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Orhan Pamuks Museum : Rückenschwimmen gegen Liebeskummer

Hat Füsun die Tasse berührt? Wir wissen es nicht. Entscheidend ist aber ohnehin nur, dass Kemal dies glaubt. Bild: The Innocence Foundation

In Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“ versammelt der Nobelpreisträger Dinge, die von der Liebe eines Mannes zu einer Frau erzählen - eine einzige begehbare Phantasie.

          Zunächst erlebt wohl fast jeder Leser eine Enttäuschung: Dieses Haus soll es sein? Mit der Alarmanlage, den fünf unromantischen Überwachungskameras und der Feuerleiter? Ist es nicht zu groß, und ist das Rot der Fassade nicht zu aufdringlich? In einem Haus wie diesem kann sich die Geschichte doch nie und nimmer abgespielt haben! Wäre nicht das Holzhaus eine Gasse weiter passender gewesen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Es ist wie bei der Verfilmung eines berühmten Romans - man hatte sich die Helden anders vorgestellt, Wronskijs Augenbrauen dichter und Annas Wangen voller, aber die unverschämten Schauspieler ähneln partout nicht dem Bild, das man sich vom Personal der Geschichte gemacht hatte. Doch in der Logik des Romans von Orhan Pamuk, um den es hier geht, hat alles seine Richtigkeit: Wir sehen ja nicht mehr das Haus der Familie Keskin vor uns, in dem Kemal Basmaci vom 23. Oktober 1976 bis zum 26. August 1984 seine schönsten und schwersten Stunden verbrachte, sondern jenes „Museum der Unschuld“, das am Ende von Pamuks gleichnamigem Roman das Resultat dieser seltsamen Liebesgeschichte ist. Und dass Kemal Basmaci, der Fetischist, sein Museum mit Eisengittern und Überwachungskameras gegen Diebstahl gesichert hätte, versteht sich von selbst.

          In 83 Kapiteln erzählt der türkische Literaturnobelpreisträger fast 1000 Seiten lang eine Geschichte, die seit vergangenem Freitag nicht nur gelesen, sondern in einem Museum im Istanbuler Stadtteil Çukurcuma in ebenso vielen Vitrinen auch besichtigt werden kann. In der Geschichte ist Kemal der schönen Füsun verfallen, die er dann aber durch eigene Schuld verliert. Den Rest seines Lebens verbringt er mit dem Versuch, aus seiner geliebten Füsun wieder seine Geliebte Füsun zu machen. Da ihm das misslingt, beginnt er Gegenstände zu sammeln, die er mit ihr in Verbindung bringt, weil Füsun sie berührt, in einigen Fällen auch nur betrachtet hat oder betrachtet haben könnte.

          Ebenso verliebt wie egozentrisch

          Pamuk führt dabei wie nebenbei eine neue Gestalt in die Weltliteratur ein. So wie Oblomow faul und entschlussunfähig ist, ist Kemal, durch seine unglückliche Liebe zum Sonderling geworden, ebenso verliebt wie egozentrisch. Wenn das Wort „Kemalismus“ nicht schon besetzt wäre, könnte man es als Synonym für den schrankenlosen Egoismus und Wahn der Liebenden verwenden.

          Orhan Pamuk in seinem Museum: Es geht um die Flüchtigkeit der Liebe und des Glücks

          Kemal sammelt Streichholzschachteln, Aschenbecher, Teegläser, Servietten, Tischdecken, Thermosflaschen, Zuckerdosen, Lineale, Haarnadeln, Murmeln, Lippenstifte, Eintrittskarten, Salzstreuer, Uhren, Olivenkerne, die Taschenlampe einer Platzanweiserin im Kino oder einen Korb mit Seife in Obstform aus Edirne. Er wird zum Anthropologen seines Lebens und trägt immer mehr „greifbare Zeichen für das Wüten der Seele“ zusammen, wie er seine Devotionalien nennt. Und dann ist da im Roman noch ein gewisser Orhan Pamuk, ein Schriftsteller offenbar, dem Kemal seine Geschichte erzählt und ihn bittet, sie aufzuschreiben. So handelt das Buch von den Momenten des Glücks und der Unmöglichkeit, sie festzuhalten.

          Im „Museum der Unschuld“ ist das anders. Hier ist auf vier Etagen die Vergänglichkeit gebannt, das Glück konserviert. Die Vitrinen folgen der Kapitelreihenfolge des Romans, mit Ausnahme des Auftakts im Erdgeschoss, wo der Besucher gleich in das Kapitel 68 (“4213 Zigarettenkippen“) versetzt wird und genau das sieht: 4213 Zigarettenkippen hinter Glas, von Füsun geraucht und von Kemal gesammelt. Eine ganze Wand voller aufgespießter Zigarettenstummel, als habe jemand Ernst Jüngers Käfer ausgestellt, aber nur die hässlichen. Unter jeden Stummel hat Pamuk (also Kemal) einige Worte geschrieben, die an eine Begebenheit erinnern, zu der die Zigarette geraucht wurde.

          Momente in Vitrinen

          An der Treppe zur ersten Etage beginnt dann das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, das in Romanen seit Generationen üblich, in einem Museum aber ungewöhnlich ist. Der Besucher befinde sich in einem Gebäude, das von 1979 an für zwanzig Jahre das Haus der Familie Keskin gewesen, zwischen 1999 und 2012 aber in ein Museum umgewandelt worden sei, heißt es auf einer Tafel. In der ersten Etage steht man dann vor der Vitrine, die dem Anfangskapitel „Der glücklichste Augenblick meines Lebens“ gewidmet ist. Hinter Glas ein heller Vorhang, an dem ein Ohrring befestigt ist.

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