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Olympisches Lexikon: A Milliarden Alte Fremde blicken nach China

03.01.2008 ·  Lao Wai, wörtlich Alter Fremder werden Ausländer in China genannt. Dass alles, was bei den Olympischen Spielen passiert, unter ihrem Blick stattfindet, ist der vielleicht wichtigste Effekt der Veranstaltung.

Von Mark Siemons, Peking
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Lao Wai, wörtlich Alter Fremder: Nichtchinese, eine Gattung Mensch, die für gewöhnlich wohlhabend, freundlich und etwas eigenartig ist, manchmal aber auch hinterhältig und daher gefährlich.

Im August werden fünfhunderttausend Vertreter dieser Art in Peking erwartet, zuzüglich zu den Abertausenden, die ohnehin schon dort arbeiten. Vor allem aber werden Milliarden Alte Fremde durchs Fernsehen auf Peking schauen, nicht bloß auf die Athleten, sondern auf jede Müllkippe und jede Hofhausruine der Stadt. Das hat China noch nicht erlebt, aber es hat es selber so gewollt: Die Olympischen Spiele sind die größte Lao-Wai-Party seiner Geschichte. Dass alles, was dabei passiert, unter dem Blick der Ausländer stattfindet, ist der vielleicht wichtigste Effekt der Veranstaltung: Nach den Demütigungen und Selbsterniedrigungen der letzten zweihundert Jahre soll Peking 2008 die definitive Rehabilitierung und Anerkennung Chinas vor dem Gerichtshof der äußeren Welt werden.

Vasallen und Barbaren

Nicht immer waren die Ausländer so fremd, und erst recht war China früher nicht gewohnt, sich über sie zu definieren. Lange Zeit hatte das Land noch nicht einmal ein Außenministerium, da man die Menschen jenseits der Grenzen nicht als ein Gegenüber betrachtete, sondern lediglich als Wesen mit einem noch nicht so hohen, aber durchaus steigerungsfähigen Zivilisationsniveau. So waren diese Völker gemäß ihrem Grad der Sinisierung (ob Vasallen, Vasallenanwärter oder reine Barbaren) irgendwie auch in das „Reich der Mitte“ einbezogen. Erst als sich im neunzehnten Jahrhundert überraschend herausstellte, dass die angriffslustigen Mächte aus dem Fernen Westen ähnlich selbstbewusste, eigenständige Kulturen waren, wurden sie zu dem grundsätzlich Anderen, das sie heute noch sind, und der chinesische Nationalismus mit seiner Betonung der ethnischen Zugehörigkeit begann.

Je mehr sich China in den letzten Jahrzehnten öffnete, desto verbreiteter wurde die Erscheinung des Ausländers, wenigstens in einigen der großen Städte; administrativ gibt es für ihn heute nur noch wenige Sonderregelungen. Doch nach wie vor wird er auf der Straße gern mit einem lauten „Hello!“ und einem weniger lauten, aber erstaunten „Lao Wai!“ bedacht, sobald er um die Ecke biegt: den Standardformeln einer bei allem Wohlwollen unaufhebbaren Distanz.

Mächtig hofiert

Zu den Olympischen Spielen wird er mächtig hofiert: Er wird in einem nagelneuen - von einem Ausländer gebauten - Flughafen mit futuristischem Design ankommen, in Taxis mit Fernsehbildschirmen fahren, in einem von siebenhunderttausend Hotelbetten schlafen, in Restaurants aus aller Herren Ländern essen können. Die Bevölkerung wird angehalten, ihn gut zu pflegen: „Geht seltener aus, damit die internationalen Freunde weniger Verkehr haben“, steht auf einem Schriftband.

Acht Ausländer, darunter ein Ingenieur aus Berlin, dürfen sogar die olympische Fackel über chinesischen Boden tragen, allerdings nur zweihundert Meter jeweils. Aber Vorsicht bleibt geboten. Der Sicherheitschef der Spiele hat die internationalen Freunde schon vor Demonstrationen wegen Tibet und ähnlich heikler Regionen gewarnt: Die würden unterbunden. Die Lao Wai bleiben Anlass zu Verwunderung, Werben und Besorgnis gleichermaßen.

Quelle: F.A.Z., 04.01.2008, Nr. 3 / Seite 33
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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