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Open Mike-Jubiläum in Berlin Wo es vage dräut, lässt sich ungestört wurschteln

 ·  Volles neues Haus: In Berlin feiert der Vorlesewettbewerb Open Mike sein eigenes Jubiläum mit streitbarem Publikum und umstrittenen Gewinnern.

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© gezett Keine Jukebox: Martin Piekar liest seinen Siegertext vor

Jetzt ist er also auch schon zwanzig, Deutschlands wichtigster Nachwuchspreis für deutschsprachige Literatur. Man merkt es daran, dass er gerne den hohen Ton bemüht, wie ein altkluger Germanistikstudent. Und daran, dass ihm dann doch immer wieder das freche Mundwerk in die Quere kommt. Der Open Mike ist auch heute noch ein echtes Straßenkind. „Wie geht’s, wie steht’s, wie hängt’s?“, fragt es aus einer Erzählung der diesjährigen Gewinnerin des Publikumspreises, Joey Juschka.

Sechs renommierte Lektoren hatten sich im Vorfeld als Streetworker betätigt, aus Hunderten anonymisierter Einsendungen bislang unveröffentlichter Autoren die Spreu vom Weizen getrennt, daraus eine Pyramide geformt, schließlich deren kleine Spitze abgetragen und Etliches aus dem ausbaufähigen Mittelfeld hinzugenommen. Einundzwanzig aus Sicht dieser Lektoren vielversprechende Autoren lasen am Wochenende nun erstmals vor neuer Kulisse. Aus dem saturierten Prenzlauer Berg ist man in ein böhmisches Dorf gezogen: Der Rixdorfer Saalbau an der ruppig-bunten Karl-Marx-Straße passte so gut zu diesem jungen Literaturpublikum, dass man nur hoffen kann, die heutige Spielstätte des Volkstheaters Heimathafen Neukölln möge dem Festival noch einige Jahre ein Hafen und eine Heimat sein.

Hermeneutische Scheinriesen

„,Ey, weißte’, fängt Bulldog an, obwohl keiner beantwortet hat, wann Jarro denn nun so kommt. Antworten sind irgendwie nicht wichtig. Fragen sind gut.“ Also fragen wir. „SCHAF e.V.“ heißt jene Erzählung, die das Publikum für besonders preiswürdig gehalten hat. Und was zum Teufel soll das bitte sein? Ein gemeinnütziger Verein zum „Schutz alleinlaufender Frauen“. Im konkreten Fall heißt das für ein paar Kreuzberger Rumhänger auf Minijob-Mission: „Ich seh’ schon die erste Frau zum Beschützen: Direkt vor uns läuft eine Blondine die Treppe runter, so dunkelblond, gewelltes Haar, enges T-Shirt und Stöckelschuhe.

Die ist so ein typisches Opfer: Die guckt ganz verletzlich, und auf so was fahren die ab, die Spinner.“ Juschkas Jargon-Studie, die in ihren besten Momenten an die Stimmimitationen eines Wolf Haas heranreichte, blieb der einzige komische Wettbewerbsbeitrag dieses Jahres und löste erwartbare Ressentiments vor allem bei jenen Literaturprofis aus, die zum Lachen am liebsten in den Keller gehen.

Die drei Hauptpreise gingen dementsprechend an Problemfallerzählungen, die in eine Ästhetik der Unschärfe getaucht waren. Dort, wo es vage dräut, lässt sich ungestört veruneindeuteln. „Heute ist Syntax schon ein Ereignis“, meinte eine enttäuschte Zuschauerin, nachdem der Gewinner des ersten Preises, Juan S. Guse, bekanntgegeben wurde. Doch das war ungerecht, denn seine Erzählung „Pelusa“ hatte durchaus mehr zu bieten als strammen Satzbau und mehr auch als die bei diesem Wettbewerb wieder häufig anzutreffenden hermeneutischen Scheinriesen.

Porzellanhaftes Subjekt

„Pelusa“ spielt irgendwo in den Anden. Ein Namenloser lebt an einem von Stürmen und wilden Hunden heimgesuchten Ort mit einer Frau namens Pelusa, die eines Tages ein Marmeladenglas durchs Fenster wirft, sich ins Auto setzt und nie wiederkommt. Ein toter Hund taucht auf und muss so tief begraben werden, „weil starker Regen sonst die Erde vom Lehm runterspült“. Andererseits „liegt etwas Staub auf den Dingen, den man nur sieht, wenn man schräg draufschaut“.

Und wenn man das tut, verrutscht einem bald die Perspektive. Lebt Pelusa überhaupt noch? Und wieso wird die Aufmerksamkeit plötzlich auf eine brummende Tiefkühltruhe gelenkt? Und auch das ist wieder Unsinn, denn alles deutet ja daraufhin, dass in diesem Haus ein Kind gestorben ist und seine Eltern unter Schock stehen. Es ist schon vielversprechend, wie der 1989 in Seligenstadt geborenen Juan S. Guse hier Spannung um einen Wahnsinn aufbaut und dabei nicht wichtigtuerisch wirkt.

Auch der zweite Prosapreis ging an eine junge Autorin, deren Ich-Erzählerin sich schattenhaft durchs Leben bewegt, wochenweise die Wohnungen fremder Menschen mietet, Fotos von sich in den Kulissen fremder Leben anfertigt und folglich auch mit fremden Männern schläft. Vielleicht lugte aus Sandra Gugic’ Erzählung ein wenig zu porzellanhaft das im Vorfeld des Wettbewerbs von dem Literaturwissenschaftler Heinz Drügh verworfene „angefressene“ Subjekt hervor.

Romantische Fieberphantasien

Andererseits geht das schon in Ordnung, wenn andere auf der gleichen Teststrecke von lauen Balkonabenden berichten, von einem ins Windrad geratenen Adler oder auch von Jauchekutscher Edgar, der sich von „zwei kirschroten Mündern“ aus dem Konzept bringen lässt, kurz Triebtäterpotential entwickelt, dann aber in Nina Lörkens Erzählung doch nur Ornithologenerotik betreibt: „Oh, es gibt zum Beispiel Brandgänse, Austernfischer, Sandregenpfeifer, Rotschenkel, Zwergseeschwalben . . .“ Das mag das vogelkundlich beschlagene Jurymitglied Marcel Beyer zwar gefreut haben, konnte ihn und seine Mitjuroren Silke Scheuermann und Thomas von Steinaecker aber nicht überzeugen.

Der Lyrikpreis ging in diesem Jahr an den Bad Sodener Martin Piekar, der schon allein aufgrund seiner Queer-Gothic-Aufmachung eine erfreuliche Erscheinung auf der vorwiegend von braven Akademikern besetzten Lesebühne war. Sein jedem Zuschauer sofort einleuchtender Bastard-Zyklus (“Ich sähe nicht, dass ein Elefant / auch ein Schwan sein kann“) entsprach dem Literaturbegriff des Augenblicks: Romantische Fieberphantasien stehen nach einem jahrelangen Höhenflug des alltagsrealistischen Erzählens wieder hoch im Kurs.

Erfreulicherweise räumte Thomas von Steinaecker mit der oft quengelnden Behauptung auf, phantastische Literatur habe es in Deutschland schwer: Ranghohe Auszeichnungen für Autoren wie Georg Klein, Felicitas Hoppe oder Clemens J. Setz sowie die Gewinner der zwanzigsten Open Mike legen anderes nahe.

Nach der Preisverleihung wurde noch lange im Foyer diskutiert. Von „Einstimmige Fehlentscheidung!“, über „Kompetent!“ bis hin zu „Okay, aber nicht bombastisch!“, war alles zu hören. Vermutlich trifft die letzte Bemerkung ins Schwarze, Das wahrhaft Bombastische in diesem Jahr waren nämlich nicht die vorgestellten Texte, sondern der enorme Andrang junger Literaturlaien und alter Branchenprofis. Vierhundert Plätze an zwei Tagen voll besetzt: Das muss ein Fiebertraum sein.

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