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Oscar-Nacht 2014 : Für Qualität ist’s nie zu spät

Das Weltraumdrama „Gravity“ ist als einziger Hollywood-Studiofilm für zehn Oscars nominiert - die anderen Favoriten kommen von einem anderen Stern Bild: AP

Wo ist eigentlich Hollywood, wenn am Sonntagabend die Oscars verliehen werden? Mit immerhin einem Studiofilm geht die Industrie ins Rennen: „Gravity“. Alles andere kommt nicht von dort.

          Einmal im Jahr kommt die amerikanische Filmindustrie zusammen, um mit ein paar Gästen aus dem Rest der Welt zu feiern, was einmal die „siebte Kunst“ hieß und seit Jahren totgeredet wird. Am Sonntag ist es wieder so weit. Aber „Hollywood“, die alte Industrie mit ihren paar Studios und den extravaganten Budgets für immer mehr von immer demselben, ist nur noch der Rahmen, in dem dieses glorreiche Ereignis stattfindet. Hollywood ist ein Ort, an dem kaum etwas anderes mehr produziert wird als fortsetzungsreife, auf den ersten Blick wiedererkennbare, international ohne allzu großen Übersetzungsaufwand zu vermarktende Schlichtheit und folgenlose Zerstörungswut, die ursprünglich auf etwas anderem fußte als auf einer Filmidee - gern auf einem Comic oder einem Jugendbuch, beides in Serie.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man muss das nicht verachten, man kann das mögen. Etwa „Iron Man 3“, der im vergangenen Jahr international der erfolgreichste Film war (Einspielergebnis weltweit 1,214 Milliarden, Oscar-Nominierung für Visual Effects). Aber nur das?

          Nebenrolle für aufwendig animierte Blockbuster

          Es wird voraussichtlich nicht mehr lange so sein. Denn die Studios, die seit ein paar Jahren erfolgreich versucht haben, das Wegbrechen des DVD-Marktes mit Einnahmen an den Kinokassen in aller Welt wettzumachen - zwischen 60 und 80 Prozent des Einspielergebnisses eines typischen Hollywoodfilms kommen aus Übersee -, werden dort nicht für alle Zeiten konkurrenzlos bleiben.

          In Europa steigt der Marktanteil einheimischer Produktionen, und in China, Korea und Indien blühen bereits oder erblühen demnächst eigene Industrien, die mit Hilfe von Talentimporten aus Hollywood ebenfalls Städte digital in Schutt und Asche werden legen können und ihre eigenen Helden generieren werden. Und spätestens dann wird die Frage sein: Was machen sie jetzt in Hollywood?

          Zunächst aber ist es noch so, dass aus den Studios kaum etwas anderes kommt als eben serielle Produktion oder Animation. Aber bei den Oscars, da sieht es jenseits der technischen Kategorien so aus, als gäbe es die Milliarden umsetzende Industrie nur am Rande mit ihren „Hunger Games - Catching Fire“ (keine Nominierung), mit „Hobbit - The Desolation of Smaug“ (Nominierungen für Sound Editing, Sound Mixing, Visual Effects) oder „Fast and Furious 6“ (keine Nominierung), den Vierten, Fünften und Sechsten auf der weltweiten Einspielrangliste. Von den fünf größten internationalen Hits schaffte es nur der animierte „Frozen“ (Rang 2 weltweit), unter den Nominierten für einen anderen als technischen Oscar zu sein (als „Bester Animationsfilm“).

          Großer Auftritt für gesellschaftliche Portraits

          Die Nominierten für die höchste Auszeichnung, den Oscar für den „Besten Film“ aber sind: Eine Gesellschaftssatire aus den Siebzigern („American Hustle“), ein Gesellschaftsdrama aus den Achtzigern („Dallas Buyers Club“), eine Gesellschaftssatire aus den Neunzigern („Wolf of Wall Street“), ein Historienfilm („12 Years a Slave“), eine Liebesgeschichte von morgen („Her“), eine Piratengeschichte von heute („Captain Phillips“), eine Familientragödie („Philomena“) und eine Überlebensgeschichte im Weltraum („Gravity“).

          Und nur „Gravity“, mit zehn Nominierungen einer der Favoriten, schaffte es hinter „Frozen“ international unter die erfolgreichsten zehn Filme des Jahres 2013. Sandra Bullock, George Clooney und Weltraumbilder in 3D - dass diese Mischung an der Kasse ziehen würde, darauf allerdings wollten in Amerika nach einem Sommer heimischer Flops am Ende nicht mehr viele wetten.

          Oscars waren einmal dafür da, die „kulturellen, erzieherischen und wissenschaftlichen Standards“ im Filmgeschäft anzuheben, und wenn man sich die Nominierten für Sonntag anschaut, kann man sagen: Yo, in diesem Jahr werden sie das vermutlich tun. Denn in den Nominierungen spiegelt sich ein ungewöhnlich vielfältiges Kinojahr - und natürlich wäre es schön, auch bei der Preisvergabe fiele für die meisten etwas ab.

          Selten waren die Filme, die um die meisten Auszeichnungen konkurrieren, unterschiedlicher. Selten auch nur aktueller, politisch, sozial, gesellschaftlich, erotisch. Und das in einem Jahr, in dem einige der stolzesten Verteidiger der amerikanischen Kinokultur - und einige, die damit sehr viel Geld verdient haben - mitteilten, mit dem Kino sei es demnächst völlig vorbei. Und wirklich schade sei es auch nicht mehr drum.

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