das Fiktive und Unehrliche der gängigen innerkirchlichen Debatte.

Jeder Leser der „Stimmen der Zeit“ weiß natürlich, daß schon zugunsten des bischöflichen Wunsches, im staatlichen Beratungssystem zu verbleiben, die Subsidiarität angeführt worden ist - und daß Rom entschieden hat, daß diese Frage nicht geeignet ist, im Sinne eines Primats der Ortskenntnis beantwortet zu werden. Nachdem entschieden ist, daß Subsidiarität im vorliegenden Fall nicht die passende Maxime ist, muß die Subsidiarität für die Sabotage dieser Entscheidung herhalten. Der subtile Leitartikler zitiert eine Rede von Papst PiusXII. über das Laienapostolat: „Man möge den Laien die Aufgaben anvertrauen, die sie besser als der Priester erfüllen können.“ Um diesen Satz auf Donum vitae anzuwenden, muß man wieder die fiktive Unterstellung machen, das Verbot der Scheinausstellung betreffe nur die Bischöfe.

Das Papstum als „vereinigende Instanz“

Die Berufslaien sind seltsame Apostel. Sie predigen das Priestertum der Gläubigen, reduzieren aber Kirche auf Amtskirche, wenn ihnen die Lehre nicht behagt - um dann auf eine Mitra anderthalbe zu setzen und für ihre Sondermeinung einen quasiamtlichen Charakter zu reklamieren. Im Fernsehinterview hat Benedikt XVI. das Papsttum als „vereinigende Instanz“ beschrieben, „die auch Unabhängigkeit von den politischen Kräften verschafft und die dafür sorgt, daß sich Christianismen nicht zu sehr mit Nationalitäten identifizieren“.

Die nationalkirchliche Tendenz, mit der in der deutschen Geschichte die Sache des freien Geistes verbunden schien, ist weit heruntergekommen. Frau Schavan und ihre Parteifreunde schreiben: „Wichtig ist, daß diejenigen, die sich an der gesetzlichen Beratungsregelung beteiligen, und diejenigen, die das aus Überzeugung nicht tun, sich gegenseitig respektieren und nicht die Autorität der Kirche als amtlich verfaßter Kirche in Anspruch nehmen.“ Davon hat Luther, hat Febronius, hat Lehmann nicht zu träumen gewagt: daß kein deutscher Katholik mehr an den Papst appellieren soll, weil noch nicht einmal der Papst sich auf den Papst berufen darf.

Quelle: F.A.Z., 09.09.2006, Nr. 210 / Seite 33
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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr