22.03.2010 · Der Hirtenbrief des Papstes zum Missbrauch beklagt die Säkularisierung geistiger Sichtweisen. Problematisch ist jedoch vielmehr, dass vielen Kirchenleuten der Bezug zu säkularen Realitäten fehlt. Das Problem ist eine Kirche, die sich außerhalb jeden Kontextes verortet.
Von Christian GeyerIn dem Hirtenbrief des Papstes zum Missbrauch wird eine Tendenz vieler Priester und Ordensleute beklagt, „Weisen des Denkens und der Einschätzung säkularer Realitäten ohne ausreichenden Bezug zum Evangelium zu übernehmen“. Doch stellt sich im Zusammenhang mit den kriminellen Taten nicht die umgekehrte Frage? Hat man es hierbei nicht mit Weisen religiösen - besser: bigotten - Denkens zu tun, dem gerade jeder ausreichende Bezug zu säkularen Realitäten fehlt? Müsste man nicht fragen, wie es zu dieser Hybris des Religiösen gegenüber dem Kulturellen kommen konnte, statt die Kultur unter Verdacht zu stellen, wenn es im Haus der Kirche brennt?
Man fragt sich, ob es nicht neben der Sache liegt, wenn der Papst bei der Erörterung des Missbrauchthemas die „rasche Transformation und Säkularisierung der Gesellschaft“, den „schnelllebigen sozialen Wandel“ beklagt. Ist es nicht umgekehrt die Struktur der säkularen Öffentlichkeit, die zu einer Ächtung der Pädophilie geführt hat, bis auch die Kirche nicht anders konnte, als sich dem lange tabuisierten Thema zu stellen? Sie ist einfach nicht in der Position, um Spitzen gegen eine säkulare Kultur zu richten, die die Kirche recht eigentlich erst zur Räson gebracht hat.
Falscher Adressat
Vor diesem Hintergrund fallen auch Stilfragen ins Gewicht und bekommen inhaltlichen Rang. Der Papst muss sich die Frage gefallen lassen, warum er auf dem Höhepunkt der deutschen Diskussion um den Missbrauch seine Erklärung an die Iren adressiert. Warum er mit keiner Silbe Strukturfragen berührt, die die Pädophilie begünstigen könnten. „Ich weiß, dass viele von Euch von der Art und Weise, wie diese Dinge von Euren Oberen behandelt wurden, enttäuscht, verwirrt und verärgert sind“, schreibt Benedikt XVI. an die Priester und Ordensleute in Irland. Weiß er es wirklich? Kommt es in der derzeitigen Situation nicht einer Brüskierung gleich, einer beunruhigenden Taktlosigkeit, wenn der Papst in seiner formalen Adressierung einen Brief an die Kirche in einem bestimmten Land richtet, den mit Recht eigentlich die Weltkirche erwartet (weil der Missbrauch flächendeckend ist)? Und was soll es bedeuten, wenn in diesem Brief mit keiner Silbe der Zölibat berührt wird, dessen Zusammenhang mit dem Missbrauch man doch zumindest erörtert sehen will, wie immer die Antwort ausfallen mag?
Diesen Zusammenhang gar nicht erst zu thematisieren, kommt einer degoutanten Unbekümmertheit gleich. Die Missachtung für säkulare Realitäten scheint aber auch das Klima gewesen zu sein, in dem die jetzt gebrandmarkten Missbrauchsfälle vertuscht werden konnten. Bewegt von einer „fehlgeleiteten Sorge um die Kirche“ (Benedikt XVI.), nahmen Bischöfe ihre Dienstaufsicht nicht wahr, versetzten überführte Täter an einen anderen Ort, wo diese dann neue Opfer fanden. Entspringt es nicht ebensolcher fehlgeleiteter Sorge um die Kirche, wenn Ursachenforschung vor dem Dogma zu enden hat?
Gott ohne Kontext
Das Problem für die Kirche ist nicht die säkulare Umwelt, in der sie wirkt - war es noch nie, wenn man den missionarischen Zeugnissen aus den geschichtlichen Christenverfolgungen Glauben schenkt. Das Problem ist eine Kirche, die sich zur Pfingstbewegung wandelt, zu einer Erweckungskirche, die in Zungen spricht, als spreche sie in einem leeren Raum, in dem es keine Erwartungen und Vorannahmen gibt, an die anzuknüpfen sich gehört. Für Pfingstler ist das Wort Gottes nicht an eine bestimmte Sprache und Kultur gebunden, es bewegt sich wie züngelnde Flammen: Gott spricht ohne Kontext.
Wie ungeheuerlich eine von ihren säkularen Kontexten gelöste Gottesrede ausfallen kann, zeigt der Verlust des Bewusstseins vom kriminellen Charakter, der in der jüngsten Kirchengeschichte dazu führte, dass die Opferspirale jahrzehntelang nicht gestoppt wurde. Aber auch die Entgleisungen des Regensburger Bischofs gleichen züngelnden Flammen, die die geschichtlichen Fakten verbrennen. Gerhard Ludwig Müller vergleicht die öffentliche Missbrauchsdebatte mit den kirchenfeindlichen NS-Zeiten. Im Blick auf eine Welle von Kirchenaustritten in seinem Bistum bittet er die Gläubigen, der Kirche treu zu bleiben, „so wie auch damals die Katholikinnen und Katholiken treu gewesen sind der Kirche Jesu Christi“. Das ist eine Missachtung säkularer Realitäten, die die Grenze zum Zynismus überschreitet und durch keine polemische Strategie zu decken ist. In heiliger Einfalt bringt Müller das Problem auf folgenden Nenner: „Solche, die um jeden Preis die katholische Kirche um ihren Ruf bringen wollen, haben sich die Regensburger Domspatzen als Opfer ausgesucht.“ Ein Glanzstück des Bistums Regensburg solle in den Dreck gezogen werden. So die pfingstlich entfesselte Sprache einer fehlgeleiteten Problemwahrnehmung, an deren Ende die Verhöhnung des Opferbegriffs steht.
„Schwere Fehler sind bei der Behandlung von Vorwürfen gemacht worden“, schreibt Benedikt XVI. über bischöfliche Pflichtvergessenheit. Sie beginnt und endet bei der flammenden Verwirrung der Begriffe.