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Online-Museum : Am Strand gibt's mehr als nur Sand

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Wo selbst die Fische Urlaub machen: Ligurien-Werbung von Mario Puppo, 1950 Bild: www.balnea.net

Endlich im Internet: Ein italienisches Bademuseum zeigt die schönsten Bikinifotos der Loren, Nixen im Reifkleid, abtauchende Damen ohne Badekappe und was sonst noch auf und unter den Seebrücken flaniert.

          Ein Volk, welches das Glück hat, mit sonnigem Wetter und drei Monaten sommerlicher Schulferien in einem Land endloser Küsten zu leben, wird vom Schicksal förmlich an den Strand getrieben. So könnte es wenigstens scheinen angesichts der italienischen, von nordischen Nachbarvölkern noch unterstützten Massenwanderung Richtung Meer. Spätestens seit Juli aalen sich, allen Warnrufen von Hautärzten zum Trotz, Millionen an den Stränden, von den Karstfelsen von Triest bis zu den lauschigen Buchten der Riviera, von den flachen Sandbänken der Adria bis zu den Vulkansteinen der Liparischen Inseln, von den azurnen Luxusresorts an Sardiniens Costa Smeralda bis zu den Wohnanlagen von Lampedusa, die sich die Urlauber heuer mit anlandenden Bootsflüchtlingen teilen müssen, die es aus ganz anderen Gründen ins Meer gezogen hat.

          Im Südosten Siziliens hat sich sogar die katholische Kirche ihren in die Meeresbrise entwichenen Schäfchen hinterhergemacht. Schwestern des "Heiligen Herzens Jesu" haben einen Monat lang in züchtiger Badebekleidung an den Stränden ihrer Provinz ein geistliches Zelt aufgeschlagen, in dem sie rund um die Uhr - mit Mini-Altar und geistlicher Musik - mit der Bikini- und Strandvolleyballjugend ins Gespräch über Gott zu kommen versuchten. Der Exodus nicht durchs, sondern ans Meer beschäftigt nicht nur Soziologen und Tourismusforscher, sondern längst auch Museumsleute. Schließlich hat das Strandleben eine gar nicht so lange Geschichte, wie vor Jahren für nordische Breiten der französische Annales-Historiker Alain Corbin in einem reichen Band darlegen konnte, ein Werk, das man am besten in einem Strandkorb liest.

          Art-noveau-Grazien, Strandarchitektur, Picasso

          Weil aber an der See die Hitze alle unnütze Bewegung vereitelt und die Leute kaum Lust zu einem Museumsgang bekommen, hat man in Rimini eine Sammlung zur Geschichte des Meerestourismus schlauerweise gleich ins Internet gestellt. Die 120 virtuellen Säle mit über dreitausend Bilddokumenten, die Texte der Bibliothek sowie die Sonderschauen zu Picasso oder dem amerikanischen Strandmaler Predergast kann also einsehen, wer fern vom Meeressaum von Salzluft und Badetuch träumt, und danach eventuell - wie der deutsche Bundeskanzler - einen sommerlichen Trip an die Adria von Rimini in den Kalender schieben.

          Auch vor hundert Jahren gab's am Strand schon was zu sehen: England 1903
          Auch vor hundert Jahren gab's am Strand schon was zu sehen: England 1903 : Bild: www.balnea.net

          Bei "www.balnea.net" - der Sammlung des Studienzentrums Mantegazza, erst dieser Tage von der Stadt Rimini überarbeitet ins Netz gestellt - ist vor allem die Sammlung historischer Werbeplakate für den Strandurlaub eindrucksvoll: Art-nouveau-Grazien, die sich direkt im kaum minder schlanken Schatten des Campanile von Venedig räkeln, aber auch züchtig verhüllte Damen im Reifkleid, die sich am flämischen Strand von Blankenberghe in Pleinairmalerei versuchen. Außer der Werbung lockte, einsehbar in einer weiteren Galerie, eine spezielle Strandarchitektur von Seebrücken, Kursälen, Grandhotels und Strandbars die Leute ans Meer, Zeugen einer Mondänität, die man zwischen Bettenburgen und Sardinenstränden heute im demokratischen Strandeuropa kaum mehr findet. Dabei mußte das Publikum vor der ungewohnten Reisemühe erst einmal überzeugt werden, bevor sich dieses Kollektivverhalten dann von der Sucht einiger Privilegierter zum Massentrieb auswachsen konnte. Recht eigentlich beginnt die bürgerliche Badesaison, die im achtzehnten Jahrhundert an der britannischen Nordsee als rüde Gesundheitskur Unerschrockener ihren Anfang genommen hatte, vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Erst der Wohlstand nach 1945 ermöglichte dann auch Mittel- und Unterschichten ein massenhaftes Durchlüften in der Brise und ein kühles Bad im Jahresurlaub.

          Badegondel mit Bodenklappe

          Die dazugehörigen Strandschlager, die den Menschen nach ihrer Rückkehr ins Berufsleben die Sehnsucht nach dem Urlaub versüßten, kann man gleichfalls im Netz abhören. Allerdings sind Ohrwürmer wie Pat Boones "Love letters on the sand" oder Gino Paolis "Sapore di sale" nur in einer urheberrechtlich unbedenklichen Orgelversion zu hören. Auch die Technik mußte sich den Erfordernissen erst einmal in abgelegenen Gegenden anpassen, in denen die Einheimischen den Sand jahrhundertelang einzig betraten, um Schiffbrüchige zu plündern. Daß man im gefährlichen Meer baden, in der lebensfeindlichen Sonne ruhen kann, mußte erst gelernt werden. So führt das virtuelle Museum eine raffinierte Badegondel vor, durch deren Bodenklappe Damen des Fin de siècle züchtig in die Lagune abtauchen konnten; so beschrieben in Camillo Boitos Liebesroman "Senso", dessen passende Passage sich direkt anklicken läßt.

          Erst in jüngeren Jahren bildete der Strandurlaub eine ganz umfassende Kultur heraus - von den Schnellpizzerien über die Kinderspielparks, vom Sonnenschirmverleih über die arabischen Verkäufer von Strandmode und Mineralwasser. Besonders attraktiv ist hier die Abteilung über die Bademoden, "bathing beauties", die weniger durch patriotische Einteiler mit Mussolini-Porträt als mit den schönsten Bikinifotos von Sophia Loren und vor allem Ursula Andress einen Blickfang darstellt, wohingegen Brigitte Nielsens unpraktischer Ketten-Bikini wohl eher ins Reich der mythischen Badenixen weist.

          Rätsel der Menschheit bleibt ungelöst

          Das Rätsel, warum Menschen überhaupt unter so großen Kosten und Mühen immer wieder ins Getümmel am Strand und an zunehmend verschmutzte Meere aufbrechen, um dort die kostbarsten Wochen des Jahres herumzubringen, kann auch das Strandmuseum im Internet nicht klären.

          Ob die Menschen, insonderheit die Italiener, beim Spielen im Sand ihre Kindheit bis ins Pensionsalter verlängern? Ob Disco-Remmidemmi und Dauerkirmes das nötige Grundrauschen für abgestumpfte Großstadtmenschen bereitstellen? Ob im kaum mehr etwas verhüllenden Strandkostüm gar die animalischen Rituale für erfolgreiche Partnersuche erlernt werden? Oder ob es sich schlicht um einen Potlatsch, ein kollektives Verschwendungs- und wechselseitiges Neidritual handelt, in dem diese Gesellschaft ihre Überschüsse an Zeit und Geld dort verheizt, wo es am wenigsten stört?

          Der italienische und englische Museumsbetrieb ist unter www.balnea.net rund um die Uhr geöffnet.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2004, Nr. 197 / Seite 37

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