Home
http://www.faz.net/-gqz-74b88
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Open Mike-Jubiläum in Berlin Wo es vage dräut, lässt sich ungestört wurschteln

Volles neues Haus: In Berlin feiert der Vorlesewettbewerb Open Mike sein eigenes Jubiläum mit streitbarem Publikum und umstrittenen Gewinnern.

© gezett Vergrößern Keine Jukebox: Martin Piekar liest seinen Siegertext vor

Jetzt ist er also auch schon zwanzig, Deutschlands wichtigster Nachwuchspreis für deutschsprachige Literatur. Man merkt es daran, dass er gerne den hohen Ton bemüht, wie ein altkluger Germanistikstudent. Und daran, dass ihm dann doch immer wieder das freche Mundwerk in die Quere kommt. Der Open Mike ist auch heute noch ein echtes Straßenkind. „Wie geht’s, wie steht’s, wie hängt’s?“, fragt es aus einer Erzählung der diesjährigen Gewinnerin des Publikumspreises, Joey Juschka.

Sechs renommierte Lektoren hatten sich im Vorfeld als Streetworker betätigt, aus Hunderten anonymisierter Einsendungen bislang unveröffentlichter Autoren die Spreu vom Weizen getrennt, daraus eine Pyramide geformt, schließlich deren kleine Spitze abgetragen und Etliches aus dem ausbaufähigen Mittelfeld hinzugenommen. Einundzwanzig aus Sicht dieser Lektoren vielversprechende Autoren lasen am Wochenende nun erstmals vor neuer Kulisse. Aus dem saturierten Prenzlauer Berg ist man in ein böhmisches Dorf gezogen: Der Rixdorfer Saalbau an der ruppig-bunten Karl-Marx-Straße passte so gut zu diesem jungen Literaturpublikum, dass man nur hoffen kann, die heutige Spielstätte des Volkstheaters Heimathafen Neukölln möge dem Festival noch einige Jahre ein Hafen und eine Heimat sein.

Hermeneutische Scheinriesen

„,Ey, weißte’, fängt Bulldog an, obwohl keiner beantwortet hat, wann Jarro denn nun so kommt. Antworten sind irgendwie nicht wichtig. Fragen sind gut.“ Also fragen wir. „SCHAF e.V.“ heißt jene Erzählung, die das Publikum für besonders preiswürdig gehalten hat. Und was zum Teufel soll das bitte sein? Ein gemeinnütziger Verein zum „Schutz alleinlaufender Frauen“. Im konkreten Fall heißt das für ein paar Kreuzberger Rumhänger auf Minijob-Mission: „Ich seh’ schon die erste Frau zum Beschützen: Direkt vor uns läuft eine Blondine die Treppe runter, so dunkelblond, gewelltes Haar, enges T-Shirt und Stöckelschuhe.

Die ist so ein typisches Opfer: Die guckt ganz verletzlich, und auf so was fahren die ab, die Spinner.“ Juschkas Jargon-Studie, die in ihren besten Momenten an die Stimmimitationen eines Wolf Haas heranreichte, blieb der einzige komische Wettbewerbsbeitrag dieses Jahres und löste erwartbare Ressentiments vor allem bei jenen Literaturprofis aus, die zum Lachen am liebsten in den Keller gehen.

Die drei Hauptpreise gingen dementsprechend an Problemfallerzählungen, die in eine Ästhetik der Unschärfe getaucht waren. Dort, wo es vage dräut, lässt sich ungestört veruneindeuteln. „Heute ist Syntax schon ein Ereignis“, meinte eine enttäuschte Zuschauerin, nachdem der Gewinner des ersten Preises, Juan S. Guse, bekanntgegeben wurde. Doch das war ungerecht, denn seine Erzählung „Pelusa“ hatte durchaus mehr zu bieten als strammen Satzbau und mehr auch als die bei diesem Wettbewerb wieder häufig anzutreffenden hermeneutischen Scheinriesen.

Porzellanhaftes Subjekt

„Pelusa“ spielt irgendwo in den Anden. Ein Namenloser lebt an einem von Stürmen und wilden Hunden heimgesuchten Ort mit einer Frau namens Pelusa, die eines Tages ein Marmeladenglas durchs Fenster wirft, sich ins Auto setzt und nie wiederkommt. Ein toter Hund taucht auf und muss so tief begraben werden, „weil starker Regen sonst die Erde vom Lehm runterspült“. Andererseits „liegt etwas Staub auf den Dingen, den man nur sieht, wenn man schräg draufschaut“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fernsehfilmfestival Das wahnwitzige Duell

Beim Fernsehfilmfestival in Baden-Baden räumt ein Krimi alle Preise ab - und zwar der Tatort mit den meisten Toten. Doch das gab nicht den Ausschlag für den Film Im Schmerz geboren. Mehr

21.11.2014, 22:05 Uhr | Feuilleton
Neues Max-Planck-Institut Die DNA der Geschichte

Die Max-Planck-Gesellschaft hat ein Institut für Geschichte und Naturwissenschaften gegründet. Dort soll es um die Anwendbarkeit biologischer Modelle in der Geschichtswisssenschaft gehen. Eine epochale Herausforderung. Mehr Von Jörg Feuchter

13.11.2014, 21:52 Uhr | Feuilleton
Zum Tod von Mike Nichols Der Mann, der die Reifeprüfung ablegte

Mit Die Reifeprüfung machte sich Mike Nichols unvergesslich. Aber es war nur einer von vielen herausragenden Filme. Jetzt ist der amerikanische Regisseur im Alter von 83 Jahren gestorben. Mehr Von Verena Lueken

20.11.2014, 16:42 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.11.2012, 14:39 Uhr

Wir sind mitten im Monopolkampf

Von Michael Hanfeld

Mit 384 Stimmen gegen 174 ist das Ergebnis eindeutig. Das Europäische Parlament spricht sich für die Verbraucherrechte im Internet und damit gegen die beherrschende Stellung von Google aus: Eine richtige Weichenstellung. Ein Kommentar. Mehr 5 12