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Otfried Preußler Zaubersprüche, im Wald ersonnen und geprüft

 ·  Es genügt, laut die Namen aus seinen Büchern aufzusagen, und die Kindheit ist wieder da. Otfried Preußler war ein Kindermagier und ein großer Schriftsteller.

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© Isolde Ohlbaum Vergrößern Otfried Preußler, 1923 bis 2013.

Einmal wanderte ein junger, aus dem Mährischen stammender Schulmeister durch den bayerischen Wald. Was so einer dabei wohl denkt? „Der, die, das“, dachte er. Und dann noch: „So könnte es funktionieren.“

Zufällig vorbeikommende Spaziergänger hätten natürlich angenommen, der „Schulmeister“ (bis zuletzt legte der Grundschullehrer Wert auf diese Berufsbezeichnung) bereite sich auf seinen Unterricht vor; auf die Lektion mit dem bestimmten Artikel. Doch der Schulmeister war mit seinen Gedanken zwar bei Kindern, aber überhaupt nicht beim Unterricht. Derdiedas - das war ein Zauberspruch, der die Phantasie befreite, und das ist, wie man zugeben muss, eine ziemlich einfache Variante eines Zauberspruchs. Seit Kinderzeiten in der böhmischen Heimat war er ein Geschichtensammler gewesen. Mit acht Jahren sagte er dem Vater, dass er selbst einmal Geschichten schreiben werde. Aber bis zu diesem Moment im bayerischen Wald hatte er noch nichts geschrieben, und zwar nicht, weil ihm nichts eingefallen wäre, sondern weil ihm zu viel eingefallen wäre. Denn er war ein sehr gewissenhafter Mensch und übererfüllte sein Soll selbst in der Phantasie.

Jetzt, hier irgendwo unter den Bäumen, war dem jungen Mann klar geworden, wie er ein Meer von Geschichten, Legenden, Fabeln, Überlieferungen, die in seinem Kopf waren und sich mit der eigenen Einbildungskraft zu einem einzigen Stoff vermischt hatten, organisieren könnte. Zauberspruch 1: „Der kleine Wassermann“. Zauberspruch 2: „Die kleine Hexe“. Zauberspruch 3: „Das kleine Gespenst“. Die drei bestimmten Artikel genügten ihm als Hohlformen, um eine ganze Welt zu erzählen, so, als hätte er nur ein Gefäß für seine Flut an Geschichten gebraucht. Der „Räuber Hotzenplotz“ war noch nicht dabei. Aber auch ohne den Räuber weiß jeder, dass hier im Wald der Schriftsteller Otfried Preußler entstand.

Im Druidenkreis der Kindheit

Ungefähr so, wenn auch etwas sachlicher, hat er uns die Geschichte erzählt, als wir ihn zu seinem achtzigsten Geburtstag besuchten. Er wohnte am Rübezahlweg in einem Haus, das über die Jahre durch Anbauten sich mit jedem Raum leicht modernisierte, von den fünfziger bis in die siebziger Jahre führte der Weg, gleichsam, vom kleinen Wassermann bis zu „Krabat“, an seinem großen Erfolg entlang. Windschief wie bei der kleinen Hexe war hier nichts, alles sehr sachlich, aber manches doch auch auf merkwürdige Weise provisorisch. Später wurde klar, dass er, als Vertriebener, der Dauerhaftigkeit von Frieden und Sesshaftigkeit, einer Welt ohne Inflation und Krieg, sowieso nicht ganz traute.

Auf der Terrasse wollten wir wissen, wie das funktioniert: wie es ihm gelungen war, die Helden und Heldinnen von ganzen Kindergenerationen zum Leben zu erwecken. Und als Antwort kam „derdiedas“. Vielleicht auch die einzig richtige Antwort, wenn man nach etwas fragt, das kein Mensch beantworten kann.

Die großen Kinderbuchautoren legen mit ihren Geschichten einen Kreis um das Ich. Er sieht wahrscheinlich genauso aus wie der Druidenkreis des Petrosilius Zwackelmann im „Hotzenplotz“. Damit gelingt ihnen, was viele Erwachsene immer wieder erfahren. Die Entfernung des Ich zur Kindheit ist auch im Alter immer die gleiche. Man muss nur in die Bücher schauen, nein, noch nicht einmal hineinschauen, sondern nur die Figuren wieder aufrufen, und man ist wieder da, wo man einst in den Kreis trat.

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