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Pál Schmitts Rücktritt Vertrauen Sie mir, ich bin ein Doktor

 ·  Zunächst schien der ungarische Präsident über seine Doktorarbeit nur zu stolpern. Am Ende ist er doch gefallen. Mit seinem Rücktritt versetzt Pál Schmitt das Land in Weihnachtsstimmung.

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© dpa Nach dem Rücktritt: Pál Schmitt verlässt am 2. April das ungarische Parlament in Budapest

Der ungarische Staatspräsident bestätigte am Montag, den 2. April, in einer Rede vor dem Parlament ältere Gerüchte, wonach es Gottes Wille gewesen sei, der ihn in sein hohes Amt gebracht habe, wo er bislang nach eigenem Dafürhalten großartige Arbeit leiste. „Der Wille Gottes und Ihr Vertrauen“, erklärte er einem staunenden Parlament, das zu dieser frühen Stunde nicht auf eine große Rede gefasst war. Vielleicht spielte er damit auf die Tatsache an, dass der Präsident in Ungarn nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von der Parlamentsmehrheit bestimmt wird. Vielleicht sollte man zu seinen Gunsten hinzufügen, dass Gott seiner Behauptung zumindest bis zur Drucklegung dieses Artikels nicht widersprochen hat. Das ungarische Volk hat dagegen sehr wohl seine Bestürzung darüber zum Ausdruck gebracht, dass ihr Präsident als Plagiator entlarvt wurde, woraufhin die Semmelweis-Universität ihm die Doktorwürde aberkannte.

Nichts sei mehr heilig, meinte Pál Schmitt traurig und erklärte den Abgeordneten weitere zehn Minuten lang, dass seine wörtliche Übersetzung von einhundertachtzig Seiten eines bulgarischen Forschers und weiteren fünfzehn Seiten eines deutschen Professors aus Hamburg nicht das sei, wonach es aussehe. Er klagte auch, die Entscheidung des Senats der Universität sei weder ethisch noch rechtlich vertretbar. Danach erklärte er unerwartet seinen Rücktritt und bat um Gottes Segen für die Arbeit des Parlaments, das sich auch sogleich für diese Geste bedankte, indem es Schmitts Rücktritt mit dreihundertachtunddreißig gegen fünf Stimmen bei sechs Enthaltungen annahm.

Der Rücktritt als Pflicht

Seine Demission überraschte viele, hatte er doch in Radio und Fernsehen erklärt, dass er nicht zurücktreten werde, obwohl man durch Vergleiche - die im Internet zugänglich sind - eindeutig bewiesen hatte, dass er seine sportwissenschaftliche Doktorarbeit weitestgehend abgeschrieben hat, unter anderem aus Arbeiten von Nikolai Georgiev und Klaus Heinemann. Auch das Internationale Olympische Komitee erwägt, gegen Schmitt, der im Fechten zweimal olympisches Gold gewann, Schritte einzuleiten, weil er der olympischen Bewegung durch sein Verhalten geschadet habe.

Als einen Grund für seinen Rücktritt nannte Schmitt die neue Verfassung, die er durch seine Unterschrift am 1. Januar 2012 in Kraft gesetzt hatte. Darin wird die Heilige Krone Ungarns zur konstitutionellen Grundlage des Landes erklärt. Seine eigene Aufgabe, so meinte Schmitt, sei es eigentlich gewesen, das Land zu einen statt es zu spalten, doch diese Aufgabe könne er angesichts des aktuellen Aufruhrs nicht mehr erfüllen. Deshalb, so sagte er, „war es meine Pflicht, aus dem Dienst zu scheiden und mein Amt als Staatsoberhaupt niederzulegen“. Andererseits schien es, als wäre es ihm mit seinem Rücktritt gelungen, das Land zumindest für einen Augenblick zu einen. Noch niemals zuvor waren die Medien sich in einer Frage so einig wie in seinem Fall.

Blüte des politischen Humors

Schmitts Geschichte kann auch der Regierung als Argument gegen den Vorwurf dienen, die Pressefreiheit durch das neue Mediengesetz eingeschränkt zu haben. Schließlich kam die Schmitt-Story durch eine oppositionelle Wochenzeitschrift ans Licht und gewann in anderen Medien Tag für Tag an Gewicht.
Dass man Schmitts Namen nicht allzu bald vergessen und der Präsident seine geliebte Nation auch weiterhin inspirieren wird, dafür sorgt die Prägung eines neuen Begriffs im Ungarischen. Der Ausdruck „eine Doktorarbeit schmitten“ findet rasche Verbreitung und dürfte schon bald ganz allgemein für Fälle Verwendung finden, in denen man etwas erreicht, ohne dafür arbeiten zu müssen.

Täglich werden im Internet und in den Printmedien zahllose Witze verbreitet, die von „Schmitt happens“ bis zu einem Bild seiner Doktorarbeit in einem TESCO-Karton reichen, auf dem der Warnhinweis aufgedruckt ist: „Vorsicht! Könnte Spuren eigener Ideen enthalten.“ Ein Foto zeigt ihn zusammen mit dem Ministerpräsidenten, und beide scheinen herzlich über eine Bemerkung von Schmitt zu lachen: „Da habe ich ihr gesagt: Vertrauen Sie mir, ich bin ein Doktor.“ Zu der langen Liste der Witze gehören auch: „PH.D = Ctrl-C + Ctrl-V“, oder: „Make Doctorates, Not War“, und mein persönlicher Favorit: „Das neue Gesicht von Xerox“.

Die große Zahl der politischen Witze erinnert mich an die „Goldenen 80er“, als die Kommunistische Partei nahezu täglich für Nachschub an neuen Witzen sorgte. Auf einem anderen Foto breitet der Präsident die Arme aus und fragt: „Plagiat? Ich weiß nicht einmal, wie man das buchstabiert“ - eine Anspielung auf einen anderen peinlichen Augenblick in seiner Karriere, als er online ging und vor dem Verfall der ungarischen Sprache warnte, aber offenbar vergessen hatte, seine Texte durch ein Korrekturprogramm laufen zu lassen.

Ein vorbehaltloser Unterstützer Orbáns

In Ungarn herrschte Weihnachtsstimmung, als der Präsident am Montag die Opposition geradeso wie die Koalition durch seinen Rücktritt glücklich machte, ganz zu schwiegen von den Demonstranten, die vor seinem Amtssitz campierten. Was im ersten Augenblick als großer Schaden für das Ansehen der Regierungspartei erscheinen mag (hatte sie mit ihm doch einen ehemaligen Abgeordneten und Orbáns persönlichen Kandidaten für das Präsidentenamt verloren), könnte sich langfristig noch als großer Vorteil erweisen.

Der neue, von Fidesz bestimmte Präsident wird noch fünf Jahre, bis 2017, im Amt bleiben, und bis dahin werden noch zwei Parlamentswahlen stattfinden. Auch wird er wahrscheinlich populärer sein, da er keine so umstrittenen Gesetze wird unterzeichnen müssen wie sein Vorgänger, der dies tat, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Schmitt hat seine Aufgabe erfüllt. In einigen ungarischen Medien zitierte man aus diesem Anlass sogar Schiller: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“ Schmitt hat Orbán bei seinem „revolutionären“ Gesetzesmarathon rückhaltlos unterstützt. Er hat bereits alle Gesetze unterzeichnet, die ein anderer Präsident vielleicht blockiert hätte angesichts der Kritik europäischer Institutionen, die der Ansicht sind, diese Gesetze verstießen durch ihr Streben nach größtmöglicher zentraler Kontrolle gegen demokratische Grundsätze.

Als er vergangene Woche nach Korea flog, sagte ich meinen Freunden, das sei sein Schwanengesang - er wolle noch einmal eine Reise unternehmen, um sich wichtig zu fühlen, um ein letztes Mal als Präsident Hände zu schütteln und anschließend zurückzutreten. Alle erwiderten mir, ich hätte den Verstand verloren, denn Ungarn sei nun einmal das Land ohne Konsequenzen, in dem die Arroganz der Macht keine Grenzen kennt. Das Muster des „Landes ohne Konsequenzen“ wurde Mitte der 1990er Jahre von der Sozialistischen Partei eingeführt. Wenn in deren drei Regierungsperioden etwas Kompromittierendes über ihre Ministerpräsidenten ans Licht kam, liefen sie wie blinde Pferde einfach weiter gegen die Wand. Sie konnten einfach nicht zurücktreten oder taten es viel zu spät, wodurch die Partei und die gesamte ungarische Linke schließlich in den Abgrund stürzten. Das wiederum ist die Ursache für die gegenwärtige Situation, in der Orbán jedes Gesetz durchbringen kann, das ihm gefällt, obwohl nach den Umfragen heute nur noch 20 Prozent der Wähler hinter seiner Partei stehen.

Auch Schmitt schien mit möglichst großer Geschwindigkeit gegen die Wand rennen zu wollen. Bei seiner Rückkehr erklärte er gegenüber Journalisten, er denke gar nicht an Rücktritt. Am folgenden Tag gab er sogar ein Fernsehinterview, in dem er seinen Entschluss bekräftigte und seine Dissertation stolz „das Werk eines Mannes“ nannte. Offenbar hatte er sie eigenhändig mit der Schreibmaschine tippen müssen, weil es damals noch kein Copy-and-Paste gab.

Eine Trumpfkarte von Fidesz

Nein, er wollte nicht zurücktreten. Er legte sogar die Latte noch höher, wie ein guter Sportler es tut, und erzählte dem Reporter, der im Staatsfernsehen offensichtlich auf ein nettes, gesichtswahrendes Gespräch bedacht war, er werde eine neue Dissertation schreiben, einen Ph.D diesmal, auf der Grundlage seiner Arbeit im Umweltausschuss des Internationalen Olympischen Komitees. Es war ein verzweifelter Versuch.

Die Revolution scheint vorbei zu sein. Es gibt nichts mehr, wofür sie ihn bräuchten. Er wurde zu einem wandelnden Witz. Sir Lancelot, der erste Ritter. Seit seiner Rückkehr aus Korea sprach er ständig nur noch von seiner Ehre, im Fernsehen, im Radio, im Parlament. Dass es ihm vor allem darum gehe, seine Ehre zu retten. Wahrscheinlich kosteten ihn seine Probleme mit der Rechtschreibung den Kopf. Das wäre für einen Fechter - einen Schwertkämpfer, der in glänzender Rüstung für Gott und Ruhm kämpft - eher verzeihlich als für jemanden, der gelegentlich wichtige Papiere wie eine Verfassung unterzeichnen muss.

Was an diesem Wochenende geschah, werden wir niemals erfahren, aber es war von entscheidender Bedeutung für das Überleben von Fidesz. Denn mit dem Rücktritt des Präsidenten haben sie einen Präzedenzfall geschaffen, eine Trumpfkarte, die sie jederzeit gegen die Sozialisten zu ziehen vermögen. Wer könnte noch behaupten, in Ungarn gäbe es zu wenig Demokratie, wenn das Staatsoberhaupt nach Recherchen durch die Presse wie eine getroffene Ente zu Boden geht? Wer könnte jetzt noch behaupten, in diesem Lande bräuchten Mächtige nicht für die Folgen ihres Tuns einzustehen? Wer könnte sagen, Sir Lancelot, Orbáns erster Ritter und vielleicht der beste Fechter ganz Europas, sei nicht zum höchsten Opfer für seinen König und sein Land bereit gewesen? Jetzt und erst jetzt, nach zahllosen vergeblichen Versuchen, kann Excalibur endlich in Frieden ruhen.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: FAZ.NET
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