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Veröffentlicht: 27.02.2012, 16:50 Uhr

Oscars 2012 Letzte Ausfahrt Nostalgie

Alt, weiß, männlich - das ist die Mitgliederstruktur der Akademie, die den Oscar verleiht. Überraschungen sind da nicht zu erwarten. Die Deutschen gingen leer aus, feierten aber trotzdem.

von , Los Angeles
© dpa Beide nominiert als beste Schauspieler: George Clooney und Meryl Streep während der Oscar-Verleihung 2012

Die Show war mit gut drei Stunden kurz, vieles bei den Preisen ungerecht, Meryl Streep bei der Annahme ihres erwartbaren Oscars für die „Iron Lady“ erstaunlich gefühlig und Angelina Jolie umwerfend, was nicht nur am schönsten Kleid des Abends lag. Ansonsten war neu vor allem eines: Die Männer trugen Bart. Morgan Freeman, Michel Hazanavicius, Brad Pitt, Christian Bale, Robert Downey Jr., Gary Oldman und viele andere, sie alle schauten nicht unrasiert, sondern mit gepflegtem Gesichtshaar in die Kamera. Eine Mode von gestern.

Verena Lueken Folgen:

Seit „The Artist“ als Favorit in den wichtigen Kategorien schon im Ziel zu stehen schien, während alle anderen nur im Rennen waren, gab der schwarzweiße französische Stummfilm das Thema des Abends vor: Sehnsucht nach gestern und Glamour wie einst. Da störte offenbar nicht, dass rund um das ordinäre Einkaufszentrum Hollywood & Highland Center, das nach der Kodak-Pleite dem ehemaligen Kodak Theatre seit gerade mal drei Tagen seinen Namen leiht, nichts daran erinnert, wie es einmal gewesen sein mag. Außer den Wachsfiguren bei Madame Tussaud gleich nebenan.

Ein Abend voller Alterswitze

Nun ist die Oscar-Verleihung an sich eine nostalgische Veranstaltung, das ist schon mindestens so lange so, wie Hollywood seine wichtigsten Geschäfte nicht mehr im Kino, sondern in neueren Medien und mit Zweit- und Drittverwertungen macht. Doch schon seit einigen Jahren wird gerade bei den Oscars das Kinoerlebnis beschworen, als sähen wir alle nicht längst Filme auch ganz woanders. Jahr für Jahr taucht der Glanz vergangener goldener Zeitalter die Stadt für diesen einen Abend noch einmal in ein warmes Licht, in dem niemand Schatten wirft - die Gewinner nicht und die, die leer ausgehen, auch nicht. Wenn die Lampen auf der letzten Party der Oscarnacht ausgeschaltet werden, wird es sein, als wäre nichts gewesen.

Alle wissen das, aber mit diesem Wissen steht niemand den Abend durch. Geschweige die Zeit davor. Wer hingeht, wer gewinnen könnte, für wen - wie Wim Wenders und seine Leute - der Abend schon um halb drei in der langen Schlange der Limousinen vor dem roten Teppich beginnt, wer das mit Würde durchstehen will, für den gilt erstens: Bringen wir es hinter uns. Und auch, zumindest am Anfang des Abends: Besser wird es nicht.

Billy Crystal, der die Oscarverleihung schon zum neunten Mal moderierte, spielte perfekt auf der Klaviatur dieses Gefühls, es könne für einen Abend noch einmal so sein, wie es nie war. Er rauschte nicht nur auf einem Filmstreifen auf die Bühne, sondern stellte auch Gäste und Filme in einem Medley aus Filmsongs vor, die alle einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Alterswitze durchzogen den Abend. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass die „L. A. Times“ vor einigen Tagen eine Studie zur demographischen Zusammensetzung der Academy veröffentlicht hatte. Alt, weiß, männlich, so sieht es da aus.

Vier deutsche Nominierungen

Dass „The Artist“ mit fünf Oscars, darunter den wichtigsten für Regie, den besten Hauptdarsteller und besten Film, am Ende als Gewinner dastand, obwohl auch Martin Scorseses „Hugo“ fünf Oscars bekam, darunter allerdings in den weniger wichtigen Kategorien Effekte, Tonschnitt und Tonmischung, passt da ins Bild. Den Übergang zum Tonfilm, von dem „The Artist“ erzählt, dürften nicht wenige Academy-Mitglieder noch erlebt haben. Scorseses „Hugo“ dagegen bringt mit elaborierten 3D-Effekten sein filmhistorisches Thema durchaus heutig auf die Leinwand. „The Artist“ ist eine leichtfüßige Liebeserklärung an Hollywood - die Jean Dujardin in seiner Dankesrede für den Oscar als bester Hauptdarsteller bekräftigte: „Thank you, Douglas Fairbanks!“ „Hugo“ aber ist eine Liebeserklärung ans Kino, das seine Wurzeln anderswo hat, nämlich in Frankreich. Was man hier vielleicht nicht so gern hört.

Am Nachmittag vor der Verleihung feierten die deutschen Nominierten - es waren immerhin vier, neben Wenders für „Pina“ noch Max Zähle für seinen Kurzfilm „Raju“, die deutschen Koproduzenten Schmidtz Katze Filmkollektiv für Agnieszka Hollands „In Darkness“ in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“ und Lisy Christl für die Kostüme in Roland Emmerichs „Anonymous“ - hoch über dem Pazifik in der Villa Aurora die traditionelle Vor-Oscar-Party. Der Blick von der Villa in den Pacific Palisades ist unschlagbar, das Haus verliert seinen musealen Charme auch nicht im Ansturm von (laut Veranstalter) fünfhundert Leuten, aber ob der Geist längst toter Giganten, die hier wohnten, von Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, noch durch die verwinkelten Flure weht, wer wollte das entscheiden? Marta allerdings, Marta Feuchtwanger, ist in Büsten und Bildern aus jedem Lebensalter immer noch eine formidable Präsenz.

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