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Oskar Roehler über die Wut : Diese gefährliche Hitze im Kopf

  • -Aktualisiert am

Oskar Roehler Bild: Frank Röth

Wir haben Schriftsteller aus aller Welt gefragt, was sie wütend macht. Und auch diese Antwort bekommen: Man wird sich etwas dabei gedacht haben. Also versuche ich es.

          1. Wut (damals)

          Es gab eine Zeit, lange her, da packte mich manchmal eine wahnsinnige, physische Wut. Ein „Amoklauf“ von mir war legendär. Er vollzog sich entlang der Oranienstraße. Erst schlug ich die Frontscheiben einer Galerie ein, vergrub meine Fingernägel in den Leinwänden, riss sie herunter und wälzte mich in ihnen und den Glasscherben am Boden; ich sprang durch die kaputte Scheibe wieder hinaus, die wie ein Fallbeil hinter mir hinunterkrachte und mir wahrscheinlich meinen Kopf abgetrennt hätte, wäre ich nicht so besessen gewesen, dass mir nichts passieren konnte, rannte weiter, um die Stühle und Tische der „Oranienbar“ auf die Straße zu schleudern.

          Ich lief hinein in die Schwulenbar, wo man gerade zu frühstücken anfing, und riss ihnen die Tische und Stühle unter dem Arsch weg, um sie, gemäß der Systematik und dem mir innewohnenden, schrecklichen Ordnungssinn, allesamt auf die Straße zu schleudern; um anschließend weiterzulaufen, bis zum Landwehrkanal, in den ich hineinsprang.

          Ich wollte ihn durchkraulen und dann über die Mauer in die DDR klettern. Meine Wut war so groß wie mein Körper stark, ich hielt mich für unbesiegbar. Ich schwamm, wie bereits in meinem Roman erwähnt, über weite Strecken Butterfly durch den Kanal, ging dann aber nach Hause. Die DDR konnte warten. Ich wickelte meinen mit Schnittwunden übersäten Körper in Mull ein und legte mich flach auf den Rücken.

          Nichts konnte mich aufhalten

          Bald fing alles zu jucken an. Ich brüllte gegen diesen Juckreiz an, bis mir die Stimmbänder versagten. Ich fühlte mich, wie im Roman beschrieben, wie die Kreatur in „Eraserhead“, meinem Lieblingsfilm damals. Nichts konnte mich aufhalten, meiner Wut Ausdruck zu verleihen, nicht das Klopfen und die plumpen Drohungen meiner Nachbarn, nicht die Polizei, die sie riefen und die mich schließlich in eine Ausnüchterungszelle brachte: denn diese Wut war der einzige Ausdruck, den ich hatte.

          Ich war noch kein Künstler, aber die Metamorphose zum Künstler fand in diesen schwierigen Geburtswehen statt, und ich fand darin meinen Ausdruck. Wut war mein künstlerischer Ausdruck. Ich war ein sehr wütender junger Mann. Woher kam diese Wut? Durch den Alkohol, den ich vorher in Unmengen in mich hineingekippt hatte?

          Gegen wen richtete sie sich? Gegen mich selbst. Das war der Unterschied. Diese Wut, die mich veranlasste, zu brüllen, bis die Stimmbänder versagten, auf dem Asphalt Purzelbäume zu schlagen, mit dem Kopf voran durch Frontscheiben zu springen oder kaputte Waschmaschinen fünf Stockwerke hochzuschleppen, um sie dann sich selbst zu überlassen, war meine Form von Energie.

          Es brachte mich zur Raserei, dass ich meinen künstlerischen Ausdruck nicht fand. Einmal rannte ich über die Stadtautobahn, vor Wut darüber, dass ich meinen künstlerischen Ausdruck nicht fand. Einmal, ich war schon stockbesoffen, hätte es aber noch aufs Klo geschafft, blieb ich aus reiner Verweigerungshaltung auf meinem Barhocker sitzen und schiss und urinierte gleichzeitig in die Hose.

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