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Papst-Rücktritt Ein Papst läuft nicht weg, er gibt ein Beispiel

 ·  Dieser Rücktritt ist ein Fanal für moderne Amtsführung und gibt der ganzen Welt ein außerordentliches Vorbild: So wird Benedikt XVI. zur großen historischen Figur.

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© dpa Beispielhafter Rücktritt: Papst Benedikt XVI.

Ein Papst in Pension? Ein Pontifex im Ruhestand? Schwer vorzustellen, aber seit heute durchaus wahrscheinlich. Der Papst ist zurückgetreten - nicht weil an seiner Doktorarbeit etwas auszusetzen wäre oder ein verlockendes Angebot aus der Wirtschaft kam, sondern aus Altersgründen, Schwäche, Müdigkeit. Das sind Begriffe, die in der Karrierewelt der Medien- und Politstars nicht vorkommen, doch Joseph Ratzinger hat damit nie Probleme gehabt. Auch dass sein sensationelles Abtreten mit dem Rosenmontagszügen in den katholischen Hochburgen seines Vaterlands und dem schrillen Schlagerfestival von San Remo im Papstland Italien zusammenfällt, hat den eigensinnigen Mann sicher nicht im mindesten beschäftigt.

Am Freitag erst, in einer Lectio vor römischen Seminaristen, hat Benedikt XVI. über den Gang des Petrus nach Rom gesprochen: Der erste Papst habe hier, im Sündenbabel, gewusst, dass ihn das Martyrium erwartete. Und wie hart der Bau und Erhalt einer selbsternannten Weltkirche in der Institutionen- und Intrigenmetropole Rom auch zweitausend Jahre später immer noch ist, das wusste niemand besser als der römische Konzilstheologe, langjährige Kurienkardinal und Wojtyła-Intimus Ratzinger.

Abtreten in einem ruhigen Moment

In die Spekulationen über das mögliche Abtreten seines Vorgängers aus Gesundheitsgründen - der halbgelähmte Johannes Paul II. hatte von einem polnischen Kloster als Sterbeort geträumt - war Kardinal Ratzinger eingeweiht. Schon damals erzählte der Papabile einigen Vertrauten, dass er ein solches Siechtum im Amt auch im Namen der Kirche zu verhindern suche. Ratzinger, für ihn selbst nicht ganz überraschend gewählt in hohem Alter, hatte die immense Abnutzung durch das Amt durch maßvollen Lebensstil, gesunde Kost, Rückzug auf intellektuelle Lebensweise und strenge Einteilung der Dienstpflichten zu schultern versucht. Diese Lebensdiät hat indes nicht ausgereicht.

Wenn nun Kardinäle und Politiker von einem „Blitz aus heiterem Himmel“ sprechen, zeugt das von keiner genauen Kenntnis dieses sonderbar uneitlen, angenehm geschäftsmäßigen, letztlich einsamen Papstes, dem die Sakralisierung seines Amtes nie ganz geheuer war und der zuweilen von der Amtskirche wie von einem internationalen Konzern sprach - was seiner frommen Vergeistigung freilich keinen Abbruch tat. Im Interviewband „Luce del mondo“ von 2010 stehen die Worte: „Manchmal bin ich beunruhigt und frage mich, ob ich es schaffen werde, das alles zu bewältigen - schon unter dem physischen Gesichtspunkt.“ Und ganz unverhüllt fuhr der Papst fort, man könne nicht in einer Krise der Kirche abtreten, sondern nur in einem einigermaßen ruhigen Moment.

Ein Fanal modernen Amtsführung

Dass nach der von ihm vehement versuchten Aufarbeitung des Sexualskandals nun ein solcher Moment gekommen sein könnte, muss sich der Papst nach dem körperlichen Stress der Weihnachts- und Neujahrstage gesagt haben. In Italien, wo Ratzinger nie wirkliche Beliebtheit errang, war gleich nach dem Rücktritt die Rede von „Nanni Morettis Prophezeiung“ - eine Anspielung auf den Film „Habemus Papam“, in dem der von Michel Piccoli gespielte Papst vor der Last des Amtes wegläuft. Weggelaufen ist auch Coelestin V., der als uralter Mann 1294 gewählt, durch Politintrigen wieder aus dem Amt gedrängt und dann bis zum Tod vom Nachfolger in Haft gehalten wurde. Dieses Schmierentheater taugt sicher nicht als historisches Beispiel für den sehr modernen Vorgang von heute. Denn weggelaufen ist Benedikt XVI. keineswegs; er hat vielmehr bis zum Punkt durchgehalten, den er der Kirche gerade noch zumuten wollte. In Augenblicken wie der Angelus-Lektüre Anfang November 2012, da der Papst seinen Text kaum mehr lesen konnte und Probleme mit den Augen einräumte, war dem geistig ungebeugten Mann der Unmut über einen physisch eingeschränkten Papst deutlich anzumerken.

In Wahrheit gelingt Benedikt zum Schluss seines Pontifikats tatsächlich noch ein Fanal moderner Amtsführung, welches in theologischen Fragen von diesem zögerlichen, doch ungemein integren Mann nie zu erwarten war. Versöhnung mit der Ostkirche, gleiche Augenhöhe mit Protestanten, Ende des Zölibats, gelockerte Sexualmoral - solche historischen Umwälzungen in seinem verkrusteten Betrieb waren dem Bücherpapst, der am liebsten abgekapselt an seiner Jesus-Biographie schrieb, ohnehin nicht zuzutrauen gewesen. Stattdessen nahm er sich mit typisch deutschem Pragmatismus vor, wenigstens das Funktionieren der Weltkirche, deren Apparat er kannte wie kein Zweiter, mit erneuertem Personal, einklagbarer Moral, soliden Finanzen und kürzeren Kommunikationswegen zu verbessern.

Ein hart verdienter Ruhestand

Der „Vatileaks“-Skandal mit einem familiär vertrauten Kammerdiener, der (in wessen Namen auch immer) Geheimdokumente hortete und an die Medien verkaufte, war nur das drastischste Anzeichen, wie weit der Machtkampf um die Deutungs- und Einflüsterungshoheit am Papsthof wieder einmal gediehen ist. Italienische Vatikanologen ließen schon seit Jahren durchblicken, wie verbittert, wenn nicht angewidert Benedikt von diesem Machtkampf war. Zuweilen soll der Papst mit seiner Umwelt nurmehr über Zettel kommuniziert haben, die er unter der abgeschlossenen Zimmertür hindurchschob. So hat auch seine gestrige Entscheidung die Kurie, in der Funktionäre das Gras wachsen zu hören lernen, komplett überrascht.

Der letzte Baustein einer wenigstens organisatorischen Reform, weg vom charismatischen Pontifikat des reisebesessenen Mystikers Karol Wojtyła, ist die Mahnung an den Weltkonzern Kirche, den eigenen Chef nicht uferlos zu belasten und zum sakralen Führungslogo aufzublasen. Dieser Knochenjob fordert heute keinen Kontrakt durch Vergreisung und Siechtum bis zum erlösenden Tod, weil so stets die - vorzugsweise italienisch-südamerikanischen - Cliquen im Vatikan ihre De-facto-Herrschaft hinter jahrelang maroden Papstpuppen einzurichten pflegen. Als solcher Strohmann wollte Benedikt XVI. nicht enden. Und er wollte seine Kirche nicht einem derart verdeckten Regiment ausliefern. Das ist die Botschaft.

Es ist sonderbar, dass bisher kein anderer moderner Papst auf den Kanon 332, Paragraph 2 des Kirchenrechts Anspruch erhoben hat und aus Gebrechlichkeit abtrat. Doch es ist beileibe kein Zufall, dass es dieser kühle, scheue Intellektuelle aus Bayern jetzt tat - und damit im mühsamen Update des uralten Papsttums nun doch noch zur historischen Figur wird. Seinen Ruhestand, den er wohl im Kloster der Klausurschwestern im Vatikan zu verbringen gedenkt, hat er sich hart verdient.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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