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Opfer der Entwicklung Abschied vom Automann

04.03.2007 ·  Das erste große Landsäugetier, das der Kombination aus Erderwärmung, Emanzipation und demographischer Entwicklung zum Opfer fallen wird, ist nicht der Eisbär, sondern der Automann. Ein Nachruf von Nils Minkmar.

Von Nils Minkmar
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Das erste große Landsäugetier, das der Kombination aus Erderwärmung, Emanzipation und demographischer Entwicklung zum Opfer fallen wird, ist nicht der Eisbär, sondern der Automann. Das ist für manche vielleicht noch eine lustige Vorstellung, denn die Straßen werden ja auch morgen früh noch voller allein fahrender Alleinverdiener in glänzenden, teuren Pkws auf dem Weg in die Industriejobs sein, und zwar viel zu voll.

Aber die Weichen sind gestellt, es wird kein Zurück mehr geben: Sie sind, wie in den Tex-Avery-Cartoons, längst über den Rand des Plateaus hinausgefahren und hängen jetzt in der lichten Höhe über einem tiefen Canyon. Man kann das Einschlagloch mit den Umrissen eines SUVs bereits ahnen. Prozesse, die sich seit Jahren aufstauen, brechen sich nun Bahn, alles geschieht zugleich. Wer hätte noch vor Wochen damit gerechnet, zu erleben, dass der CSU-Generalsekretär fordert, Verbrennungsmotoren zu verbieten?

Militär und Landwirtschaft, das Wichtigste im Leben

Die Situation gleicht der eines Frühlingsmorgens des Jahres 1857: Man hat schon sehr viel von der Industrialisierung, jener sagenhaften Verfleißigung auf der Basis neuer Energiequellen, gehört, die Eisenbahnen fahren - aber wenn man mit einer Art geschichtswissenschaftlichem Google Earth über die deutschen Lande jener Monate hinüberschweben würde, sähe man überall Dörfer und kleine Städte, deren Rhythmus weiterhin vom Tageslicht und den natürlichen Energiequellen geprägt ist.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen ginge ihrer Arbeit auf den Feldern nach, und wer das Glück hatte, als Hufschmied zu arbeiten, freute sich, denn Pferde würde es immer geben. Militär und Landwirtschaft, also das Wichtigste im Leben, waren ohne Pferde undenkbar.

Allianz von Gold und Eisen

Dann ging alles ganz schnell. Das tausendjährige Feudalzeitalter verabschiedete sich in wenigen Jahrzehnten. Es wurde nicht nur die berühmte Allianz von Gold und Eisen, sondern auch von Feuer und Arbeit geschmiedet, der prometheische Bund, der bis gerade eben noch hielt: Männer verdienen in der Nähe hoher Temperaturen oder komplizierter Maschinen das Geld und sorgen auf eine heroische und stumme Art für Wachstum, Frauen kultivieren ihre, eine andere Welt.

Es ist ein Märchen, dass Frauen in vorindustrialisierten Gesellschaften oder selbst in der Industrialisierung nicht gearbeitet hätten. Sie haben, selbst in bürgerlichen Schichten, in der häuslichen Produktion - die etwa die Herstellung von Seife und Gänsedaunenbettdecken umfassen konnte - schwer geschuftet. Aber eben in der Regel nicht auf die heroische Weise, nicht in der Nähe des großen Geldes, der hohen Temperaturen, nicht im Bergbau, in der Stahlerzeugung oder im Militär. Mit Letzterem war, eine jahrhundertealte Selbstverständlichkeit unterbrechend, nach der jeder Mann in sein Regiment gehört, nach 1945 Schluß.

Männerbund zwischen Arbeit und Kapital

Aber das Auto kam auf. Wie zum Trost. Es kommt noch heute ganz selbstverständlich jedem Kommentator über die Lippen: „der Deutschen liebstes Kind“. Man soll sich nicht täuschen, das ändert sich schnell: Auch die Uniform, der deutsche Schäferhund und die Bergmannsziege hatten mal diesen Status inne. Es wird, auch mit dem schnellsten DSL der Welt, immer Individualtransport geben müssen, und bevor es mit dem Beamen so weit ist, wird das auch immer mit Autos zu tun haben: Irgendwas Biomorphes, sauber angetrieben, wird in der Einfahrt stehen, aber es wird nie mehr so sein wie damals, in den Zeiten der frischen Verbundpflastersteine vor der weißverputzten Garage.

Die extreme symbolische Aufladung, die sich ergibt aus der Kombination der Rolle des Mannes als alleinverdienender Familienvater (laut Mikrozensus ist das heute immer noch bei der Hälfte der deutschen Familien mit Kindern unter sechs Jahren der Fall) und einer innigen Beziehung zu seinem Wagen, mit dem er zu seiner Industriearbeit fährt (immer noch fahren 66 Prozent der Deutschen jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit), verliert sich gerade.

Geläufige Marken wie geblendete Riesen

Es passiert an allen Fronten zugleich. Erst mal ändert sich die Arbeitswelt, ein Blick in die Nachrichten dieser Wochen zeigt das Zurückweichen der alten Verhältnisse auf ganzer Front: Nahezu jeden Tag meldet ein Großkonzern Massenentlassungen, selbst gutverdienende Unternehmen, die bislang als Garant einer stabilen männlichen Arbeitnehmerkarriere galten, setzen ihre Leute recht schmucklos frei. Sie betreiben den Nachvollzug der Kapitalmarktstandards und kündigen den rheinischen Männerbund zwischen Arbeit und Kapital.

Siemens, Allianz, Telekom, Daimler-Chrysler - die jedem Kind geläufigen Marken taumeln in diesen Wochen wie geblendete Riesen durch die Landschaft. Das kratzt nicht nur am Markenimage, das verändert auch den Stellenwert der männlichen Arbeit, relativiert ihre symbolische Dominanz. Wirtschaft ist eine Männerwelt: kein Dax-Konzern wird von einer Frau geleitet. Noch vor zwei Jahren sagten 220 Spitzenkräfte der Wirtschaft in einer Umfrage der German Consulting Group, die typischen weiblichen Eigenschaften brächten in ihren Branchen keinen Vorteil.

Autistische Jungs können gut mit Zahlen

Ohne in Gender-Klischees verfallen zu wollen: Aber könnte die dramatische Unfähigkeit von Corporate Germany zur zivilen Kommunikation mit Kunden, Beschäftigten und Aktionären nicht auch etwas damit zu tun haben? Bekanntlich neigen Jungs, zumal solche, die gut mit Zahlen können, in weit höherem Maße zu autistischen Persönlichkeitsstörungen als Mädchen. Und kann man sich einen VW-Skandal um Bordellbesuche auf Spesenrechnung vorstellen, wenn eine Frau dort Arbeitsvorstand gewesen wäre?

Die öffentliche Wahrnehmung wird sich erst verbessern, wenn mehr Frauen in Führungspositionen gelangt sind. Die dazu im Hinblick auf Kinderbetreuung und Flexibilisierung der Erziehungszeiten nötigen Entscheidungen werden jetzt getroffen, und wir erleben gerade, dass selbst der entschiedene Widerstand konservativer Familienpolitiker nicht ausreicht, diese Dynamik aufzuhalten. Immer noch verbringen Männer lächerlich wenig Zeit mit Hausarbeit und Kinderfürsorge, es gibt dafür aber keinen guten Grund mehr.

Rückzugsgefechte des Hedonismus

Zeitlich parallel dazu verläuft die Klimawandeldebatte. Seit über zehn Jahren ist das Phänomen bekannt, aber nun erst, nach dem Oscar für Al Gores großartigen Dokumentarfilm, wird der Druck zur Veränderung unwiderstehlich. Es war der wärmste Januar, der weltweit je gemessen wurde. Unlängst wehte mir, vor einem jordanischen Restaurant, aus Terrakottatöpfen Lavendelduft in die Nase - am 17. Februar, in Ost-Berlin. Undenkbar, dass sich heute oder von jetzt an ein rotgrüner Bundeskanzlerkandidat stolz als „Automann“ vorstellt.

Undenkbar, dass heute noch ein mehrseitiges Interview mit einem Autoboss über Werte geführt werden könnte, ohne dass ihm sehr viele Fragen nach Verbrauchszahlen, fossilen Brennstoffen und alternativen Antriebsquellen gestellt würden. Wer sich heute ein besonders Benzin fressendes Auto anschafft, macht sich einfach nur lächerlich. In der Werbung setzen die harten Jungs aus der Autobranche daher bevorzugt auf weiche Gründe: Freude, die schöne Landschaft, wie hübsch die Autos alle sind, und wie toll es ist, wenn etwas schnell fährt. Es sind Rückzugsgefechte, der Hedonismus ist die letzte Bastion des Automanns.

Kultische Handlungen um das große Auto

Das war mal anders. Das Auto war mal eine ernste Sache für ernste Männer, diese Erfindung des 19. Jahrhunderts galt seltsamerweise als etwas Zukunftsweisendes. Wer in der alten Bundesrepublik, und natürlich auch in der DDR, groß wurde, erinnert sich an die kultischen Handlungen, die um das große Auto vorgenommen wurden: das Waschen und Polieren am Samstag.

Unvergesslich die Szene, als ein Nachbar zur finalen Inspektion seines in mehrstündiger Handarbeit gesäuberten und polierten Wagens schritt und für den allerletzten Einsatz des weichen Poliertuchs vor dem Kühler niederkniete, ernst und völlig versunken in die Pflege seiner großen Investition. Die Maschine machte ihn zu jemandem. Jeder echte Mann, besonders aber jeder unsichere Mann und auf jeden Fall jeder Held hatte ein Auto.

Helden des Sommermärchens fuhren Bus

Heute ist das schon anders: Schon das Bildgenre des Mannes, der neben seinem neuen Auto posiert, ist verschwunden. Die jungen Helden des deutschen Sommermärchens fuhren Bus. Auch von den bekanntesten deutschen Männern, die, von denen man fast alles weiß, kennt man keine Autovorliebe: Gottschalk fliegt oder wird gefahren, Schmidt nimmt es ironisch, Andrack wandert, und Stefan Raab wohnt im Fernsehstudio.

Es gibt natürlich auch trickreiche Automänner. Neulich habe ich einen entdeckt, Typ deutscher Industriemanager alter Schule, Ende fünfzig, durchtrainiert, mit kurzen Stoppelhaaren und Entscheidermiene, Hans-Olaf Henkel hätte neben ihm wie ein Hippie gewirkt. Er hatte es grimmig eilig, zeigte stolz zur Anzeige mit 282 Kilometern pro Stunde und schaute aus dem ICE-Fenster auf die mählich dahinkriechenden Autos in der Ferne. „Mit dem Wagen schaffe ich so ein Tempo nicht. Es hat gar keinen Sinn mehr, lange Strecken mit dem Auto zu fahren.“

Pierre müsste sich heute seinen Kaffee selber brauen

Wie sehr der Automann bereits Vergangenheit ist, zeigt sich im Film. Man braucht dazu gar nicht auf James Bond zu rekurrieren, viel aufschlussreicher ist eine meisterhafte Studie über die fatale Innigkeit eines Mannes zu seinem silberfarbenen Alfa Romeo: Claude Sautets „Les Choses de la Vie“ von 1969. Michel Piccoli als Pierre ist durch die Nacht gefahren, um einen Termin in Rennes wahrzunehmen und vor den Frauen zu flüchten. Am Morgen ist er verunglückt. Nun liegt er im Feld und hat den Film seines Lebens ablaufen sehen. Immer wieder sehen wir die tödliche Umarmung Pierres mit seiner geliebten kleinen Rakete, wie sie sich, ohne Gurt, Nackenstütze und Airbag, ineinander verschlingen.

Die berühmteste Szene des Films zeigt den behaarten Rücken Pierres, neben ihm Romy Schneider, die leise aufsteht und sich an die Schreibmaschine setzt. Später folgt ihr Pierre, stumm, und zündet sich eine Zigarette an. Als sie ihn bemerkt, sagt sie: „Ich tippe die Seite zu Ende, dann mache ich dir einen Kaffee.“ Später, am Abend, gibt es Streit, sie weint, Pierre raucht und schweigt, dann fährt er grimmig los und macht die Sache mit seinem Auto aus. Pierre müsste sich heute seinen Kaffee selber brauen und könnte es sich als selbständiger Architekt nicht mehr leisten, Kunden anzubrüllen. Eine seiner Frauen hätte ihn in Therapie geschickt. Zu seinem Termin in Rennes käme Pierre ganz postheroisch mit dem TGV, Abfahrt 07.05 ab Gare Montparnasse, Ankunft 09.08. Der Mann und seine Sorgen - unversehrt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 4. März 2007
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