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Ordnung in der Küche : Rezepte zum Leben

Was war zuerst da: Das Rezept oder die Lust, danach zu kochen? Bild: Picture-Alliance

Ausreißen, Abheften, Vollkleckern: Die einen legen Rezepte in Ordner, die andere in Kochbücher. Diese Loseblattsammlungen erzählen unsere Autobiographie – in Gerichten.

          Wer zu Hause kocht, hat so etwas zu Hause: eine Loseblattsammlung mitgeschriebener, herausgerissener, ausgedruckter Rezepte aus dem Lauf des Lebens, und das Leben ist ja letztlich ein einziger Ablauf von Dingen, die man gegessen hat, wieder essen oder irgendwann einmal essen will. Deswegen sammelt man Rezepte, lässt sie sich von der Mutter am Telefon durchgeben, schreibt sie bei Freunden mit, reißt sie aus Zeitschriften, druckt sie aus dem Internet aus – und legt sie ab. Die einen tun das in andere Kochbücher, so entsteht ein Kochbuch im Kochbuch; die anderen heften ab oder schreiben und kleben Notizbücher voll.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Autobiographien des Essens entstehen so, Sammelsurien aus den Jahren, in denen man kochen und essen lernt, und weil das nie aufhört, wachsen diese Sammelsurien an und erzählen uns unser Leben – in Form von Quark-Öl-Teig oder Apfelkuchen oder Zimtpudding mit Gelatine. In Jahresringen von Rezepten. Die lebendigste Kochkolumne der deutschen Presse, Elisabeth Raethers „Wochenmarkt“ im „Zeit-Magazin“, funktioniert genau so, ohne Scheu, Rezepte anderer Köche und Kolumnen wiederzuverwerten, und wer Raethers Rezepte dann herausreißt und abheftet und nachkocht, zitiert eigentlich ein Zitat. Aber so wird, immer schon, das Weltwissen der Küche und des Essens weitergegeben: aufschreiben, ausschneiden, abheften, einkleben, vollkleckern.

          In Wachspapier und Schönschrift

          Der Hamburger Werbetexter Peter Breuer hat jetzt ein wunderschönes Kochbuch voller Kochbücher herausgebracht, es heißt „Kochtagebücher“ (Edition Greenpeace Magazin, 48,50 Euro) und dokumentiert historische Küchenkladden aus Breuers Sammlung, 75 sind schon zusammengekommen, die 15 schönsten zeigt jetzt sein Buch: zwei Jahrhunderte Kochrezepte, die Frauen zusammengetragen haben und in ledergebundenen oder in Wachspapier eingeschlagenen (und vollgekleckerten) Büchern festhielten, in Schönschrift.

          Kochen war eben Frauensache, auch wenn Nietzsche (Breuer zitiert ihn) gegen das „Weib als Köchin“ und ihre „schauerliche Gedankenlosigkeit“ antobte. Ein Mann ist in Breuers Auswahl allerdings doch dabei, Erich F. J. Matz, ein Konditor von der Insel Rügen.

          Aber die meisten dieser Kladden stammen eben von Frauen wie Else Baumann aus Karlsruhe (1904) oder Felizitas Christiana von Troeltsch aus Augsburg (1839), und sie erzählen, in ihrer Feinsäuberlichkeit, die Geschichte einer Aneignung: Das sind die Zutaten, das sind die Rezepte, festgehalten für den Gebrauch, Chroniken des Alltags für uns Nachgeborene, so aßen sie damals, so nannten sie das, was sie aßen: gebähtes Brot, Kollorabic, Kriegskirschkuchen.

          Dass man Kochen kann, setzen diese Köchinnen als gegeben voraus, weil sie es mehrmals täglich tun. Und wie man in Tagebüchern ja erst mal nicht festhält, dass man lebt, sondern wie man es tut, so halten diese Kochtagebücher dann eben nicht fest, wie man kocht, sondern dass man es tut. Aber dass man kocht, zeigt dann, wie man lebt.

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