„Open Access“ - die Idee hat den bezwingenden Charme, den Offenheit und Öffentlichkeit schon immer hatten, erst recht, wenn sie von Organisationen stammt, die schon Unmögliches wie den Bologna-Prozess, die Exzellenz-Initiative, die Evaluationsexzesse und den Interdisziplinaritätsfuror zuwege gebracht haben: Sie wollen ein demokratisches Zeichen setzen und definitiv verhindern, dass öffentlich finanzierte Wissenschaft zu privaten Verlagsprofiten führt. Was immer mit Steuergeldern unterstützt wird, soll im Ergebnis für jeden Steuerzahler kostenlos im Netz zu lesen sein.
Die Idee ist berückend, nicht nur für jene, die schon immer der Meinung waren, dass die Wissenschaft der wichtigste Bundesgenosse auf dem Weg in den Sozialismus ist. Jedem Interessierten den sofortigen Zugang zu allen Entdeckungen zu eröffnen, die Fortschritte der großen Sammlungen, der Wörterbücher, der Klassikerausgaben ohne Zeitverlust für den Monitor freizugeben ist wie die Erfüllung eines Traums, den die auf Öffentlichkeit angewiesene Wissenschaft eigentlich schon immer geträumt haben müsste. Sieht man die fast einhellige Zustimmung, die das Manifest zum Open Access in den Wissenschaftsorganisationen findet, möchte man meinen, hier habe endlich einmal der gute Wille über die schlechte Praxis gesiegt.
Tatsächlich gibt es nicht den geringsten Einwand gegen die Idee eines offenen Zugangs zu allen wissenschaftlichen Informationen. Doch man darf die Öffnung nicht derart betreiben, dass die Wissenschaft - und die Öffentlichkeit selber - dabei Schaden nimmt. Das aber ist zu befürchten, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Die erste Gefahr droht der Produktivität der Wissenschaft, die trotz des Exzellenz-Imperativs zu interdisziplinärer Projektarbeit wesentlich eine Leistung kreativer Individuen ist. Aber was sollte es ihnen anhaben, wenn ihnen das so gut gemeinte Programm des Open Access alle Türen öffnet, so dass sie jederzeit auch selbst in die Öffentlichkeit gehen können? Kann es denn sein, dass man nicht profitiert, wenn einem die Datenwelt der Wissenschaft jederzeit offensteht?
Publizieren um jeden Preis
Ginge es nur um das Angebot, wäre am Open Access nichts auszusetzen. Dann könnte sich jeder nach seinen Bedürfnissen darauf einstellen und nach seiner eigenen Entscheidung damit verfahren. Doch für den Forscher, der nicht bloß sucht, sondern auch findet, bedeutet der Open Access weniger eine Offerte als eine unverzüglich zu vollstreckende Norm. Sobald ein Ergebnis vorliegt, muss es heraus, wenn es zu keinem Vergehen an der Gemeinnützigkeit der Wissenschaft kommen soll. Durch das Gebot des offenen Zugangs wird der moderne Fluch des publish or perish, unter dem der wissenschaftliche Nachwuchs heranwächst, auf alle ausgeweitet.
Das mag man für ausgleichende Gerechtigkeit und für nicht erwähnenswert halten, weil ja inzwischen alle unter dem unbedingten Publikationsdiktat angetreten sind. Gleichwohl darf man sich nicht einbilden, mit dem Imperativ des Open Access der Wissenschaft etwas Gutes zu tun. Sie leidet schon lange genug unter der Verwechslung von Quantität mit Qualität, mit der das Rating an die Stelle der Urteilskraft tritt und die im Übrigen ein sicheres Indiz dafür ist, dass die Wissenschaft sich nicht mehr nach ihren eigenen Kriterien bewertet.
Die Bedeutung des Stils
Zu den seit Platon bestehenden Einsichten in die Logik der Forschung gehört, dass Form und Gehalt einer wissenschaftlichen Theorie sich nicht gleichgültig gegenüberstehen. Dennoch wird es immer noch als Neuigkeit betrachtet, dass eine Erkenntnis auch durch den Stil ihres Vortrags überzeugen kann. Folglich wird so getan, als komme es nur auf verwertbare Forschungsergebnisse an. Die Verwertung aber erschöpft sich oft darin, dass unter Hinweis auf Kongressunterlagen der Eindruck besteht, über etwas Gedrucktes sei tatsächlich gesprochen worden.
Da ist es dann ganz gleich, ob das auf der Grundlage von Büchern, Aufsätzen, Papers oder Abstracts geschieht. Hauptsache ist, dass sie in Umlauf kommen, und das scheint gesichert zu sein, wenn sie „im Netz“ zu finden sind. In welcher Form das geschieht, kümmert niemanden mehr. Jeder ist sein eigener Lektor, der dem Autor großzügig jede Eitelkeit durchgehen lässt. Mit der Verständlichkeit der Ausführungen hat er jedenfalls keine Probleme, schließlich hat er den Text ja selber verfasst. Von der Illusion umfangen, die Ablagerung im Netz sei schon die Aufnahme durch die wissenschaftliche Welt, verwechselt er die Produktion des Textes mit dessen Rezeption.
Vielfalt der Erkenntniswege
Der Gleichgültigkeit gegenüber der Form der Texte entspricht die Unempfindlichkeit gegenüber der intrikaten Beziehung zwischen Problem und Methode. Man kann nicht alles auf die gleiche Weise behandeln - auch innerhalb der einzelnen Disziplinen nicht. Es ist ein Unterschied, ob man sich über eine in den Labors oder in den Seminaren schon seit langem diskutierte Frage verständigt oder ein völlig neues Phänomen zu fassen sucht. Es ist etwas anderes, ob man sich auf einem von vielen bereits beschrittenen Weg einer erwarteten Antwort nähert oder ob man gegen den Mainstream nach einer von vielen für unwahrscheinlich gehaltenen Lösung sucht. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man das Problem in seiner stets gegebenen genetischen, genealogischen oder historischen Dimension oder rein systematisch begreift.
Hinzu kommen die Vielfalt individueller Arbeitsweisen sowie die in einer kulturell von einigen Gegensätzen bestimmten Welt offenkundige Differenz der Zugänge. Wer sie übersieht, missachtet das aus zahllosen Faktoren zusammengesetzte geschichtliche Fundament der Wissenschaften, die dennoch gar nicht anders als global betrieben werden können.
Terror der Erfolgsberichterstattung
Die angebliche Kluft zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften, von der zu reden inzwischen das sicherste Indiz der mangelnden Bereitschaft ist, sich auf die tragenden Gemeinsamkeiten einzulassen, erklärt übrigens nichts. Denn in allen Wissenschaften wird Zeit für das Nachdenken benötigt: Überall hängt die Innovation an der Fähigkeit, die für verbindlich gehaltenen Grenzen zu überschreiten. Dann sind selbst die fraglos geltenden Prämissen in Zweifel zu ziehen, der disziplinäre Konsens ist aufzukündigen, und man kann nur hoffen, dass es wenigstens einen produktiven Querkopf gibt, der sich nicht an die Üblichkeiten hält. Dann aber darf man keine Form der Kommunikation, auch nicht die der interdisziplinären oder internationalen Projektarbeit, für verbindlich erklären.
Unter diesen Bedingungen einer auf Erkenntnis (und nicht auf Anpassung) gerichteten Wissenschaft muss der bürokratische Imperativ des Open Access zum Terror der Erfolgsberichterstattung führen. Der produktive Geist benötigt seine eigene Zeit und seine eigene Form, wenn er sich zeigen können soll. Wenn er das Genie besitzt, auf neue Einsichten zu kommen, muss man ihm auch die Freiheit lassen, über ihre Publikation zu bestimmen.
Sinkstufen einer Schriftkultur
Eine weitere Gefahr steht unmittelbar bevor. Sie führt über die Entliterarisierung des wissenschaftlichen Lebens in den absehbaren Ruin unserer Schriftkultur. Dabei ist die Kaskade des Verfalls bereits klar vorgezeichnet: Die erste Stufe der Absenkung besteht darin, dass die Wissenschaftler erklären, ihre Texte selbst ins Netz stellen zu wollen. Zwar räumen sie den Verlagen die Möglichkeit zur Publikation der Ergebnisse ein, sind aber nicht bereit, ihnen auch Rechte zuzugestehen. Wie kämen sie auch dazu, wenn doch offensichtlich ist, dass die Verlage nur ihre Profite machen wollen? Unter Berufung auf den Konsens, der den Open Access so selbstverständlich macht, kann ein Wissenschaftler es doch nicht zulassen, dass sich ein Verlag an der Vermarktung von Ergebnissen bereichert, die unter Einsatz öffentlicher Mittel erzielt wurden.
Die zweite Sinkstufe besteht darin, dass die Verlage keine Möglichkeit mehr sehen, Texte herauszubringen, die ihnen noch nicht einmal mehr die Bibliotheken abkaufen, weil ja ohnehin alles kostenlos im Netz zu haben ist. Das wird zunächst die großen Editionen betreffen, zum Beispiel die Akademie-Ausgaben der Werke von Leibniz, Kant oder Nietzsche, von Mozart, Brahms oder Schönberg. Dann aber wird der Verfall auch auf Bücher und Zeitschriften übergreifen, weil die kurzfristigen Schutzrechte von ein oder zwei Jahren keinen zureichenden Absatz mehr garantieren. Selbst die Netzausgaben, die auf bedeutenden Bucheditionen beruhen, wird es dann nur noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert geben. Was danach folgt, beruht auf der dilettantischen Textbearbeitung durch die Editoren.
Omnikompetenzpflichtige Wissenschaftler
Damit ist bereits die dritte Stufe des Niedergangs erreicht. Sie zeigt sich an der Form der Texte, die im Netz zur Verfügung stehen. Sie kommen ohne kundige Bearbeitung durch professionelle Lektoren und Produzenten auf den Schirm. Ich kenne und schätze viele Editoren der großen Ausgaben. Es sind exzellente Fachleute auf ihrem Gebiet. Sie deshalb aber auch für qualifizierte Lektoren, Layouter und Produzenten zu halten, die dem Text eine sinnfällige Gestalt, eine brauchbare Oberfläche und eine solide Tiefenstruktur geben, wäre wirklich zu viel verlangt. Die zuständigen Forscher werden kaum mehr als Arbeitsgrundlagen zur Verfügung stellen. Von Büchern, die man wenigstens mit Hilfe eines e-books lesen möchte, kann keine Rede mehr sein. Die Pflege der Websites ist damit noch gar nicht berührt.
Die vierte Schwundstufe ist damit erreicht, dass die Wissenschaftler, nachdem sie die Verlage aus dem Produktionskreislauf der Edition eliminiert haben, sich im Interesse der eigenen Verwertbarkeit ihrer Produkte schließlich selbst entschließen müssen, das zu tun, wozu bislang der Sachverstand in den Verlagen zur Verfügung stand. Wenn es ihnen überhaupt gelingt, diese Kompetenz zu erwerben, wird das mit weitaus höheren Kosten einhergehen, die nun jedoch aus öffentlichen Haushalten stammen müssen. Vielleicht erkennt man dann, dass es so dumm gar nicht war, wie sich die Verlage ihre Mittel über den Markt zu verschaffen vermochten. Gerechter war diese Finanzierung durch den Nutzer allemal. Doch das ist dann bereits Vergangenheit, die sich nicht zurückholen lässt, weil die Etats der Wissenschaft mit Sicherheit nicht ausreichen, um alles das zu finanzieren, was derzeit noch die Verlage bieten.
Das kulturelle Gedächtnis im Stromnetz
Die fünfte und letzte Stufe könnte im Verlust des kulturellen Erbes überhaupt bestehen. Wer die Sorgen von Archivaren kennt, der hat eine Ahnung vom Ausmaß der Befürchtung, die Digitalisate könnten schon in Kürze nicht mehr lesbar sein. Alles hängt dann an der fristgerechten Retro-Digitalisierung. Wird sie verpasst, wird man wieder auf die Akten und Urkunden zurückgreifen müssen - sofern man sie noch hat. Dieser Sorge wird man enthoben sein, wenn der Open Access zur ersten Pflicht gemacht worden ist. Dann gibt es die Bücher gar nicht erst, die man bei einem Verlust der Daten heranziehen könnte. Dann ist die kulturelle Überlieferung weniger durch einen Bibliotheksbrand oder durch den Einsturz eines Stadtarchivs gefährdet. Es genügt ein elektronischer Systemwechsel, vielleicht sogar ein Stromausfall. Dann waren wir im Netz und kehren mit nichts daraus zurück.
Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen die elektronischen Medien. Aber wenn wir ihnen das Monopol zugestehen, kann eine technische oder politische Verwerfung Schäden nach sich ziehen, gegen die der Zusammenbruch des Finanzsystems - wie sagt man dort? - peanuts sind.
Open Access ist im Gegenteil die richtige Antwort
Manuel Hafner (Kaliastro)
- 11.06.2009, 20:04 Uhr
Ohne Strom nichts los, klar, na und?
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 12.06.2009, 09:16 Uhr