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Oktoberfest Maßenvernichtung

08.03.2005 ·  Ersetzt ein trockenes „Pflock“ bald das tausendfache Klirren? Der Plan, die Maß auf dem Oktoberfest statt im Glas im Plastikbecher auszuschenken, läßt in München die Schaumkronen der Erregung hochschlagen.

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Ein für alle und zum letzten Male: Es heißt Maß und wird sicherheitshalber mit drei „s“ ausgesprochen. Geschlecht weiblich, also: die Maß. Und nicht die Maas, wie der Herr Profinachrichtensprecher Jan Hofer am Sonntag in der ARD zu verhunzen beliebte, und auch nicht die Moaß oder das Maaß oder der Moas.

Und genauso kurz und bündig wird mit einem Maßkrug, der einen Liter Bier enthalten sollte, bislang auch angestoßen, daß es nämlich kracht und scheppert und jenes irdische Klirren erzeugt wird, das dem metaphysischen Vorgang des Eintauchens der unteren Gesichtshälfte in die Schaumkrone vorangeht. Man unterscheidet den gläsernen Maßkrug und den aus Steingut, Keferloher genannt. Beim ersten hat man den Durchblick (auf etwaige Fremdkörper und Füllhöhe), beim zweiten mehr Tradition und eventuell einen Zinndeckel obendrauf.

Ein entschiedenes „Prost“

„Wem das ,Oans, zwoa, g'suffa!' nicht reicht, der ergänzt seinen Trinkspruch noch mit einem entschiedenen ,Prost!', während die Krüge durch Anstoßen zum Klingen gebracht werden“, heißt es dementsprechend in einem Oktoberfest-Online-Glossar der Löwenbräu AG (Volksmund: Lätschnbräu). Mit dem Klingen könnte demnächst Schluß sein, weil Wiggerl Hagn, seines Zeichens Löwenbräu-Wiesnwirt, in Moskau war.

Daß solche Fernreisen nicht nur bilden, sondern Gefahren bergen, kann man daran erkennen, daß der Hagnwiggerl vom dortigen Oktoberfest nachgerade revolutionäre Plastikmaßkrüge mitgebracht hat, die er zunächst geheim testen wollte. Mit der Geheimhaltung ist das bei allem, was mit der Wiesn zu tun hat, in München so eine Sache: Das monströse Vorhaben wurde publik, und die Schaumkronen der Erregung schlugen am Wochenende über dem Revoluzzer zusammen.

Beifall von der falschen Seite

Daß der barbarische, einen Kulturbruch markierende Plan sogleich Beifall von der falschen Seite bekam - von einem Sprecher der Münchner Polizei -, paßt in diese politisch korrekten Zeiten. Geringeres Verletzungsrisiko bei Schlägereien, nickte die Ordnungsmacht erfreut, denn Maßkrugeinsatz gilt als versuchter Totschlag. Radikalkonservative mögen einwenden, die Wiesn sei durch den weltweiten Ansturm von organisierten Spaßbanden aus Ozeanien längst zu einem PlastikEvent verkommen.

Aber auf solche Debatten hat sich der schlaue Hagnwiggerl gar nicht eingelassen. Geschult am Verantwortungsvorbild der Politik, will er demütig das Urteil den Gästen überlassen. Er persönlich hänge emotional weder an Glas- noch an Plastikkrügen. Soso. Mit dieser Einstellung wird das Wiesnhendl bald von Chicken McNuggets und die Ochsenbraterei von Beefburgern abgelöst, die Brezen werden aus Dinkel und die gebrannten Mandeln cholesterinfrei sein, und in der Schiffschaukel wird Helmpflicht gelten.

Aus den Zelten aber wird dann tausendfach ein trockenes „Pflock!“ tönen, wenn sich die Welt mit Plastikkrügen zuprostet. Noch regt sich Widerstand. Der Sprecher der Wiesnwirte lehnt die künstliche Zukunft ab. Er trinke „ja auch kein Bier aus dem Tetra Pak“. Wird schon noch kommen.

Quelle: hhm / F.A.Z., 08.03.2005, Nr. 56 / Seite 35
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