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Papst Benedikt XVI. und die Kondome Eine goldig verzierte Moral

22.11.2010 ·  Der Papst hat das Kondomverbot gelockert. Zugleich bringt der schwule Theologe David Berger den Vatikan mit einem Bekenntnisbuch „Der heilige Schein“ in die Bredouille.

Von Christian Geyer
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Die päpstliche Lockerung des Kondom-Verbots „in begründeten Einzelfällen“, mit unbewegter Miene vom „Tagesthemen“-Sprecher vorgetragen, ist nicht die Kuriosität, als die sie auf den ersten Blick erscheint. Im Westen mag es längst nur noch um Erdbeer- oder Himbeergeschmack gehen statt um das Präservativ als theologisches Problem. Aber niemand weiß genau, wie viele Menschenleben eine religiös motivierte, von Rom autorisierte Ächtung des Präservativs in den Ländern der Dritten Welt bisher schon gefordert hat. Man lese dazu das vor drei Jahren erschienene, von Bartholomäus Grill und Stefan Hippler verfasste Buch „Gott, Aids, Afrika“, ein auch an Benedikt XVI. gerichteter Appell, der Vatikan möge durch seine offizielle Kondom-Doktrin nicht länger den Kampf gegen Aids in Afrika blockieren.

Dass der Papst nun ausdrücklich „männliche Prostituierte“ als Beispiel für begründete Ausnahmen vom Kondom-Verbot anführt, wirft einerseits die Frage auf, ob im Vatikan Aids noch immer auf ein Homosexuellen-Problem verkürzt wird, statt es zugleich als Risiko auch für den heterosexuellen Verkehr zu sehen. Andererseits ist das Angewiesensein auf männliche Prostituierte eine der spezifischen Folgen, die sich aus dem generellen Verdikt praktizierter Homosexualität zumal für kirchliche Bedienstete ergeben. So entnimmt man es dem morgen erscheinenden Buch „Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“, in dem David Berger seine Erfahrungen mit dem Katz-und-Maus-Spiel um schwule Kleriker bilanziert, die er während seiner Blitzkarriere im traditionalistischen Kirchenmilieu gemacht hat.

Die Regeln der heiligen Scheinwelt des Katholizismus

Zu dem Fall hatte sich unmittelbar nach seinem Bekanntwerden der renommierte Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff geäußert. In einem Interview, das die Frankfurter Rundschau (FR) am 26. April 2010 veröffentlichte, wurde Schockenhoff, die Kernthese Bergers aufnehmend, gefragt: „Der homosexuelle Theologe David Berger hat sich am 23. April in der FR geoutet und der katholischen Kirche Bigotterie vorgeworfen: Nach außen bekämpfe sie Homosexualität, nach innen würden homosexuelle Geistliche und Mitarbeiter mit subtilem Druck gefügig gemacht. Teilen Sie seine Beobachtung?“ Darauf antwortete Schockenhoff: „In extrem konservativen Kreisen mag das so sein. Die Pfarrgemeinden sind zumeist durchaus aufgeschlossen gegenüber Homosexuellen.“ Die verordnete Doppelmoral, wie sie Bergers frei von Renegatentönen, aber bisweilen etwas hastig argumentierender Klerikerreport registriert, treibe tödliche Risiken hervor.

Dazu gehörten schwule Klerikerszenen, „wo Sexualität ausschließlich an anonymen Orten und mit wechselnden Geschlechtspartnern ausgelebt wird. Durch dieses flüchtig-anonyme Sexualleben sind die Betreffenden von Seiten ihres Bischofs weniger angreifbar als Geistliche, die versuchen, in einer langfristigen Beziehung mit einem anderen Mann zu leben, was sich auf Dauer kaum verstecken lässt. Im Grunde genommen sind die Regeln der heiligen Scheinwelt des Katholizismus auf diesem Gebiet ungewollt darauf angelegt, polygamen, anonymen (oft auch ungeschützten) Sex mit all seinen Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit zu fördern und dauerhafte Beziehungen zu verhindern.“ So erscheint männliche Prostitution als Kollateralschaden einer moralischen Doktrin, für den man im Vatikan im Augenblick keine andere Antwort als das Präservativ bereithält.

David Berger ist zu seinem Engagement nicht gezwungen worden

„Angefangen hatte im Grunde genommen alles mit meiner Faszination für die lateinische, tridentinische Liturgie“, schreibt Berger, um sich und seinen Lesern seine eigene jahrelange Affinität zum traditionalistischen Kirchenmilieu zu erklären, zu offiziellen und informellen Zirkeln, in denen man mit eigentlich religionsfernen, aber politisch rechtsextremen Gruppierungen zusammenarbeitet. Erklärungsbedarf ist allemal da. Schließlich ist Berger zu seinem Engagement nicht gezwungen worden, und passivische Wendungen wie die von den „konservativen Kräften, die mich immer mehr auf ihre Seite zogen“, überzeugen nicht recht bei einem reflektierten und psychisch stabilen Mann, der Berger offenbar ist.

Während seiner Zeit „im rechtsklerikalen Milieu“ habilitierte er sich in Theologie, wurde Mitglied im polnischen Ritterorden von Jasna Góra und war von 2003 an Herausgeber und Chefredakteur der katholischen Monatszeitschrift „Theologisches“. Berger stellt die Ästhetik der tridentinischen Liturgie als „Honigtropfen“ für eine kirchliche Restaurationspolitik dar. Spät erst habe er dann erkannt, „dass der Selbstanspruch der Traditionalisten, sie alleine erhielten noch die unverkürzte Wahrheit des Katholischen aufrecht, kaum zutreffend war. Nicht nur in der Frage des Gehorsams, auch in ihrem ganzen Zugang zur Tradition, in konkreten Fragen der Gottesdienstgestaltung und der Frömmigkeitsübungen wählten sie höchst eigenwillig das aus, was ihnen in das selbstentworfene Konzept passte.“

Ästhetik des altehrwürdigen Kults hat eine besondere Anziehung auf Schwule

Abgesehen davon versperre die dezisionistische Propagierung der tridentinischen Messe den Blick dafür, „dass es hier um eine weit über liturgische Fragen hinausgehende Revolte geht“, die sich gegen im Zweiten Vatikanischen Konzil festgeschriebene Maximen wie Religionsfreiheit oder Aussöhnung mit den Juden richte - und gegen „Achtung, Mitgefühl und Takt“ für Schwule, wie es der katholische Weltkatechismus von 1992 fordert.

Berger nennt es paradox, dass die krasseste Homophobie bei Verfechtern der tridentinischen Liturgie zu finden sei, während die Ästhetik gerade dieses altehrwürdigen Kults eine besondere Anziehung auf Schwule ausübe. „Es ist eine Ästhetik, die wie keine andere im Bereich der Religion homosexuell veranlagte Männer magisch anzieht. Eine Ästhetik, die aber zugleich von einer Gruppe vertreten wird, die wie keine andere im Katholizismus Homosexualität verurteilt, ähnlich den fundamentalistischen protestantischen Sekten in den USA.“ Was „traditionalistisches Liturgie- und schwules Selbstverständnis miteinander verbindet“, sei ihm durch Martin Mosebachs Schrift „Häresie der Formlosigkeit“ begreiflich geworden, das Buch eines Vordenkers traditionalistischer Kirchlichkeit, auf den Berger nicht gut zu sprechen ist: „Ein durch Ästheten wie Martin Mosebach vornehm parfümierter Traditionalismus ist inzwischen wieder salonfähig.“

Eine Mischung aus Diskretion und Repression

Fahndet man nach der empirischen Grundlage der zunächst etwas hergeholt wirkenden Spekulation, wonach die tridentinische Kultur eine schwule Subkultur sei, gibt Berger zu Protokoll: „Bis zur Stunde ist der florierende gewerbsmäßige Handel mit kirchlichen Gewändern für die traditionelle Liturgie in Deutschland weitgehend in homosexueller Hand. Alles, was das 18. und 19. Jahrhundert an kirchlicher Bekleidung von rosa bis violett und stets mit viel Goldfaden ornamental dekoriert hervorgebracht haben, gibt es inzwischen bei schwulen Händlern im Internet wieder zu kaufen. Zuweilen bemüht man sich aufgrund der ganz speziellen Nachfrage sogar, den Glanz der vergangenen Jahrhunderte durch noch längere und filigranerer Spitzen, durch noch mehr Goldstickerei und Farbigkeit zu überbieten, so dass das ganze fast wie eine Karikatur des ohnehin bereits zum Kitschigen neigenden klerikalen Bekleidungsgewerbes der vergangenen Jahrhunderte wirkt.“

Für Berger ergibt sich in diesem Zusammenhang eine beklemmende Pointe: „Homosexuelle Sublimierung erscheint nicht nur als Wurzel und dauerhafte Nahrung des traditionellen katholischen Kultes, sondern auch als Abwehrmechanismus, der die unter den Freunden des klassischen Ritus und Gegnern der Liturgiereform verbreitete Homophobie gut erklären würde.“ So viel scheint für die moraltheologische Bewertung der Homosexualität klar zu sein: Mit der Mischung aus Diskretion und Repression kommt der Vatikan nach diesem Buch nicht mehr weiter. Auch die nun bekannt gegebene Lockerung des Kondomverbots kann nur ein erster Schritt sein, um die Sexualität nicht länger in eine katholische Märchenwelt zu sperren.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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