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Papst Benedikt XVI. und die Kondome Eine goldig verzierte Moral

Der Papst hat das Kondomverbot gelockert. Zugleich bringt der schwule Theologe David Berger den Vatikan mit einem Bekenntnisbuch „Der heilige Schein“ in die Bredouille.

© dapd Vergrößern Die Nachricht ist weniger kurios als sie klingt: Papst Benedikt XVI. hat das Kondomverbot gelockert

Die päpstliche Lockerung des Kondom-Verbots „in begründeten Einzelfällen“, mit unbewegter Miene vom „Tagesthemen“-Sprecher vorgetragen, ist nicht die Kuriosität, als die sie auf den ersten Blick erscheint. Im Westen mag es längst nur noch um Erdbeer- oder Himbeergeschmack gehen statt um das Präservativ als theologisches Problem. Aber niemand weiß genau, wie viele Menschenleben eine religiös motivierte, von Rom autorisierte Ächtung des Präservativs in den Ländern der Dritten Welt bisher schon gefordert hat. Man lese dazu das vor drei Jahren erschienene, von Bartholomäus Grill und Stefan Hippler verfasste Buch „Gott, Aids, Afrika“, ein auch an Benedikt XVI. gerichteter Appell, der Vatikan möge durch seine offizielle Kondom-Doktrin nicht länger den Kampf gegen Aids in Afrika blockieren.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Dass der Papst nun ausdrücklich „männliche Prostituierte“ als Beispiel für begründete Ausnahmen vom Kondom-Verbot anführt, wirft einerseits die Frage auf, ob im Vatikan Aids noch immer auf ein Homosexuellen-Problem verkürzt wird, statt es zugleich als Risiko auch für den heterosexuellen Verkehr zu sehen. Andererseits ist das Angewiesensein auf männliche Prostituierte eine der spezifischen Folgen, die sich aus dem generellen Verdikt praktizierter Homosexualität zumal für kirchliche Bedienstete ergeben. So entnimmt man es dem morgen erscheinenden Buch „Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“, in dem David Berger seine Erfahrungen mit dem Katz-und-Maus-Spiel um schwule Kleriker bilanziert, die er während seiner Blitzkarriere im traditionalistischen Kirchenmilieu gemacht hat.

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Die Regeln der heiligen Scheinwelt des Katholizismus

Zu dem Fall hatte sich unmittelbar nach seinem Bekanntwerden der renommierte Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff geäußert. In einem Interview, das die Frankfurter Rundschau (FR) am 26. April 2010 veröffentlichte, wurde Schockenhoff, die Kernthese Bergers aufnehmend, gefragt: „Der homosexuelle Theologe David Berger hat sich am 23. April in der FR geoutet und der katholischen Kirche Bigotterie vorgeworfen: Nach außen bekämpfe sie Homosexualität, nach innen würden homosexuelle Geistliche und Mitarbeiter mit subtilem Druck gefügig gemacht. Teilen Sie seine Beobachtung?“ Darauf antwortete Schockenhoff: „In extrem konservativen Kreisen mag das so sein. Die Pfarrgemeinden sind zumeist durchaus aufgeschlossen gegenüber Homosexuellen.“ Die verordnete Doppelmoral, wie sie Bergers frei von Renegatentönen, aber bisweilen etwas hastig argumentierender Klerikerreport registriert, treibe tödliche Risiken hervor.

Kardinaele © dapd Vergrößern Hat die tridentinische Kultur eine schwule Subkultur befördert?

Dazu gehörten schwule Klerikerszenen, „wo Sexualität ausschließlich an anonymen Orten und mit wechselnden Geschlechtspartnern ausgelebt wird. Durch dieses flüchtig-anonyme Sexualleben sind die Betreffenden von Seiten ihres Bischofs weniger angreifbar als Geistliche, die versuchen, in einer langfristigen Beziehung mit einem anderen Mann zu leben, was sich auf Dauer kaum verstecken lässt. Im Grunde genommen sind die Regeln der heiligen Scheinwelt des Katholizismus auf diesem Gebiet ungewollt darauf angelegt, polygamen, anonymen (oft auch ungeschützten) Sex mit all seinen Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit zu fördern und dauerhafte Beziehungen zu verhindern.“ So erscheint männliche Prostitution als Kollateralschaden einer moralischen Doktrin, für den man im Vatikan im Augenblick keine andere Antwort als das Präservativ bereithält.

David Berger ist zu seinem Engagement nicht gezwungen worden

„Angefangen hatte im Grunde genommen alles mit meiner Faszination für die lateinische, tridentinische Liturgie“, schreibt Berger, um sich und seinen Lesern seine eigene jahrelange Affinität zum traditionalistischen Kirchenmilieu zu erklären, zu offiziellen und informellen Zirkeln, in denen man mit eigentlich religionsfernen, aber politisch rechtsextremen Gruppierungen zusammenarbeitet. Erklärungsbedarf ist allemal da. Schließlich ist Berger zu seinem Engagement nicht gezwungen worden, und passivische Wendungen wie die von den „konservativen Kräften, die mich immer mehr auf ihre Seite zogen“, überzeugen nicht recht bei einem reflektierten und psychisch stabilen Mann, der Berger offenbar ist.

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