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On Tour Depeche Mode - mehr als eine flüchtige Mode

06.09.2001 ·  Am 5. September ging's los: Depeche Mode begeisterte die Fans beim Auftakt ihrer Deutschlandtournee in Berlin mit Songs von einst und jetzt.

Von Aram Lintzel
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Depeche Mode: die authentische Speerspitze des 80er-Jahre Revivals? Depeche Mode: eine reine Nostalgieveranstaltung für alternde Fans? Von wegen! Beim Konzert am Mittwoch in der Berliner Waldbühne straften Depeche Mode ihre Kritiker Lügen. Während sich Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher um Innovation bemühten, freuten sich ihre Fans aber vor allem über die Hymnen der guten alten Zeiten.

Nach wie vor ist Deutschland wohl das Land mit den meisten Depeche Mode-Fans; nirgendwo sonst hatte die englische Band jedenfalls so viele Hits. Über die Gründe ließe sich spekulieren - eines wurde aber gestern abend offensichtlich: Der typische Depeche Mode-Verehrer ist konservativ. Im flüchtigen Strom der Trends und Stile geben ihm seine Idole Halt.

Die männlichen Hardcore-Fans, die beim Konzert zu sehen waren, sahen aus wie „DM"-Sänger Dave Gahan vor 15 Jahren: festes Schuhwerk, weiße Hose, ölige Tolle, schwarze Nietenjacke. Dass Gahan währenddessen in völlig neuem Outfit (Jacket und Weste) über die Bühne tanzte, schien sie nicht zu stören.

Eine Entscheidung fürs Leben

Depeche Mode" - „schnelle Mode": Der Bandname klingt heute fast ironisch. Seit 1985 (damals landeten Depeche Mode mit „People are People" erstmals in den deutschen Top Ten) hat sich die deutsche „DM"-Community zu einer Art Glaubensgemeinschaft verschworen.

Einmal Depeche Mode-Fan, immer Depeche Mode-Fan! Interessant wäre es herauszufinden, wie viele neue Fans täglich hinzukommen. Sehr viele dürften es nicht sein. Das Publikum in der Waldbühne war jedenfalls größtenteils über Dreißig. Längst sind Depeche Mode keine Teenie-Band mehr. Die meisten ihrer Anhänger haben sich vor 15 oder 20 Jahren für sie entschieden, so wie Fußballfans dem VfB Stuttgart oder München 1860 für immer ihre Treue schwören.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Ja, die Psyche eines Depeche Mode-Anhängers ist wohl mit der eines Fußballvereinfans vergleichbar. So wie die Mannschaft darf auch die Band mal ein schlechtes Spiel (eine schlechte Platte) machen, ohne dass der wahre Anhänger sogleich die Gefolgschaft kündigt.

Am Mittwoch abend war es aufschlussreich, zu sehen, wie relativ wenig die richtigen Fans unter den 22.000 Besuchern im Grunde mit den Songs des aktuellen Albums „Exciter" anzufangen wissen. Jedenfalls sangen sie bei den älteren Stücken unvergleichlich inbrünstiger mit. Als nach einer Stunde das aktuelle Programmm beendet wurde und mit „Enjoy the Silence" die Geschichtsstunde eingeläutet wurde, war dies wie ein Moment der Erlösung: Man spürte das erleichterte Aufatmen geradezu.

Endlich! Tief Luft holen! Jetzt geht es erst richtig los. Nun konnte richtig mitgesungen und mitgeklatscht werden - zu „Black Celebration" oder „Personal Jesus". Pflichtbewusst hatten die Fans die Songs der neuen Platte über sich ergehen lassen. Gekommen waren sie aber eigentlich wegen der Hits der Vergangenheit.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Gahan, Gore und Fletcher bedienten das Fan-Begehren aber nur ansatzweise. Die ganz alten Songs aus den achtziger Jahren (“People are People“, „Everythings Counts" etc.) spielten sie wohl bewusst nicht. Schließlich hätten sie wohl kaum die letzten 21 Jahre durchgestanden, wenn sie beschlossen hätten, ein bestimmtes Image zu konservieren.

Depeche Mode mussten sich immer wieder neu erfinden, um bei den unzähligen Tourneen und Studioaufenthalten nicht den Langeweiletod zu sterben. Ihr Publikum haben sie dabei immer wieder bewusst herausgefordert, in den letzten Jahren vor allem mit dem verstärkten Einsatz von Rockgitarren und Schlagzeug.

Auch die Performance wirkte trotz der experimentellen Elektro-Sounds eher wie ein Rockkonzert - wegen des Live-Schlagzeugers, aber auch aufgrund Martin Gores Gitarrenspiel. Düstere Gothic-Atmosphäre, Sado/Maso-Lederästhetik, ambivalente Sexualität: was Depeche Mode einst berühmt machte, findet sich heute wohl nur noch bei den zahllosen Depeche Mode-Parties.

Diese wurden auch im Umkreis der Waldbühne eifrig beworben (“mit 150 Quadratmeter Videoleinwand“). Auf den rückwärtsgewandten Fanparties leben noch die alten Zeiten fort, nicht aber auf der Bühne. Depeche Mode waren schon immer fortschrittlicher als ihre Fans.

Diese folgen ihnen dennoch immer treuen Schrittes, wenn auch manchmal missmutig. Das Projekt: Treue zeigen und gemeinsam älter werden. Depeche Mode und ihre Fans sind ein rührendes, in der Popmusik wohl einzigartiges Phänomen.

Tourneedaten: Hamburg (8.9.), Leipzig (9.9), Köln (26.9.), München (29.9.), Nürnberg (2.10), Stuttgart (3.10.), Oberhausen (6.10.), Frankfurt/Main (11.10.)

Quelle: @aram
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