Das Stück heißt hier so falsch, wie es anderswo auch immer falsch heißt. Man sieht Tschechows „Onkel Wanja“ ja oft als „Schwägerin Elena“ oder als „Doktor Astrow“, sehr selten auch als „Tochter Sonja“. Je nachdem, wer als Hauptperson herausgestellt wird. Onkel Wanja freilich ist es nie.
So auch nicht im Wiener Akademietheater, wo Nikolaus Ofczarek den Wanja als einen in die Torschlusspanikjahre, ins Feiste und ins Lebens- und Liebesverzweifelte geratenen Rosé-Steppen-Dandy spielt, dem die öde Last der Gutsverwalterjahre die Lust am Einstecktuch genommen haben. Und hätte er überm schütteren Bart sich nicht die Sonnenbrille vorbehalten, er hätte nichts Apart’s für sich. Die Hauptrolle spielt er nicht.
Von Anfang an fällt alles Licht auf Gert Voss
Das Stück heißt hier „Professor Alexander“. Auf ihn fällt alles Licht der Mise en scène. Gert Voss spielt ihn. Ihm gehört gleich der erste Auftritt, obwohl er erst im zweiten Akt die Bühne betreten dürfte. Und die Szene, mit der er den Abend knalleffektiv beginnt, käme eigentlich erst im dritten dran. Ein Schuss fällt, großer Lärm, noch ein Schuss. Stimmengewirr. Der Professor, eine große, elegante, königliche Gestalt im schwarzen Anzug zu schwarzem Seidenhemd und Silbermähne, stürzt, den Silberknaufstock mehr wie eine Fuchtel- statt wie eine Gehhilfe benutzend, zur Rampe. Wanja taucht hinter einer wie laubgesägten löchrigen bühnenhohen Wand aus Holzrahmen auf, hinter der zehn Kronleuchter dekorativ baumeln, und ballert auf den Professor. „Daneben!“ - zwar. Aber die Szene sagt und zeigt gleich: Auf den geschossen wird, um den geht’s! Obwohl keiner zu diesem Zeitpunkt verstehen kann, warum.
Die Kenner wissen: Der Professor, dessen erste, verstorbene Frau die Schwester Wanjas war, und der jetzt mit seiner zweiten, schönen, jungen Frau, die hier allen, vor allem aber Wanja und dem Doktor Astrow die Köpfe verdreht, den Sommer auf dem Gut verbringt, das seiner ersten Frau gehörte, will das Anwesen verscherbeln. Wanja, der sich fürs Gut und dessen Erträge, die alle dem Professor zugute kamen, aufgeopfert hat, dreht durch und schießt auf den Professor. Den er für sein verpfuschtes, vertanes, nutz- und liebloses Wanja-Leben verantwortlich macht. All diese Schmerzen inklusive vergeblicher, lächerlicher Liebesnäherungsversuche an die junge Frau des alten Professors hat er bis zum dritten Akt leidlich vorgebracht. So dass der Schuss dann kein Rätsel ist.
Jetzt aber, gleich zu Beginn, ist er schon ein Rätsel. Für die Nicht-Kenner. Sie aber werden von der Regie erlöst. Sie lässt die eine Laubsägelöcherwand samt den Kronleuchtern hochfahren, dann noch eine. Dann ist die Bühne bis zur Brandmauer leer, und an einem großen Tisch scheint ein dicker, rosiger Herr mit dem Rücken zum Publikum eingeschlafen. Vielleicht hat er die Szene nur vorausalbgeträumt oder sie sich vorausalbgewünscht. Könnten die Nicht-Kenner sich denken. Das aber wäre wenig mehr als ein ziemlich halbgarer Regie-Hilfseinfall.
Auf jeden Fall ist der Professor ins Zentrum geschossen. Der Regisseur und Burgtheaterchef Matthias Hartmann lässt dem größten Schauspieler seines Hauses den Vortritt vor aller Logik und ihn auf dem Thron des leicht Irrealen Platz nehmen. Selbst dann, wenn er nicht auf der Bühne ist, scheint Voss herrisch an Fäden zu ziehen, an denen die anderen reaktiv zappeln. Der Großtyrann und das Gezücht.
Lauter verzweifelte Episodenmenschen
Der „Wanja“, Anton Tschechows kürzestes, kleinstes, trockenstes, witzigstes Drama, in dem nichts wie in seinen anderen Stücken zwischen den Zeilen ungesagt bleibt, alles in den Zeilen offen ausgesprochen wird, handelt von der großen Banalität des kleinen falschen Lebens, dem alle resigniert erliegen. Die junge, schöne Frau Elena, die lieber einen jungen Mann hätte, aber einen alten geheiratet hat. Der junge Mann Wanja, der alt wird („Mein Gott, ich bin fünfundvierzig!“), ohne zu wissen, wozu. Der Doktor Astrow, der niemanden heilt. Das junge hässliche Mädchen Sonja, die Tochter der ersten Frau des Professors, die den Doktor liebt, der aber die schöne Elena liebt, die niemanden liebt.
Lauter verzweifelte Schlapplinge. Episodenmenschen. Leute, die eine unendliche Sehnsucht im Kopf haben, aber mit dem endlichen lächerlichen Tort, den das Leben ihnen antut, zusammenstoßen - was einen komischen Knall ergibt.
Dass Hartmann sie im Bühnenbild von Stéphane Laimé auf einem lindgrünen Bürstenboden herumwaten lässt, als versänken sie gleich in Untergründigem, Traumhaftem, und über ihren Köpfen hie und da übergründige Laubsägekulissen schweben lässt, geht auf den Regie-Rechnungsposten „Gratis-Bedeutungstuerei“. Wesentlich aber bleibt: Dass der Regisseur sie als Kollisionskomiker begreift. Die an überspannten Nervensaiten herumzupfen. An denen sie der Professor zappeln lässt. Man lacht viel und herzlich bei diesem „Wanja“.
Ein Hypochondrissimus als Weltenherrscher
Der Professor kann nicht schlafen, hat Gicht oder Rheuma oder beides, hat Schmerzen und eine Wut, dass er alt ist und seine Frau noch so jung. Gert Voss thront in seinem Sessel wie Thomas Bernhards Weltverbesserer und Molières eingebildeter Kranker in einem. Er zelebriert die Einsamkeit eines König Lear, das hochfahrende Selbstmitleid eines König Richard II. und den arroganten Schmerzens- und Leidensselbstgenuss aller Boulevard-Märtyrer. Ein Hypochondrissimus im Brillantschliff. So stützt und stürzt er sich auf seine junge Frau, die unter dem Gichtfall-Künstler zusammenbricht.
So tyrannisiert er, ganz Diktator und Weltenherrscher, die Welt seiner Angehörigen, die ihm zu Füßen kriechen. Voss aber karikiert nicht. Er triumphiert: in der Größe des Abgrunds unter jeder seiner Professoren-Lächerlichkeiten. Die Menschenmöglichkeitsform im Unmöglichen. Die große Solo-Partita in Voss-Moll. Ein grandioses Virtuosenstück.
Die anderen liefern die Ober- und Unterstimmen dazu. Aber so wie Caroline Peters als Elena kaltschnäuzig und nur mit einem Kehlkopfgurren sich wieder in die durch- und auseinander geratenen erotischen Gänge einer jungen frustrierten Frau bringt, die über ihre Frustrationen herb ironisch hinwegsegelt und im Abend- wie im Hauskleid das leicht Schnoddrige ihrer Bella figura ordinär girrend auskostet, das sie dem Doktor einmal aus nächster Ferne schmusend distanziert anbietet, hat das auch etwas von einer Solo-Schwank-Sonate einer Schwankenden.
Eine Entdeckung: Sarah Viktoria Frick
Dass die kleine, verzweifelt in den Doktor verliebte Sonja, in Gestalt von Sarah Viktoria Frick, ein wuscheliges, stampfbeiniges Pummelchen, die eleganten Pumps der Elena anprobiert, die ihr viel zu groß sind, die Schuhe dann eifersüchtig unter einer Wolldecke verbirgt, von wo sie dann Wanja hervorholt und eine Verzweiflungsliebesrede an die beiden Fetisch-Objekte hält, zeigt, mit welch kleinen, schönen, intelligenten Nebenbei-Regiezeichen man hier die hellsten Obertöne erreicht.
Überhaupt lässt Sarah Viktoria Frick in ihrem mädchenhaften, scheu patenten Sich-ins-Liebeszeug-Werfen, das schon auch mal eine herzhafte, aber nutzlose Umarmung mit dem Doktor zeitigt, das Abgrundkomische und das tief Rührende der Sonja gleichsam auf einer Stimm-Kante balancieren.
Und wie sie mit Elena schnapsselig Bruderschaft trinkt, im Rausch das Schwesterliche und das Zickige, das Eifersüchtige und das Hingegebene ausweint unter irrem Gelächter, das zeigt die junge Schauspielerin (die auch schon Thalheimers überwältigende „Johanna der Schlachthöfe“ war) auf ziemlich gewitzter Aktricenhöhe.
Und wenn Voss mit der Allüre des großen, aufgeblasenen Staatsprofessors die große theatralische Rede hält, in deren Verlauf er den Gutsverkauf ankündigt und alle verzogenen Mienen triumphieren und alle Minen springen lässt und sich wahnwitzig in allen Familien-Fettnäpfchen suhlt, und wenn alle um ihn herum erstarren und Wanja irre keuchend und tobend und jammernd nach dem Gewehr rennt, nimmt Sonja ihren Vater in den Arm und sagt: „Hab’ doch Mitleid!“ Es ist der Moment, an dem der Knall, mit dem sonst alle immer mit dem Professor kollidieren, verpufft und zu einem Seelenlaut wird. Das Gelächter verstummt.
Dass der nassglattgekämmte und gescheitelte und beschnurrbartete schmale Doktor des Michael Maertens jeden Seelenlaut, vor allem jeden erotischen, in Gelächter überführt und mit den eleganten Schnöselgesten des daueralkoholisierten Lebens- und Berufsüberdrüssigen garniert, lässt dem Professor den letzten Triumph. Eine sanfte, ruhige, überlegene Belehrung: „Man muss ein Werk schaffen“. Nicht jammern. Nicht fliehen. Nicht saufen.
Und er kündigt auch an, wie das Werk heißen sollte: „Wie man richtig leben sollte“. Das wolle er jetzt schreiben. Keinem der Professoren in allen „Wanja“Aufführungen bisher hätte man dieses Werk zugetraut. Dem Professor des Gert Voss schon. Er hätte ja auch genug Material dafür. Großer Jubel.
Vielen Dank.
Stefan Meditz (patanjali)
- 05.11.2012, 13:55 Uhr