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Oper : Wunder geschehen anders, als wir glauben

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Im Fegefeuer der Postmoderne: Mary Mills als Jeanne d'Arc Bild: dpa

Nach der inneren Emigration während der NS-Zeit fiel der Komponist Walter Braunfels dem Vergessen anheim. An der Deutschen Oper erweckt Christoph Schlingensief Braunfels' „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ zu neuem Leben. Als eine groteske Liturgie und Freak-Versammlung.

          Der Satz des amerikanischen Malers Willem de Koning, die Kunstgeschichte beeinflusse nicht ihn, sondern er die Kunstgeschichte, gilt generell für das Widerspiel von Vergangenheit und Gegenwart, gerade in der Musik. Selbst die Darmstädter Schule der fünfziger und sechziger Jahre war keineswegs homogen. Erst recht hat die Postmoderne die Avantgarde-Kriterien vielfältig relativiert. Deshalb ist es nicht nur wohlbegründete Wiedergutmachung, wenn in der NS-Zeit verfemte, vertriebene und ermordete Komponisten wie Schreker, Zemlinsky, Korngold, Ullmann, Schulhoff oder Max Brand wieder aufgeführt werden, denen ihre jüdische Herkunft 1933 zum Verhängnis wurde.

          So ging es auch Walter Braunfels, der als Rektor der Kölner Musikhochschule hoch angesehen war. Er musste zwar Deutschland nicht verlassen, verlor aber alle Ämter, durfte sich nicht mehr öffentlich betätigen, überlebte immerhin in der „inneren Emigration“. Zwischen 1945 und 1954 konnte er zwar an frühere Erfolge anknüpfen, doch das musikalische Klima hatte sich gewandelt: Er galt nun als „Traditionalist“, war kaum mehr als eine geachtete Randfigur, ähnlich wie Berthold Goldschmidt, der nach der englischen Emigration bitter feststellen musste, dass der politischen Ächtung nun die ästhetische Verdrängung folgte.

          Geschichte als flammender Horror

          Braunfels hat, allen Repressalien zum Trotz, nach 1933 weiter komponiert, sogar als Hauptwerk 1938 bis 1942 die „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“. Nach konzertanten Aufführungen in Stockholm und München brachte die Deutsche Oper Berlin nun die szenische Premiere. Das „Jeanne d'Arc“-Sujet entsprach nicht nur Braunfels' Konversion zum Katholizismus, sondern reflektierte auch den NS-Terror: Macht- und Siegesrausch, Verfolgung und Mord sind die Themen, Geschichte als blutig-flammender Horror. An „Johanna“-Dramen, -Opern und -Filmen fehlt es nicht; bedeutendste Adaption bleibt Dreyers epochaler Stummfilm, basierend auf den Prozessakten von 1431. Auf diese griff Braunfels für sein Libretto ebenfalls zurück. Vor allem setzte er einen neuen Akzent, indem er die Rolle des Gilles de Rais entschieden aufwertete, indem er aus dem Kampfgefährten der Heiligen einen Gott- und Sinnsucher machte, der des Heils als Mittel wider die dunklen Mächte in ihm bedarf und erst nach Johannas Ende zum Unheil wird.

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          Die Berliner Uraufführung konfrontierte mit einem textlich wie musikalisch fesselnden Stück, das einmal mehr belegte, wie wichtige Komponisten dem ominösen „Urteil der Geschichte“ zum Opfer fielen: auch eine ästhetische Passionsgeschichte. Braunfels schrieb eine große Oper mit ausladenden Chorpartien und plastisch differenziertem Relief. Mit archaisierendem Pseudo-Mittelalter hält sie sich zurück, wahrt trotzdem einen herben Duktus, dessen Espressivo gerade in der Sparsamkeit beredt ist, etwa in den Halbton-„Johanna“-Seufzern des Schlusses. Auch wenn dieser im „Lohengrin“-A-Dur steht, fehlt ihm doch alles Apotheotische.

          Im Kräftefeld der Heilserwartungen

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