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Arthur Koestler : Die Signaturen der Lebensgefahr

Der Schriftsteller Arthur Koestler um 1950 Bild: Bridgemanimages.com

1940 schrieb Arthur Koestler einen Schlüsselroman der Stalinära: „Sonnenfinsternis“. Das Originalmanuskript galt als verschollen. Durch Zufall hat es nun ein Kasseler Doktorand wiederentdeckt.

          Manchmal beginnen große Entdeckungen ganz klein. Manchmal reicht es zum Beispiel, nur den richtigen Suchbefehl in einer Datei einzugeben – und dann ist von einem Augenblick zum anderen ein Rätsel gelöst, das seit Jahrzehnten erforscht wurde. Und aus einem unbekannten Germanistik-Doktoranden wird auf einmal so etwas wie ein Star.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der bis zu diesem Augenblick der großen Entdeckung noch weitgehend unbekannte Doktorand heißt Matthias Weßel. Er forscht an der Universität Kassel über den Schriftsteller Arthur Koestler, der heute in der englischsprachigen Welt bekannter ist als in der deutschsprachigen. Dabei hat Koestler einen der wichtigsten Roman über den ideologischen Wahnsinn des 20. Jahrhunderts geschrieben: „Sonnenfinsternis“. Und um diesen Roman soll es hier gehen: darum, dass er eine zweite Karriere machen könnte, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, weil ein Doktorand einen Befehl eingegeben hat – und etwas fand, nach dem er eigentlich gar nicht gesucht hatte.

          Ein Echtzeitroman der jüngsten Ereignisse

          Koestler wurde 1905 in Budapest geboren, wuchs in Wien auf, begann im Weimarer Berlin eine Karriere als Journalist, trat in die Kommunistische Partei ein, bereiste Anfang der Dreißiger die Sowjetunion, erlebte dort den Horror des Stalinismus. Worüber er dann 1940 im französischen Exil – auf der Flucht vor den Nazis, zwischendurch auch mal als sowjetischer Agent eingesperrt von den Franzosen – einen Roman schrieb. „Sonnenfinsternis“ könnte man vergleichen mit Orwells „Farm der Tiere“ und „1984“, aber es ist eben keine Parabel oder Dystopie, sondern ein Echtzeitroman der jüngsten Ereignisse: Es geht um einen Veteran der Russischen Revolution, Rubaschow, der von seiner eigenen Partei als Verräter zum Tode verurteilt wird, weil er nicht mehr in die Machtlogik der neuen Nummer eins im Staat passt.

          Koestlers Roman begleitet Rubaschow durch seine Verhöre im Gefängnis bis zur Hinrichtung. Es gibt damals viele echte Rubaschows in der Sowjetunion, sie werden umgebracht oder verschwinden für immer. „Darkness at Noon“ wird sofort ein sensationeller Erfolg, als der Roman noch 1940 erscheint, zuerst auf Englisch. Koestlers Freundin Daphne hatte den Text übersetzt, während er selbst noch daran schrieb, Koestler musste ihn später für die deutsche Ausgabe rückübersetzen. Das Original aber galt als im Chaos der Flucht verloren.

          Bis der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel an seinem 32. Geburtstag im vergangenen Sommer eine Archivbestandsliste der Universität Zürich an seinem Computer öffnet und „Strg“ und „F“ und „Koestler“ eingibt. Eine Routineabfrage: Weßel sucht eigentlich nach Koestler-Dokumenten aus dem Nachlass des Verlegers Emil Oprecht. In dessen Europa-Verlag war 1938 Koestlers Buch „Ein spanisches Testament“ erschienen, ein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem Koestler als Kriegsreporter unterwegs gewesen und von franquistischen Truppen verhaftet und fast hingerichtet worden war. Nach Honorarabrechnungen dieses „spanischen Testaments“ sucht Matthias Weßel jetzt, nach Korrespondenzen: In seiner Doktorarbeit soll es nämlich unter anderem um die wirtschaftliche Karriere Koestlers in den Jahren gehen, als er noch auf Deutsch schrieb.

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