Home
http://www.faz.net/-gqz-wdes
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Olympisches Lexikon: D Es fließt kein Schildkrötenblut mehr

28.01.2008 ·  Mit ihrem Kampf gegen Doping, dem internationale Gutachter neuerdings gute Noten ausstellen, kämpft die chinesische Regierung um kulturelle Anerkennung. Nicht einmal die chinesische Küche bleibt von den neuen Skrupeln verschont.

Von Mark Siemons
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Doping, Xingfenji: großes Risiko für das Ansehen Chinas, nicht bloß als Sportnation, sondern als jahrtausendealte Kultur. Beides wurde in der Vergangenheit gern miteinander verknüpft, in Fortführung der im vergangenen Jahrhundert angenommenen Gewohnheit, Erfolge auf jeglichem Gebiet als Ergebnis einer in unvordenkliche Zeiten zurückreichenden Sonderüberlieferung auszugeben.

So verblüffte der Trainer Ma Junrun bei den Leichtathletikweltmeisterschaften 1993 damit, dass er die phänomenalen Leistungen seiner Läuferinnen auf die Tradition der Einnahme von Schildkrötenblut und der Wurzel des Raupenpilzes zurückführte. Dummerweise verlief dann bei mehreren Athletinnen der Doping-Test positiv, und das kulturelle Argument schlug in sein Gegenteil um. Dem Westen kamen die chinesischen Sportler nun wie ferngesteuerte Wesen vor und die altehrwürdige chinesische Kultur wie ein Fake.

Defensiver Ton

Mit ihrem Kampf gegen Doping, dem internationale Gutachter neuerdings gute Noten ausstellen, kämpft die chinesische Regierung also auch um kulturelle Anerkennung. Dabei ist der Ton merklich defensiver geworden: Es geht nun bloß darum, darzulegen, dass die chinesische Kultur einem sauberen Sport nicht im Wege steht. „Zwischen Doping und der traditionellen chinesischen Medizin gibt es keine Verbindung“, erklärte kürzlich Dai Jianpi, einer der Chefärzte des chinesischen Teams; die Pflanzenextrakte hätten einen Entwicklungsprozess von mehreren tausend Jahren durchlaufen und seien sehr gesund. Bei derselben Gelegenheit kündigte er allerdings auch an, die Mittel würden – sicher ist sicher – den Sportlern während der Spiele selbst nicht verabreicht.

Und nicht einmal die chinesische Küche bleibt von den Skrupeln verschont. Das nationale Komitee warnte die Athleten jetzt davor, in Pekinger Restaurants Leber zu essen. Denn darin könnten sich Rückstände verbotener Hormone befinden, mit denen die Tiere gemästet werden. Um sich zu retten, muss die chinesische Kultur bisweilen so weit gehen, sich selbst einzuklammern.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 2