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Die Putsch-Nacht in Istanbul : Neben Erdogans Sommerresidenz angeln die Spione

  • -Aktualisiert am

Unterstützer von Erdogans Regierung auf dem Taksim-Platz in Istanbul Bild: Reuters

Schriftstellerin Olga Grjasnowa wohnt Mauer an Mauer mit Erdogan in Istanbul. Der Putschversuch brachte Erinnerungen an ihre Kindheit in Baku zurück: In den Menschen haben Kriege kein Ablaufdatum. Ein Gastbeitrag.

          Der Abend des 15. Juli war für uns bereits vorbei. Unsere Tochter war eingeschlafen, die Weinflasche fast leer getrunken und der Abwasch im gegenseitigen Einvernehmen auf den nächsten Tag verschoben, als auf meinem Monitor die Eilmeldung aufblinkte, in der Türkei finde ein Putsch statt. Die Meerespromenade, auf die unsere Fenster in der deutschen Kulturakademie in dem sehr ruhigen Viertel Tarabya hinausgehen, war genauso belebt wie immer. Menschen saßen in Cafés, tranken Tee, rauchten Shisha, gingen spazieren, die Nachrichten schienen absurd. Doch dann rief meine Cousine aus Tel Aviv an und fragte, was hier vorgehe. Damit wurde das Ganze real - wenn Israelis sich Sorgen machen, ist die Lage durchaus ernst.

          Die Stimmung ist in Istanbul seit Monaten miserabel. Noch vor drei Jahren demonstrierten die Menschen für mehr Freiheit und Demokratie, nun haben sie Angst, auch nur aus dem Haus zu gehen. Das könnte man für eine politische Agenda halten. In den primär von Kurden bewohnten Gebieten herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, die Situation der syrischen Flüchtlinge wird schwieriger und hoffnungsloser, die Wirtschaft stagniert, Touristen kommen kaum noch, und auch mit einer abweichenden politischen Meinung würde kaum jemand hausieren gehen.

          Kurz vor elf verkündet das Militär, es habe nun die „volle Kontrolle“ über das Land. Es gelten eine Ausgangssperre und das Kriegsrecht. Ich hatte bereits in meiner Kindheit eine ähnliche Situation in Baku erlebt, damals marschierte das sowjetische Militär in Baku ein und „übernahm“, nachdem zuvor die „Volksfront“ die ethnische Zusammensetzung des Landes nach eigenen Vorstellungen gestaltete. Nun sei es der „Friedensrat“, der sich für die Demokratie und Menschenrechte einsetze. Doch die Situation in Istanbul erscheint immer noch berechenbarer und ruhiger, obwohl über unsere Köpfe bereits Kampfflugzeuge hinwegdonnerten.

          Mein Körper erinnert sich zu schnell an die längst vergangenen Lektionen aus der Kindheit – ich beschließe, eine Notfalltasche zu packen, Pässe, Geld, Krankenscheine, Windeln, Milchpulver, Flaschen, Schnuller und warme Kleidung für das Baby, zwei Zahnbürsten und Deo, und währenddessen erkläre ich meinem Mann immer wieder, ich tue es nur vorsorglich, man wisse schließlich nie. Er nickt nur, denn es ist nur ein paar Jahre her, dass er Syrien verlassen hatte. In der Geschichte haben Kriege ein Ablaufdatum, aber nicht in den Menschen.

          Wir haben sofort auf den Kriegsmodus umgestellt: diszipliniert, ruhig und möglichst akkurat. Wenn Strom und Wasser nicht abgestellt sind, ist es ein gutes Zeichen, denke ich und überschlage den Inhalt unseres Kühlschranks. Es sieht nicht gut aus, wir haben kaum Lebensmittel im Haus. Ich lebe zu lange im Frieden, murmelte ich - es ist idiotisch, keine Vorräte aus Reis, Nudeln, Babygläschen, Konserven, Wasser, Batterien und Kerzen zu haben. Woher habe ich dieses Vertrauen, dass wir sie nicht brauchen könnten? Andererseits würden wir mit trockenen Nudeln und Reiskörnern nicht weiterkommen, wenn der Strom abgestellt werden würde. Die kaukasische Methode der Hortung von Gasflaschen hat sich in der Türkei noch nicht durchgesetzt. Nachdem die Tasche gepackt ist, bleibt noch genügend Zeit, die Milchflaschen zu desinfizieren. Wir können sogar für die nächsten Tage duschen und die Handys aufladen.

          Dann wird die Straße vor unserem Haus abgesperrt. Das ist nicht verwunderlich, denn unser Nachbar ist Erdogan. Zumindest teilen wir eine Mauer mit seiner Sommerresidenz. Auch das Café gegenüber schließt eilig, die Kellner unterhalten sich jedoch angeregt mit der Security und hissen die türkische Fahne, während die letzten Besucher im Laufschritt davoneilen. Die Straße ist nur wenig später menschenleer. Facebook funktioniert nicht mehr.

          Von Erdogan fehlt bislang jede Spur, das spricht wiederum für den Ernst der Lage. Vor unserem Haus erscheint ein Mann mit einer Angelrute und fängt an seelenruhig zu angeln, begleitet von Männern, denen ihr Beruf im Geheimdienstsektor deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Irgendwann taucht Erdogan doch auf - er meldet sich per Facetime bei den Journalisten von CNN Türk und verkündet: „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“ Mir wird schlecht, als ich das höre. Wie kann jemand die eigenen Untertanen so nebenbei bitten, ihre Gesundheit, ihre Körper und womöglich auch ihr Leben für ihn zu opfern? Sollte er nicht zumindest „bitte“ sagen? Es ist mehr als zynisch, wenn man bedenkt, dass dieser Mann eine Vorliebe dafür hat, Demonstrationen gewaltsam aufzulösen.

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