Home
http://www.faz.net/-gqz-76gvk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Papst-Rücktritt Ein Papst läuft nicht weg, er gibt ein Beispiel

Dieser Rücktritt ist ein Fanal für moderne Amtsführung und gibt der ganzen Welt ein außerordentliches Vorbild: So wird Benedikt XVI. zur großen historischen Figur.

© dpa Vergrößern Beispielhafter Rücktritt: Papst Benedikt XVI.

Ein Papst in Pension? Ein Pontifex im Ruhestand? Schwer vorzustellen, aber seit heute durchaus wahrscheinlich. Der Papst ist zurückgetreten - nicht weil an seiner Doktorarbeit etwas auszusetzen wäre oder ein verlockendes Angebot aus der Wirtschaft kam, sondern aus Altersgründen, Schwäche, Müdigkeit. Das sind Begriffe, die in der Karrierewelt der Medien- und Politstars nicht vorkommen, doch Joseph Ratzinger hat damit nie Probleme gehabt. Auch dass sein sensationelles Abtreten mit dem Rosenmontagszügen in den katholischen Hochburgen seines Vaterlands und dem schrillen Schlagerfestival von San Remo im Papstland Italien zusammenfällt, hat den eigensinnigen Mann sicher nicht im mindesten beschäftigt.

Am Freitag erst, in einer Lectio vor römischen Seminaristen, hat Benedikt XVI. über den Gang des Petrus nach Rom gesprochen: Der erste Papst habe hier, im Sündenbabel, gewusst, dass ihn das Martyrium erwartete. Und wie hart der Bau und Erhalt einer selbsternannten Weltkirche in der Institutionen- und Intrigenmetropole Rom auch zweitausend Jahre später immer noch ist, das wusste niemand besser als der römische Konzilstheologe, langjährige Kurienkardinal und Wojtyła-Intimus Ratzinger.

Abtreten in einem ruhigen Moment

In die Spekulationen über das mögliche Abtreten seines Vorgängers aus Gesundheitsgründen - der halbgelähmte Johannes Paul II. hatte von einem polnischen Kloster als Sterbeort geträumt - war Kardinal Ratzinger eingeweiht. Schon damals erzählte der Papabile einigen Vertrauten, dass er ein solches Siechtum im Amt auch im Namen der Kirche zu verhindern suche. Ratzinger, für ihn selbst nicht ganz überraschend gewählt in hohem Alter, hatte die immense Abnutzung durch das Amt durch maßvollen Lebensstil, gesunde Kost, Rückzug auf intellektuelle Lebensweise und strenge Einteilung der Dienstpflichten zu schultern versucht. Diese Lebensdiät hat indes nicht ausgereicht.

Wenn nun Kardinäle und Politiker von einem „Blitz aus heiterem Himmel“ sprechen, zeugt das von keiner genauen Kenntnis dieses sonderbar uneitlen, angenehm geschäftsmäßigen, letztlich einsamen Papstes, dem die Sakralisierung seines Amtes nie ganz geheuer war und der zuweilen von der Amtskirche wie von einem internationalen Konzern sprach - was seiner frommen Vergeistigung freilich keinen Abbruch tat. Im Interviewband „Luce del mondo“ von 2010 stehen die Worte: „Manchmal bin ich beunruhigt und frage mich, ob ich es schaffen werde, das alles zu bewältigen - schon unter dem physischen Gesichtspunkt.“ Und ganz unverhüllt fuhr der Papst fort, man könne nicht in einer Krise der Kirche abtreten, sondern nur in einem einigermaßen ruhigen Moment.

Ein Fanal modernen Amtsführung

Dass nach der von ihm vehement versuchten Aufarbeitung des Sexualskandals nun ein solcher Moment gekommen sein könnte, muss sich der Papst nach dem körperlichen Stress der Weihnachts- und Neujahrstage gesagt haben. In Italien, wo Ratzinger nie wirkliche Beliebtheit errang, war gleich nach dem Rücktritt die Rede von „Nanni Morettis Prophezeiung“ - eine Anspielung auf den Film „Habemus Papam“, in dem der von Michel Piccoli gespielte Papst vor der Last des Amtes wegläuft. Weggelaufen ist auch Coelestin V., der als uralter Mann 1294 gewählt, durch Politintrigen wieder aus dem Amt gedrängt und dann bis zum Tod vom Nachfolger in Haft gehalten wurde. Dieses Schmierentheater taugt sicher nicht als historisches Beispiel für den sehr modernen Vorgang von heute. Denn weggelaufen ist Benedikt XVI. keineswegs; er hat vielmehr bis zum Punkt durchgehalten, den er der Kirche gerade noch zumuten wollte. In Augenblicken wie der Angelus-Lektüre Anfang November 2012, da der Papst seinen Text kaum mehr lesen konnte und Probleme mit den Augen einräumte, war dem geistig ungebeugten Mann der Unmut über einen physisch eingeschränkten Papst deutlich anzumerken.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Das Antlitz Christi Der Auferstandene

Der BR hat die Jesus-Trilogie des einstigen Papstes Benedikt XVI verfilmt. Das ist gewagt, hat aber den Segen von oberster Instanz. Sonntag und Montag wird sie im Fernsehen gezeigt. Mehr Von Jörg Bremer

05.04.2015, 12:35 Uhr | Feuilleton
FC Bayern im Vatikan Erst Sieg, dann Papst

Der FC Bayern München besiegt den AS Rom deutlich und besucht am Tag darauf Papst Franziskus im Vatikan. Der Pontifex gilt als großer Fußballfan. Mehr

22.10.2014, 15:23 Uhr | Sport
Vermittler Franziskus Papst möchte nach Kuba reisen

Im September trifft der Papst den amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Bei der Reise in die Vereinigten Staaten möchte Franziskus einen Zwischenstopp in Havanna einlegen. Mehr

17.04.2015, 13:03 Uhr | Politik
Philippinen Hunderttausende bejubeln Papst Franziskus

Am zweiten Tag seiner einwöchigen Reise gibt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche volksnah und humorvoll. Mehr

17.01.2015, 10:01 Uhr | Politik
Papst verurteilt Völkermord Türkei erbost über Franziskus

Papst Franziskus verurteilt den Völkermord an den Armeniern – und Ankara reagiert zornig. Die Türkei bestellt den Gesandten des Vatikan ein und holt den Botschafter des Landes am Heiligen Stuhl vorerst zurück. Das Kirchenoberhaupt schüre Feindschaft und Hass. Mehr

12.04.2015, 19:48 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.02.2013, 15:28 Uhr

Selfie, nein danke

Von Verena Lueken

Trendwende: Während die Filmdiven vergangener Tage alles daran setzten, um nicht mehr fotografiert zu werden, lichten sich heutige Stars gerne selbst ab. Das Filmfestival in Cannes will dem jetzt Einhalt gebieten. Mehr 2