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Papst-Rücktritt Das Märchen

Berichte aus dem Vatikan legen nahe, dass der Hirte nicht mehr viel hüten und leiten konnte. Aber Benedikt wollte wohl auch nicht als Marionette enden. Eine gute Nachricht ist das nicht.

© dapd Vergrößern

Die zahlreichen positiven Reaktionen auf den angekündigten Rücktritt des Papstes geben zu denken, denn eigentlich ist dieser Abschied vom Amt keine gute Nachricht. Aber es mochte auch niemand kritisieren. Einige waren schlicht erleichtert, andere finden alles gut, was der Papst sagt oder tut, sei es aus echtem Glauben, sei es aus doppelt gebrochener Ironie. Auch unter Atheisten pflegt man heutzutage eine eher wohlwollende Indifferenz, militanter Kulturkrieg ist uncool. Also fanden den Rücktritt erst mal alle so cool: Im Abgang, fanden viele, habe Benedikt das Papsttum gründlicher reformiert als zu seiner Amtszeit.

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Es war, als habe er sich auf den Hape-Kerkeling-Bestseller „Ich bin dann mal weg“ besonnen und habe Wanderschuhe angezogen, um Gott zu suchen. Aber wenn der Papst sich so abwendet, ist das für atheistische Laien zunächst einmal verwirrend. Dies als eine irgendwie menschliche, quasi achtundsechzigerhafte Emanzipationsgeste zu preisen, ist oberflächlich. Sie verkennt die spezifischen politischen Umstände dieser spektakulären Entscheidung.

Im Dezemberheft von „Christ und Welt“ beschrieb der anerkannte, auf den Vatikan spezialisierte Journalist Andrea Tornielli die dramatische Zuspitzung der Machtkämpfe an der Kirchenspitze sowie die dunklen Geschäfte, die dort abgewickelt werden und schloss: „Der Rauch Satans scheint sich mittlerweile in allen Gemächern des Vatikans ausgebreitet zu haben. Bekommt Papst Benedikt in der vergifteten Atmosphäre noch genug Luft zum Atmen?“

Die kriminelle Energie, die um den Papst tobte

Warum hat das niemand wörtlich genommen? Opfer von Verbrechen in den eigenen vier Wänden, etwa von Wohnungseinbrüchen, entwickeln sehr häufig posttraumatische Störungen, die lange anhalten können und oft dazu führen, dass die Opfer den Ort des Geschehens meiden, weil sie dort - ein häufiges Symptom - schlicht keine Luft mehr bekommen.

Warum sollte das nicht für einen älteren Mann gelten, der von seinem bis dato über jeden Verdacht erhabenen Butler bestohlen und verraten wurde? Und das war offenbar nur die sichtbarste Manifestation der ungezügelten kriminellen Energie, die um den Papst tobte. Mafia, Geheimdienste und ihre Genossen in der Finanzbranche sollen im Vatikan kaum noch zu bändigen sein, so der Tenor der Artikel von Andrea Tornielli und der Bücher von Gianluigi Guzzi. Letzterer sagte am Samstag in einem Interview, wer glaube, der Papst sei allein wegen seiner Erschöpfung zurückgetreten, der glaube wohl auch an Märchen. Das passt sehr gut zu Benedikts Satz, die Welt werde gerade „hin und her geworfen“.

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Es hört sich nicht so an, als könne ein Hirte da noch viel leiten. Ähnlich schildert der ehemalige konservative französische Minister Bruno Le Maire in seinen eben erschienenen, spektakulären Memoiren die Lage. Die europäischen Regierungen verfügen demnach über eine dramatisch schwindende Macht, die von den Finanzmärkten, den Mafias, den Pensionsfonds und aufstrebenden Mächten geradezu aufgefressen wird. „Wir halten nur noch ein oder zwei Fäden in der Hand. Wenn wir nicht acht geben, sind wir morgen die Marionette und zappeln an den Fäden des Kapitalismus.“ Benedikt wollte nicht als Marionette enden, schneidet sich frei. Eine gute Nachricht ist das nicht.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 17.02.2013, 11:05 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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