Im Picasso-Museum von Málaga gab es jetzt einen kleinen Skandal, und wie bei allen spanischen Skandalen unterhalten sich die Beobachter mit der Frage, ob seine Einzelteile mit Getöse herabstürzen (und dabei ein paar Leute mitreißen) oder ob sie leise in sich zusammenklappen wie ein Kartenhaus. Diesmal geschah nur das Zweite, zum Glück. Trotzdem lohnt es sich, wegen allgemeinen Erkenntnisgewinns davon zu erzählen.
Kürzlich wurde im besagten Museum die Ausstellung „Viñetas en el frente“ (Vignetten an der Front) eröffnet, die sich um Picassos Radierzyklus „Traum und Lüge Francos“ dreht. Wie wohl den meisten Picasso-Anhängern und ganz sicher auch der Schwiegertochter Christine Ruiz-Picasso bekannt ist, handelt es sich bei der Postkartenserie um zwei Blätter mit insgesamt achtzehn Bildchen, die zu des Malers deutlichsten politischen Äußerungen gegen Franco gehören. Man könnte sagen, Picasso habe in diesem Zyklus aus dem Frühjahr 1937 seine Wut über Francos Rebellion und das spanische Leid im Bürgerkrieg so laut herausgebrüllt, dass er in dem kurz darauf geschaffenen Gemälde „Guernica“ in der Lage gewesen sei, die Leinwand von anekdotischen Zeitbezügen freizuhalten.
Was noch?
Wie dem auch sei, Christine Ruiz-Picasso wollte die Ausstellung nicht eröffnen, weil das Werk des Malers „in umstrittenen Wahlkampfzeiten“ politisch benutzt werde. Man muss dazusagen, dass Picassos Schwiegertochter und ihr Sohn Bernard aus ihrer Sammlung mehr als hundertfünfzig Werke zur Verfügung gestellt haben, um das 2003 eröffnete Museum auszustatten. Zum Ärger hat Christine Ruiz-Picasso also jedes Recht. Aber sie war schlecht beraten, den Rücktritt des Museumsdirektors José Lebrero zu fordern. Die Anmaßung wurde deshalb zurückgewiesen. Denn Kunst und Politik finden zwar im selben Leben statt, sind aber nicht dasselbe.
Wie anders als historisch können sich heutige Betrachter von „Traum und Lüge Francos“ der Radierserie nähern? Die Aufgabe des Museums ist es, dazu den geschichtlichen Kontext herzustellen. Es wäre traurig, wenn eine bald fünfundsiebzig Jahre alte Kunst heute nicht gleichmütig und in Kenntnis ihrer Entstehungsbedingungen angeschaut werden könnte. Was noch? Das Patronat des Picasso-Museums von Málaga hat den Direktor in seinem Amt bestätigt und gleichzeitig erklärt, die Institution gehe „gestärkt“ aus dieser Angelegenheit hervor. Hoffen wir, dass das auch für den Direktor gilt.