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Offener Brief Kündigen Sie Bush

25.05.2004 ·  Sie dienen einem Präsidenten, dessen Außenpolitik die mit Abstand schlimmste in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist: Der Publizist Roger Morris fordert Amerikas Diplomaten auf, den Dienst zu quittieren.

Von Roger Morris
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Hochverehrte Treuhänder,

gestatten Sie mir diese etwas ungewöhnliche Anrede, aber Sie, die Frauen und Männer unseres diplomatischen Dienstes, sind wahre Treuhänder. Klug und aufmerksam, mit Charakter und Mut vertreten Sie Amerika in der Welt und machen Amerika mit der Welt bekannt. Ihnen ist unsere Rolle und unser Ansehen unter den Nationen und letztlich unser Schicksal anvertraut. Sie haben eine große Aufgabe. Nie war das Gewissen, das Sie verkörpern, wichtiger.

Dean Acheson antwortete einmal auf die Frage eines Freundes, was er empfunden habe, als er in den dreißiger Jahren als junger Beamter im Finanzministerium lieber den Dienst quittierte, als weiterhin für eine umstrittene, in seinen Augen katastrophale Fiskalpolitik zu arbeiten (ein Schritt, der seinerzeit das Ende der angestrebten politischen Karriere zu sein schien): "Ich hatte keine andere Wahl. Es ging um das Interesse der Nation und um meine persönliche Ehre. Eines hätte ich noch vernachlässigen können, aber nicht beides." In den letzten Monaten, in denen die Tragödie der amerikanischen Außenpolitik immer deutlicher wurde, habe ich oft an Achesons Worte gedacht und an die Situation, in der Sie sich als Staatsdiener befinden. Keine Generation von außenpolitischen Profis, auch nicht meine eigene während des elenden Vietnam-Kriegs, war mit einer so quälenden Realität konfrontiert, stand vor einer so schwerwiegenden Entscheidung.

Chaotische, fatale Besatzung

Über die Außenpolitik von Präsident Bush brauche ich mich hier nicht auszulassen - und über all die Dinge, die sich für Insider wie Sie, unabhängig von Ihrer politischen Haltung, noch viel schlimmer darstellen als für Außenstehende. Sie wissen, auf welch rücksichtslose Weise eine Clique von politischen Quereinsteigern und ideologischen Eiferern, angeführt von dem außergewöhnlich mächtigen und insgeheim doktrinären Vizepräsidenten Cheney, nachrichtendienstliche Erkenntnisse manipulierte und selbstherrlich die Irak-Politik und andere Themen bestimmte. Sie wissen von den heftigen interministeriellen Konflikten, in denen ein zutiefst politisiertes, borniertes Pentagon jeden Widerstand des Außenministeriums oder der CIA abschmetterte oder einfach ignorierte, uns zu einem unilateralen aggressiven Irak-Krieg trieb und im Irak und in Afghanistan zu einer chaotischen, fatalen Besatzung.

Gegen Ignoranz und Verbohrtheit

Sie wissen, welch uninformiertem und achtlosem Präsidenten Sie in George W. Bush dienen, einem Mann, dessen Ignoranz und Verbohrtheit das Gegenteil jener Bildung und Offenheit ist, die Sie in der Kunst der Diplomatie verkörpern. Einige von Ihnen wissen, auf welch klägliche Weise die nationale Sicherheitsberaterin in ihrer vornehmsten Aufgabe versagt, nämlich für gewisse Ordnung unter den divergierenden Interessen in Washington zu sorgen und damit den Präsidenten und die Nation vor Schaden zu bewahren. Die Details sind Ihnen bekannt. Viele von Ihnen wissen beispielsweise, daß die Folterberichte aus Abu Ghraib schon vor bald einem Jahr nicht nur im Pentagon Thema waren, sondern auch im Außenministerium, in der CIA und unter den Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrats, bevor die skandalösen Fotos schließlich an die Öffentlichkeit gelangten.

Die schlimmste Außenpolitik

Sie wissen aus eigener Erfahrung, daß es unter jedem Präsidenten außenpolitische Arroganz und Rivalitäten und Fehlentscheidungen gibt. Aber den meisten von Ihnen dürfte klar sein, daß die Regierung Bush ein besonderer Fall ist. Sie dienen einem Präsidenten, dessen Außenpolitik die mit Abstand schlimmste in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist. Noch nie hat Amerika in einem solchen Maß Verträge und Bündnisse mißachtet, Freunde vor den Kopf gestoßen, die Zahl seiner Feinde vermehrt, in jedem Kontinent an Respekt und Glaubwürdigkeit verloren. Das alles kann man Tag für Tag erleben. Und wo immer Sie politisch stehen: All jene von Ihnen, die anderen Präsidenten gedient haben, wissen, daß dies eine beispiellose Katastrophe ist. Diese Regierung hat in ihrer militanten Überheblichkeit die Politik jeder Vorgängerin zunichte gemacht und das Vertrauen zerstört, das in den letzten fünfzig Jahren jedem Präsidenten, ob Demokrat oder Republikaner, entgegengebracht wurde.

In Afghanistan, dem wir einmal ein neues Ideal versprachen, haben wir die alten Bündnisse mit Kriegsherren und Drogenhändlern erneuert, wir führen Strafexpeditionen durch und installieren Marionetten und geben uns der Illusion hin, ein nicht eroberbares Land erobern zu können. Im Irak, das schreit Ihnen aus jedem Kanal entgegen, erleben wir einen außenpolitischen Albtraum, sind gefangen in einem Teufelskreis von Gewalt und bitterem, zunehmendem Haß, aus dem wir nur herauskommen um den Preis riskanter Demütigung im Ausland und scharfen Konflikten daheim. Ein komplettes Debakel.

Was geht durch Ihren Kopf?

Jenseits Ihrer diskret formulierten Presseerklärungen sind inzwischen Ausdrücke üblich geworden (früher undenkbar als Beschreibung Ihres Tätigkeitsfeldes, verwendet nur für die beklagenswertesten Erscheinungen in fremden Regionen), Worte, die nicht bloß am Rand der Gesellschaft, sondern im gesamten Spektrum der öffentlichen Debatte verwendet werden - "amerikanisches Imperium", "amerikanischer GULag". Was mag Ihnen dabei durch den Kopf gehen? Nachdem ich als Angehöriger des Auswärtigen Dienstes, des Nationalen Sicherheitsrats und später als Historiker viele Telegramme und Memoranden gelesen habe, stellt sich mir die Frage, wie Sie als ausländischer Diplomat oder Nachrichtenoffizier aus Washington berichten würden. Was würden die vielen scharfsinnigen Beobachter unter Ihnen über die gegenwärtige Regierung sagen, über ihren Tribut oder den Mut und die Unabhängigkeit der Berufsbeamten, die den Kopf für sie hinhalten?

"Ich möchte mit dem Naheliegenden beginnen", erklärte Senator Jack Reed unlängst bei der Anhörung des Streitkräfteausschusses zu Abu Ghraib. "In den nächsten fünfzig Jahren wird man die Vereinigten Staaten in der islamischen Welt und in vielen anderen Teilen der Welt mit dem Bild eines Amerikaners assoziieren, der einen nackten Iraker an einer Leine über den Boden schleift." Senator Reed sprach über Sie und Ihre Zukunft. Was Präsident Bush weltweit ruiniert hat, gehört ja weitgehend Ihnen.

Wachsende Zahl an Feinden

Es ist Ihre engagierte Arbeit, die beschädigt wurde - die mißachteten Verträge, die Sie pflichtgetreu entwarfen und aushandelten, die entfremdeten Verbündeten, um die Sie sich geduldig bemühten, die wachsende Zahl an Feinden, die zu gewinnen Sie all Ihre Kraft einsetzten. Sie wissen, was passieren wird. Früher oder später wird die neokonservative Clique in ihre Denkfabriken zurückkehren, der Vizepräsident wird seine üppige Halliburton-Pension beziehen, der Präsident sich auf seine texanische Ranch zurückziehen - und Sie werden in den Kanzleien und Hinterzimmern, in den hermetisch abgeriegelten Gebäuden und gepanzerten Autokonvois noch jahrzehntelang damit zu tun haben, das Chaos zu beseitigen. Sie wissen, daß ein publikumswirksamer Rücktritt an höchster Stelle - etwa von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder hoher Militärs wegen Abu Ghraib - nichts ändert. Das gleiche gilt für Außenminister Colin Powell, der für Sie vielleicht eine einsame Lichtgestalt in dieser perversen Truppe gewesen sein mag, doch er bleibt der politische General, der er immer war. Hat er Ihren Verlust gewürdigt, indem er zurücktrat, als der Niedergang noch hätte aufgehalten werden können?

Nein, heute kommt es auf Ihre Stimme an. Sie allein stehen über Ehrgeiz und Parteipolitik. Diese Regierung hat Ihre Loyalität nicht mehr verdient. Amerika verdient den entscheidenden Anstoß Ihres Rücktritts. Ihr Schritt würde Amerika offenbaren, daß diese Regierung unerträglich ist, und einer immer zynischeren Welt deutlich machen, daß es noch Amerikaner gibt, die mit ihrem Leben und ihrer Ehre die höchsten Grundsätze unserer Außenpolitik hochhalten.

Meine Entscheidung habe ich nie bereut

Vor vierunddreißig Jahren stand ich vor einer ähnlichen Entscheidung wie Sie, als ich beschloß, wegen des Überfalls auf Kambodscha meinen Dienst im Nationalen Sicherheitsrat zu quittieren. Ich hatte an den Geheimverhandlungen zwischen Henry Kissinger und den Nordvietnamesen teilgenommen und ahnte, wie sehr die Invasion die Friedensaussichten zunichte machen und den Krieg verlängern würde - auch wenn mir nicht klar war, daß Tausende amerikanischer Namen auf der langen schwarzen Mauer des Vietnam Memorial in Washington hinzukommen würden und in Kambodscha ein Völkermord folgen würde. Ich stand am Beginn einer lange erträumten Laufbahn. Meine Entscheidung aber habe ich nie bereut. Ich bilde mir auch nichts darauf ein. Meine Freunde und ich wiesen immer darauf hin, daß ein Rücktritt angesichts der Prinzipienlosigkeit der Regierung Nixon nichts Besonderes sei. Es kennzeichnet die aktuelle Tragödie, daß Nixon und Kissinger, verglichen mit der heutigen Regierung, vielen Leuten geradezu als vorbildhafte Politiker erscheinen.

Im eisernen Griff der Regierung

Wenn Sie nun Ihre Entscheidung abwägen, sollten Sie sich vor den alten Argumenten hüten, die üblicherweise gegen einen Rücktritt ins Feld geführt werden - daß man Einfluß verliert und ein solcher Schritt ohnehin nichts bewirkt. Unter dem eisernen Griff dieser Clique werden Sie keinen Einfluß haben, immer weniger bewirken können, zumal angesichts des politischen Desasters und der wachsenden öffentlichen Kritik. Ihre Entscheidung - welchen Posten Sie auch bekleiden und wie groß Ihre Zahl sein mag - wird andere ermutigen, all jene stärken, die im Amt bleiben und Ihre Wahrheit der Nation und der Welt verkünden.

Ich weiß natürlich aus eigener Erfahrung, daß ich Sie nicht auffordere, Ihren Widerstand aus dem gesicherten Dasein eines Pensionärs bekanntzugeben. Mir ist durchaus bewußt, daß dies für Sie und Ihre Angehörigen ein großes Opfer ist. Sie stehen nicht allein. Drei hohe Diplomaten - Mary Wright, John Brady Kiesling und John Brown - haben im letzten Frühjahr aus Protest gegen den Irak-Krieg den Dienst quittiert. Wie diese drei, sollten auch Sie an der großen Debatte mitwirken, die Amerika jetzt braucht. Und machen Sie sich bitte nichts vor: mit jedem Telegramm, das Sie nach draußen schreiben, mit jedem Brief, den Sie für den Kongreß aufsetzen, mit jedem Memorandum, das sie formulieren, mit jedem Budget, das Sie aufstellen, jeder Sitzung, an der Sie teilnehmen, wird Ihr Anteil an der Katastrophe größer.

Das Amerika, das Sie durch Ihre Berufswahl repräsentieren wollten, das Amerika, das die Völkergemeinschaft früher nicht durch brutale Macht, sondern kraft seiner allgemeingültigen Prinzipien führte, braucht Sie wie nie zuvor. Wir, die wir Ihre Arbeit und Ihre Welt kennen, wissen, daß Sie uns nicht enttäuschen werden. Sie sind schließlich unsere Treuhänder.

Hochachtungsvoll, Roger Morris

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Der Publizist Roger Morris diente unter den Präsidenten Johnson und Nixon im Nationalen Sicherheitsrat in Washington, bis er wegen des amerikanischen Einmarsches in Kambodscha seinen Rücktritt einreichte. Zu seinen Büchern zählt "Richard Milhous Nixon. The Rise of an American Politician", das für den National Book Award nominiert war.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2004, Nr. 121 / Seite 35
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