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Ortsbesichtigung Guter alter Bahnhof Zoo

07.06.2005 ·  Hier sind wir alle angekommen: Am Bahnhof Zoo, offiziell „Zoologischer Garten“. Eine Besichtigung des Ortes, der Berlin in all seiner Pracht zeigt, mit allem Dreck, Elend, Krach und Wonne.

Von Iris Hanika
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Hier sind wir alle angekommen. Am Bahnhof Zoo, offiziell „Zoologischer Garten“. Daß der älteste Zoo Deutschlands wirklich gleich gegenüberliegt, erschließt sich allerdings nicht, denn dessen Eingang versteckt sich auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes, welcher ein großer Parkplatz samt Busbahnhof ist und trotzdem einen stolzen Namen trägt: Hardenbergplatz.

Auch heute kommt man am Bahnhof Zoo an, kann allerdings auch bis zum Ostbahnhof weiterfahren. Das soll sich demnächst ändern. Die Bahn, neben der Telekom die bestgehaßte Institution des Landes, möchte sich der ihr entgegengebrachten Abneigung nämlich auch in Zukunft würdig erweisen und will darum, sobald der Lehrter Bahnhof, der dann Hauptbahnhof heißen soll, eröffnet sein wird, die Züge nicht mehr am Zoo halten lassen.

Im Tunnel unter der Glashalle

Am ausführlich renovierten Ostbahnhof übrigens auch nicht. Nicht einmal in der, wie man dachte, just zu diesem Zweck errichteten riesigen Glashalle des Lehrter Bahnhofs, sondern im Tunnel darunter. Man soll also, sobald die Stadtgrenze überquert ist, in den Tunnel eintauchen und bei der Ankunft in Berlin von der Stadt gar nichts sehen, vielmehr von unten hervorkriechen und dann in das Niemandsland treten, welches die Umgebung des Lehrter Bahnhofs, auch wenn er bald Hauptbahnhof heißt, nun einmal ist. Nicht, daß am Ende noch ein Fremder Berlin für etwas anderes als Brache hält.

Der Bahnhof Zoo wird dann nur noch für den innerstädtischen Verkehr gebraucht werden. Dabei liegt er mitten in der Stadt, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorbildlich zu erreichen und zeigt Berlin in all seiner Pracht, also mit allem Dreck, Elend, Krach und Wonne.

Als die Mauer noch stand, war der Bahnhof Zoo das Eingangstor nach West-Berlin für alle, die sich weniger für exotische Tiere interessierten als für andersartige Menschen. Darum kam man ja nach Berlin - weil man sich total anders fühlte und entsprechend leben wollte, was in Westdeutschland nicht so leicht möglich schien. Daß der Bahnhof Zoo ursprünglich gar kein zentraler Bahnhof, sondern diese Funktion der Teilung der Stadt geschuldet war, wußte man bei der Ankunft nicht, als hier die Endstation der „Fernbahn“ war (so heißt in Berlin die Eisenbahn). Vielleicht wunderte man sich ein bißchen darüber, daß der Bahnhof Zoo mit seinen vier Gleisen an zwei Bahnsteigen so klein war, aber nicht allzusehr; in Berlin war eben alles anders. Man wußte nur, daß man angekommen war. Und hielt sich sowieso nicht lange am Bahnhof Zoo auf, sondern fuhr gleich weiter mit einer der zwei U-Bahn-Linien, die sich unter dem Bahnhof kreuzen.

Klein und verlottert

So klein und verlottert und trotzdem der zentrale Bahnhof - damit war der Bahnhof Zoo wie die ganze Stadt Berlin, die die Vorteile der Großstadt mit denen des Dorfes verband. Nachdem die Zeit der Großbaustellen nun vorüber ist und die wichtigsten Orte der vorher jeweils unzugänglichen Stadthälfte erkundet sind, tut sie das eigentlich wieder. Vielleicht tut sie das einfach immer.

Damals wurde der Bahnhof Zoo von der Reichsbahn verwaltet, unterstand also einer DDR-Behörde. Die West-Berliner, die bei der Reichsbahn arbeiteten, waren gerne Mitglied der SEW, des West-Berliner Ablegers der SED, und fast alle waren im FDGB. Die eingesessenen West-Berliner alias Frontstadtbewohner glaubten derweil, daß der Bahnhof so schmuddelig sei, weil die DDR damit der Welt zeigen wollte, wie sie sich den Kapitalismus vorstellte.

Lesbische Liebe auf der Toilette

Als deutscher Ableger von Sodom und Gomorrha offiziell anerkannt wurde der Bahnhof Zoo spätestens 1978, als die damals sechzehnjährige Christiane F., mit Unterstützung von „Stern“-Reportern, in ihrem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ plastisch schilderte, wie das ist, wenn man schon mit vierzehn heroinsüchtig ist. In den siebziger Jahren setzten sich die Junkies ihre goldenen Schüsse nämlich gerne auf der Bahnhofstoilette, welche außerdem von Nina Hagen in einem Lied über lesbische Liebe besungen wurde, derweil sich hinterm Bahnhof, entlang der Jebensstraße, kleine Jungs prostituierten. Auf der anderen Straßenseite befanden sich die Aktion Sühnezeichen, die Kunstbibliothek und die Hintereingänge des Berliner Oberverwaltungsgerichts, schräg gegenüber war und ist das Amerika-Haus. Bei solchen Kontrasten geht nicht nur „Stern“-Reportern das Herz auf.

Heute sieht es an der Jebensstraße nicht viel anders aus, bloß ist das Ober- nun das Bundesverwaltungsgericht. Die Kunstbibliothek ist umgezogen, dafür gibt es das Museum für Fotografie der Helmut-Newton-Stiftung. Das Haus, über dessen Eingang in jugendstiligen Lettern „Evangelischer Oberkirchenrat“ steht, beherbergt noch immer viele evangelische Einrichtungen.

Die Buchhandlung ist verschwunden

Anfang der neunziger Jahre endgültig verschwunden aber ist die Heinrich-Heine-Buchhandlung, die schon im Herbst 1945 von den Sowjets eingerichtet worden und nach dem Krieg die erste Berliner Buchhandlung überhaupt war. Eine regelgerechte Bahnhofsbuchhandlung war sie gewiß nicht und der Zugang zur Bahnhofshalle sowieso mit Büchern verstellt; man kam nur von draußen hinein, von der Hardenbergstraße. Aus ebendiesen Gründen: keine Bestseller an der Kasse, kein Zugang von der Bahnhofshalle her, wurde ihr 1992 gekündigt.

Die Heinrich-Heine-Buchhandlung war so voll, daß man durch die Bücher schwimmen mußte; es hieß, daß kein Buch je an den Verlag remittiert wurde, bloß weil es nicht schnell genug verkauft worden war. Vielmehr durfte jedes Buch so lange hier stehen, bis es seinen Käufer gefunden hatte. Wenn irgendwo ein Platz an der Wand war, hing dort ein Schriftstellerporträt, das vielleicht aus einer Zeitung ausgeschnitten war. Und es wurden den Kunden alle Wünsche erfüllt, nicht nur die nach obskuren Studien aus Kleinstverlagen.

Wirklich sehr billig

Die Verfasserin zum Beispiel erwarb dort in den achtziger Jahren nicht nur ein herrliches Kochbuch aus den fünfziger Jahren, sondern auch Rainer Maria Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, und zwar wurde ihr Exemplar, weil es erstaunlicherweise nicht als Taschenbuch in einer Einzelausgabe vorrätig war, kurzerhand aus der sechsbändigen gebundenen Werkausgabe herausgenommen. Als Preis wurde dann ein Sechstel des Preises der Werkausgabe festgelegt, und das war „wirklich sehr billig“, wie der Hilfsbuchhändler, dem dieses Vorgehen nun doch nicht geheuer war, bemerkte. Aber Hans Brockmann wußte, daß man ein Buch in dem Moment haben muß, in dem man es lesen will, und darum sei hier an ihn, der kurze Zeit nach der Kündigung (aber nicht an dieser) viel zu früh starb, dankbar erinnert.

Die Heinrich-Heine-Buchhandlung ist ebenso verschwunden wie das vorbildlich ungemütliche Presse-Cafe und das Postamt, das immer geöffnet hatte (doch mag die Erinnerung täuschen), aber die vierte Bahnhof-Zoo-Institution lebt und gedeiht, der Ullrich-Verbrauchermarkt nämlich, der zwar riesig ist, aber gut verborgen unter den Bahngeleisen von der Hardenbergstraße bis zur Kantstraße hinüberreicht. Hier findet man das nach dem Kadewe zweitgrößte Getränkesortiment Berlins, zudem ist, weil dieser Laden an einen Kölner Großhändler angebunden ist und zu keiner Kette gehört, auch das sonstige Angebot ein bißchen anders als anderswo in Berlin. Und weil er so zentral liegt, waren auch Ost-Berliner mit Reiseerlaubnis gut mit ihm vertraut.

Schick ist er noch immer nicht

Was aber erwartet den Reisenden heute, wenn er ankommt am Bahnhof Zoo? Schick ist er noch immer nicht, trotz vielfältiger Verschönerungsbemühungen, die bereits im Jahr 1987 zur Berliner 750-Jahr-Feier einsetzten. Eigentlich ist er immer noch so grotesk wie damals, als die Mauer noch stand. Junkies gibt es nicht mehr, und es wurde, wie überall, versucht, die Bahnhofshalle in ein Einkaufszentrum umzuwandeln, was jedoch, aufgrund des beschränkten Platzes, nur ansatzweise gelang.

Die Bahnsteige selbst haben inzwischen moderne Anzeigetafeln, auch kommt man im ICE an, bloß steigt man dann hinunter und wundert sich. Zunächst gelangt man in ein niedriges Zwischengeschoß, von dem aus man einerseits ins Bahnhofsrestaurant „Terrassen am Zoo“ gehen und andererseits in die S-Bahn umsteigen kann. Die findet man aber nur, wenn man weiß, wo man hingehen muß. Gegenüber der Treppe zur S-Bahn steht ein großes Eisenbahnmodell, in dem nach Geldeinwurf vier verschiedene kleine Züge ihre Runden drehen. Daneben befinden sich ein paar der wenigen Bänke im Bahnhof, aber man will ja hinaus und nimmt darum die nächste halbe Treppe.

Vollgepfropfte Bahnhofshalle

Diese führt hinunter in die vollgepfropfte Bahnhofshalle, welche von einem riesigen gläsernen Gebilde dominiert wird, das ein Aufzugsschacht zu sein scheint und umstellt ist von Informationstafeln und einigen weiteren Bänken. Im Hintergrund sieht man einerseits den Zugang zu einer ganzen Reihe von Stehlokalen, andererseits Geschäfte, einen sehr breiten Informationsschalter sowie den Zugang zum Bahnhofsklo im Keller. Das hat sich mit genau festgelegten Preisen für Pissoir, Toilette und Dusche, Zugang nur nach Geldeinwurf an Drehkreuzen und einzeln stehenden Waschtischen aus grauem Marmor in ein surreales Notdurftverrichtungsambiente verwandelt und heißt folgerichtig „McClean“.

In der Halle selbst hängen, wie Trapeze, viele dicke Bambusstangen, an denen große Margeriten und Schmetterlinge aus Papier befestigt sind. Das ist als Sommergruß der Bahn durchaus hinzunehmen, dennoch hat diese Bahnhofshalle etwas Irres an sich. Am Anfang ist das nur ein vages Gefühl, doch erweist genaue Betrachtung seine Berechtigung: Um die ganze Halle herum wurden am oberen Rand der hellgelben Verkachelung, in etwa drei Meter Höhe, sehr dünne, in sich gedrehte, orangefarbene und gelbe Tüllstreifen als Girlanden aufgehängt. Sie sind kaum zu sehen, aber sie sind wirklich da, und so steht man auf einmal in einem ländlichen Festsaal, der zum Tanz in den Mai geschmückt wurde, und zwar mit viel Liebe und wenig Geld.

Aus genau diesen beiden Dingen aber besteht das Verhältnis der Berliner zu ihrer Stadt, und genau so, Großstadt und Dorf zugleich, ist sie nach wie vor. Oder, wie zuletzt Bill Clinton treffend bemerkte: „Berlin bleibt doch Berlin.“ Guter alter Bahnhof Zoo.

Quelle: F.A.Z., 08.06.2005, Nr. 130 / Seite 46
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