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Päpstliches Lehrschreiben : Kann denn Liebe Sünde sein?

Papst Franziskus bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz Bild: dpa

Turbulenzen in Rom: Seit der legendären Pillen-Enzyklika wird kein päpstliches Lehrschreiben so kontrovers diskutiert wie Franziskus’ „Amoris laetitia“.

          Am „etc.“ sollt ihr ihn erkennen. Den Papst, der sich nicht scheut, auch in kirchenrechtlichen Texten das pralle Leben in Form eines „etc.“ zur Geltung zu bringen. Dass das Leben die Form sprengt, sich also im Zweifel nicht formvollendet verhält, ist geistesgeschichtlich eine Binse, die aber im derzeitigen Pontifikat die revolutionäre Kernbotschaft abgibt. Deshalb der römische Toast aufs „etc.“, auf ein und-so-weiter auch dort, wo die spezielle Textgattung, die juristische Materie, eine normative Ausformulierung erwarten lässt. Es meldet sich, mit anderen Worten, auch in kirchenrechtlichen Schriftstücken mit Franziskus der barmherzige Prediger zu Wort, weshalb sich bei Kritikern von links wie rechts die Einschätzung durchgesetzt hat, man dürfe die Worte des gegenwärtigen Papstes eben nicht auf die Goldwaage legen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Was für einen Global Player, der sich im Ganzen ja doch als Agentur des Über-Ichs, als entschieden normative Instanz versteht, ein erkennbar zweifelhaftes Kompliment ist, wenn man es nicht gleich frei heraus als institutionelles Missgeschick etc. bezeichnen will. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller weist auf die päpstliche Unbefangenheit im Umgang mit dem Kirchenrecht hin. Franziskus halte die Dinge in der „Schwebe“ - was sich in der Tat besondere in dem jüngsten Lehrschreiben „Amoris laetitia“ zeigt, einer Unterweisung in Sachen Ehe und Ehebruch, welche schon jetzt als der am heftigsten diskutierte päpstliche Text nach der Pillen-Enzyklika Pauls VI. gelten kann.

          Schüller unterstreicht das Paradox, dass der argentinische Papst sich in seinem bisherigen Pontifikat einerseits als ein „eifriger Gesetzgeber“ erweist, „der vielfältige kirchenrechtliche Normen erlässt“. Andererseits, zugespitzt wiedergegeben, pfeife Franziskus auf kirchenrechtlichen Sachverstand. Das zuständige vatikanische Fachgremium bleibe „selbst bei der redaktionellen Überarbeitung der päpstlichen Gesetze außen vor“, dessen „signifikant hoher Sachverstand“ werde nicht abgefragt, ein unprofessioneller Vorgang, den Schüllers Aufsatz in der theologischen „Herder-Korrespondenz“ „unverständlich genug“ nennt. Nur so, mit dieser Unbekümmertheit gegenüber dem fachlichen Sachverstand, lasse sich erklären, dass gerade die jüngsten päpstlichen Gesetze „nicht in kirchenrechtlich exaktem Latein, sondern sprachlich ,luftigem’ Italienisch abgefasst wurden, noch dazu mit etlichen pastoralen Stilblüten, die die Verwendung von Alltagssprache nun einmal so mit sich bringt“. Die Verwendung von „etc.“ sei in diesem Zusammenhang symptomatisch. So nennt der Kirchenrechtler es einen „Aberwitz“, dass Franziskus bei der Novellierung der eheprozessrechtlichen Normen ebenso unvermutet wie sachfremd mit dem „und so weiter“ operiere, ein Gestus der Wurstigkeit, „der in Rechtstexten der Kirche schlicht nichts zu suchen hat“.

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