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Optimismus der Fremden : Wer ist Flüchtling?

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer Bild: dpa

Wer in dem Land, aus dem er kommt, ein guter Bürger war, wird wohl auch im neuen Land ein guter Bürger sein. Ein Gastbeitrag

          „We Refugees“ heißt ein Aufsatz von Hannah Arendt, der 1943 in der Zeitschrift „The Menorah Journal“ erschien. Sie verabschiedet sich dort in wohltuender Weise vom herkömmlichen Begriff des Flüchtlings. Sie schreibt: „Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen; die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Anschauungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs ,Flüchtling‘ gewandelt. ,Flüchtlinge‘ sind heutzutage jene unter uns, die das ,Pech‘ hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen, und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees angewiesen sind.“ So werde sie sich nicht als „Flüchtling“, sondern eher als „Neuankömmling“ oder als „Einwanderer“ bezeichnen. Arendt schwebt an dieser Stelle eine ganz neue, vielleicht eine kommende Figur des Flüchtlings vor. Er ist einfach jemand, der in Erwartung eines besseren Lebens sich in ein neues Land begibt.

          Arendt beschreibt die Figur des „optimistischen Flüchtlings“ wie folgt: „Die größten Optimisten unter uns gingen gewöhnlich sogar so weit zu behaupten, sie hätten ihr gesamtes vorheriges Leben in einer Art unbewusstem Exil verbracht und erst von ihrem neuen Leben gelernt, was es bedeutet, ein richtiges Zuhause zu haben. Die Optimisten unter uns sind schon nach einem Jahr der festen Überzeugung, sie sprechen Englisch so gut wie ihre eigene Muttersprache; und nach zwei Jahren schwören sie feierlich, dass sie Englisch besser beherrschten als irgendeine andere Sprache – an die deutsche Sprache erinnern sie sich kaum noch.“ Um zu vergessen, vermeide diese Spezies der Flüchtlinge jede Anspielung auf die Konzentrations- und Internierungslager, die sie zu „Pessimisten“ machen würde. Hannah Arendt zitiert die Worte eines Landsmannes, der, kaum in Frankreich angekommen, einen der sogenannten Anpassungsvereine gegründet hat: „Wir sind in Deutschland gute Deutsche gewesen, und deshalb werden wir in Frankreich gute Franzosen werden.“ Der ideale Einwanderer ist Arendt zufolge wie jene „füllige Frau, die sich über jedes neue Kleid freut, das ihr die begehrte Taille verspricht“.

          Zuerst die schmerzhafte soziale Einsamkeit

          Im Sinne von Hannah Arendt war ich selbst ein optimistischer Flüchtling. Ich wollte in einem neuen Land ein Leben leben, das mir in meinem Heimatland nicht möglich war. Die Erwartungen meines Umfeldes und dessen konventionelle Strukturen hätten es mir nicht erlaubt, ganz anders, radikal anders zu leben, ja zu denken. Ich war damals 22 Jahre alt. Nach dem Studium der Metallurgie in Korea wollte ich in Deutschland Philosophie, Literatur und Theologie studieren. Auf dem Campus meiner Universität in Seoul schaute ich oft zum Himmel und dachte mir, er ist zu schön, als dass ich unter diesem Himmel das ganze Leben als Metallurg verbringen wollen würde. Ich träumte von einem schöneren, besseren Leben. Ich wollte über das Leben philosophisch nachdenken. Ich ergriff die Flucht nach Deutschland. So kam ich mit 22 mittel- und sprachlos in Deutschland an. Damals sprach ich kaum Deutsch.

          Am Anfang war ich, wie jeder optimistische Flüchtling, mit sozialer Einsamkeit konfrontiert. Sie ist schmerzhaft. So spüre ich tief den Schmerz der Flüchtlinge von heute. Ich leide mit ihnen. Es war schwer, mich mit meinem schlechten Deutsch in die sozialen Strukturen zu integrieren. Fehlende Sprachkenntnisse waren das Haupthindernis des von mir angestrebten Einlebens (von der sogenannten Integration möchte ich nur ungern sprechen). Dann hat sich die Liebe als beste Strategie zum Einleben erwiesen. Eine deutsche Frau, die mich liebt, würde, so dachte ich mir schlicht, mir zuhören und mir die deutsche Sprache schnell beibringen, um zu verstehen, was ich über sie denke, was für Gefühle ich ihr gegenüber empfinde et cetera. Ich war fast gierig nach jedem neuen deutschen Wort. Ich wollte Deutsch, meine Ambition war, so zu sprechen wie Deutsche. Dieser Strategie folgte bekanntlich auch Willy Brandt. Schon binnen weniger Monate seines Exils verfasste er Artikel und Reden auf Norwegisch. Während er unter dem Pseudonym Gunnar Gaasland in Berlin im Untergrund lebte, sprach er Deutsch mit norwegischem Akzent. Es war offensichtlich nicht nur seine sprachliche Begabung, sondern seine Sprachgier, ja, seine Gier nach Liebe, die bei ihm den Erwerb einer Fremdsprache dermaßen beschleunigte.

          Ein Jahr nach der Ankunft in Deutschland glaubte ich wie jener optimistischste Flüchtling von Hannah Arendt, dass ich Deutsch besser beherrsche als irgendeine andere Sprache. Auch der Patriotismus ist für Hannah Arendt eine reine „Übungssache“. Der „ideale Einwanderer“ ist jener, der „sofort die einheimischen Berge entdeckt und liebt“. Er ist ein Patriot, ein Landliebender. Er liebt das Land, in dem er sich neu einrichtet. Auch ich liebe dieses Land. Ich habe mich eines Tages einbürgern lassen und habe dafür den koreanischen Pass aufgegeben. Nun bin ich ein Deutscher. Inzwischen spreche ich Deutsch besser als meine Muttersprache, die nun wirklich zu einer bloßen Muttersprache verkommen ist. Ich spreche Koreanisch nämlich nur mit meiner Mutter. Meine Muttersprache ist mir nun fremd geworden. Ich liebe Deutschland. Ich würde mich sogar als Patriot, als Landliebenden bezeichnen. Ich bin auf jeden Fall patriotischer als Petry, Gauland und Höcke zusammen. Mit ihrem verantwortungslosen Populismus entwürdigen sie Deutschland, mein Land, das für mich immer ein sehr gastfreundliches Land gewesen ist.

          Was heißt, ein guter Bürger zu sein?

          Wer ein guter Bürger im Herkunftsland war, wird auch im neuen Land ein guter Bürger sein. Wir sollten diese „Neuankömmlinge“ weiterhin willkommen heißen. Wer bereits im Herkunftsland kriminell war wie Anis Amri, wird im neuen Land weiterhin kriminell bleiben. Wir werden ihn abweisen. Wir sollten den Neuankömmlingen hingegen ein Umfeld anbieten, in dem sie gute Bürger werden können.

          Der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han

          Was heißt aber, ein guter Bürger zu sein? Ich bin der zweite Koreaner, der an der Berliner Universität der Künste Professor geworden ist. Der erste koreanische Professor der UdK Berlin hieß Isang Yun. Er war ein bedeutender Komponist. Er war ein politischer Mensch. In den sechziger Jahren protestierte er heftig gegen die damalige Militärdiktatur in Südkorea. Er wurde 1967 mitten in Deutschland vom südkoreanischen Geheimdienst entführt. In Seoul wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach seiner frühzeitigen Entlassung kehrte er nach Deutschland zurück, nun vom südkoreanischen Regime ausgebürgert. Er wurde Flüchtling und ließ sich in Deutschland einbürgern. Vielleicht würde er aber wie Hannah Arendt bestreiten, dass er ein Flüchtling sei. „Ich bin ein guter, optimistischer Einwanderer“, hätte er wie Hannah Arendt gesagt. Sein Deutsch war exzellent.

          Am liebsten möchte ich erneut in ein Traumland

          Ein guter Bürger ist gut aus seiner Gesinnung heraus. Er teilt die moralischen Werte wie Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Sein Handeln gegen das herrschende politische System mag von diesem kriminalisiert werden. Aber er ist trotzdem aufgrund seiner moralischen (im Kantischen Sinne) Gesinnung ein guter Bürger und auch ein Patriot, ein Land- und Menschenliebender.

          In den letzten Jahren seines Lebens war Isang Yun wegen offen ausbrechender Fremdenfeindlichkeit im wiedervereinigten Deutschland verzweifelt. Angesichts der applaudierenden Masse vor dem in Brand gesetzten Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen zeigte er sich bestürzt. Und er war enttäuscht, denn er liebte Deutschland. Das Geschehen in Rostock glich auch in meinen Augen einem Pogrom. Im Moment beunruhigt mich die angesichts vieler Flüchtlinge wieder aufflammende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Am liebsten möchte ich erneut in ein Traumland, in ein gastfreundliches Land flüchten, in dem ich wieder ganz ein Patriot, ein Landliebender sein darf.

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