http://www.faz.net/-gqz-74b88
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.11.2012, 14:39 Uhr

Open Mike-Jubiläum in Berlin Wo es vage dräut, lässt sich ungestört wurschteln

Volles neues Haus: In Berlin feiert der Vorlesewettbewerb Open Mike sein eigenes Jubiläum mit streitbarem Publikum und umstrittenen Gewinnern.

von Katharina Teutsch
© gezett Keine Jukebox: Martin Piekar liest seinen Siegertext vor

Jetzt ist er also auch schon zwanzig, Deutschlands wichtigster Nachwuchspreis für deutschsprachige Literatur. Man merkt es daran, dass er gerne den hohen Ton bemüht, wie ein altkluger Germanistikstudent. Und daran, dass ihm dann doch immer wieder das freche Mundwerk in die Quere kommt. Der Open Mike ist auch heute noch ein echtes Straßenkind. „Wie geht’s, wie steht’s, wie hängt’s?“, fragt es aus einer Erzählung der diesjährigen Gewinnerin des Publikumspreises, Joey Juschka.

Sechs renommierte Lektoren hatten sich im Vorfeld als Streetworker betätigt, aus Hunderten anonymisierter Einsendungen bislang unveröffentlichter Autoren die Spreu vom Weizen getrennt, daraus eine Pyramide geformt, schließlich deren kleine Spitze abgetragen und Etliches aus dem ausbaufähigen Mittelfeld hinzugenommen. Einundzwanzig aus Sicht dieser Lektoren vielversprechende Autoren lasen am Wochenende nun erstmals vor neuer Kulisse. Aus dem saturierten Prenzlauer Berg ist man in ein böhmisches Dorf gezogen: Der Rixdorfer Saalbau an der ruppig-bunten Karl-Marx-Straße passte so gut zu diesem jungen Literaturpublikum, dass man nur hoffen kann, die heutige Spielstätte des Volkstheaters Heimathafen Neukölln möge dem Festival noch einige Jahre ein Hafen und eine Heimat sein.

Hermeneutische Scheinriesen

„,Ey, weißte’, fängt Bulldog an, obwohl keiner beantwortet hat, wann Jarro denn nun so kommt. Antworten sind irgendwie nicht wichtig. Fragen sind gut.“ Also fragen wir. „SCHAF e.V.“ heißt jene Erzählung, die das Publikum für besonders preiswürdig gehalten hat. Und was zum Teufel soll das bitte sein? Ein gemeinnütziger Verein zum „Schutz alleinlaufender Frauen“. Im konkreten Fall heißt das für ein paar Kreuzberger Rumhänger auf Minijob-Mission: „Ich seh’ schon die erste Frau zum Beschützen: Direkt vor uns läuft eine Blondine die Treppe runter, so dunkelblond, gewelltes Haar, enges T-Shirt und Stöckelschuhe.

Die ist so ein typisches Opfer: Die guckt ganz verletzlich, und auf so was fahren die ab, die Spinner.“ Juschkas Jargon-Studie, die in ihren besten Momenten an die Stimmimitationen eines Wolf Haas heranreichte, blieb der einzige komische Wettbewerbsbeitrag dieses Jahres und löste erwartbare Ressentiments vor allem bei jenen Literaturprofis aus, die zum Lachen am liebsten in den Keller gehen.

Die drei Hauptpreise gingen dementsprechend an Problemfallerzählungen, die in eine Ästhetik der Unschärfe getaucht waren. Dort, wo es vage dräut, lässt sich ungestört veruneindeuteln. „Heute ist Syntax schon ein Ereignis“, meinte eine enttäuschte Zuschauerin, nachdem der Gewinner des ersten Preises, Juan S. Guse, bekanntgegeben wurde. Doch das war ungerecht, denn seine Erzählung „Pelusa“ hatte durchaus mehr zu bieten als strammen Satzbau und mehr auch als die bei diesem Wettbewerb wieder häufig anzutreffenden hermeneutischen Scheinriesen.

Porzellanhaftes Subjekt

„Pelusa“ spielt irgendwo in den Anden. Ein Namenloser lebt an einem von Stürmen und wilden Hunden heimgesuchten Ort mit einer Frau namens Pelusa, die eines Tages ein Marmeladenglas durchs Fenster wirft, sich ins Auto setzt und nie wiederkommt. Ein toter Hund taucht auf und muss so tief begraben werden, „weil starker Regen sonst die Erde vom Lehm runterspült“. Andererseits „liegt etwas Staub auf den Dingen, den man nur sieht, wenn man schräg draufschaut“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Open Access Neues aus der Forschung zum Nulltarif

Wissenschaftler veröffentlichen ihre Ergebnisse für jeden zugänglich im Internet - Open Access nennt sich das Modell. So verlockend es klingt, ein paar Schwierigkeiten gibt es doch. Mehr Von Bettina Wolff

28.08.2016, 06:06 Uhr | Beruf-Chance
Willy-Wonka-Darsteller Gene Wilder ist gestorben

Der amerikanische Schauspieler, Komiker, Regisseur und Autor Gene Wilder ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Bekannt war er vor allem für seine Rolle als Willy Wonka in Charlie und die Schokoladenfabrik aus dem Jahr 1971. In den letzten Jahren litt Wilder unter Alzheimer. Mehr

30.08.2016, 10:49 Uhr | Feuilleton
Jahrhundertspringer Beamon Mister 8 Meter 90 wird 70

Sein Weitsprung ans Ende der Sandgrube verblüfft 1968 die Leichtathletik-Welt. Der Jahrhundert-Weltrekord hält zwar nur 23 Jahre, sichert ihm aber ewigen Ruhm. An diesem Montag wird Bob Beamon 70. Mehr

29.08.2016, 09:42 Uhr | Sport
New York Beyoncé räumt bei den MTV Video Music Awards ab

Bei den MTV Video Music Awards 2016, die im New Yorker Madison Square Garden zelebriert wurden, war Beyoncé die große Gewinnerin des Abends. Die Sängerin bekam insgesamt acht Auszeichnungen - unter anderem für das beste Video. Mehr

29.08.2016, 15:49 Uhr | Feuilleton
US Open Kerber siegt in Rekordzeit

Bei Temperaturen von knapp über 30 Grad konnte Angelique Kerber Kräfte sparen. Ihre überforderte und geschwächte Gegnerin gab ohne einen einzigen Punktgewinn im zweiten Satz auf. Auch zwei weitere Deutsche durften sich freuen – Sabine Lisicki scheidet jedoch aus. Mehr

29.08.2016, 22:13 Uhr | Sport
Glosse

Radikale Schulen

Von Regina Mönch

Die Bonner König-Fahd-Akademie stand schon öfter vor dem Aus. Dass sie geschlossen werden soll, dürfte trotzdem nicht neuem Reformwillen der Saudis zuzuschreiben sein. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“