Für Großbritannien hat die Stunde geschlagen, und zwar buchstäblich. Genau zwölf Stunden bevor die größte Glocke Europas den Beginn der Olympischen Spiele eingeläutet hat, schellten um zwölf Minuten nach acht Uhr morgens drei Minuten lang allerlei Glocken im ganzen Land. In das baritonale Läuten von Big Ben, der erstmals seit dem Trauerzug für Georg VI. vor sechzig Jahren außerhalb der Reihe erklang, stimmten Kirchen- und Handglocken, Tür- und Fahrradklingeln sowie das elektronische Läuten von Handy-Apps in einen freudigen Chor ein, der das olympische Gemeinschaftsgefühl verkünden sollte - ein Einfall des schottischen Konzeptkünstlers Martin Creed.
Der demonstrative Akt der Zusammengehörigkeit sollte freilich auch die vielen Klagen über die Spiele übertönen. Kurz vor dem Stichtag schien es denn auch, als habe sich die Nation darauf eingeschworen, „London 2012“ gutzuheißen. Der zurzeit in der Olympia-Stadt weilende amerikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat sich mit seiner Bemerkung, dass die Sicherheitsmängel und die Streikdrohungen der Einwanderungsbehörden beunruhigend seien, die Sympathien selbst jener britischer Kommentatoren verspielt, die seit Wochen nichts anderes sagen und noch vor zwei Tagen schadenfroh über die jüngste Panne der Olympia-Organisatoren herzogen, die beim Frauenfußballspiel zwischen Kolumbien und Nordkorea versehentlich die südkoreanische Fahne auf der Leinwand des Stadions in Glasgow einblendeten und damit wieder einmal ihre Unfähigkeit bewiesen hätten.
Pomp du Punk
Nun gilt es, die Dissonanzen zu verdrängen und mit „Pomp du Punk“ die Insel „voll Lärm, voll Tön und süßer Lieder“ zu feiern, wie es sich der Großzeremonienmeister Danny Boyle gestern Abend zum Ziel gesetzt hat. Erst wenn das Fest in einigen Wochen zu Ende geht, das Schaugepränge erblasst und was daran nur teilhat wieder verschwunden ist, wird das Land Bilanz ziehen über das vielfach als nationales Eitelkeitsprojekt verschriene Olympia-Abenteuer und sich fragen, ob der Glanz nur Schein war, wie Prospero im „Sturm“ behauptet. Die Briten sind ein widerspenstiges Volk, das sich ungern zähmen lässt, das haben sie im Vorlauf zu den Spielen ein ums andere Mal gezeigt. Das galt auch für das nationale Glockengeläut. Als wir gestern morgen um Punkt 8.12 Uhr vor die Haustür rannten, um zu lauschen, wie sich die Klangwelle über das Land verbreitete, herrschte draußen, nur drei Kilometer von Big Ben entfernt, Stille.
Als wir meinten, doch ein fernes Bimmeln zu vernehmen, wies der zynische Teenager im Haus darauf hin, es komme vom Fernseher. Vor ihm wird die Nation zumindest während der Olympischen Spiele vereint sein.