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Montag, 13. Februar 2012
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Offener Brief Bush muß weg!

21.09.2003 ·  „Es herrscht Krieg, General, und es ist der Krieg von Bush & Co. gegen uns“, schreibt Dokumentarfilmer Michael Moore in einem offenen Brief an Wesley Clark - Appell eines Bürgers an einen General in Kriegszeiten.

Von Michael Moore
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Appell eines Bürgers an einen General in Kriegszeiten (an der Heimatfront). Ein offener Brief an Wesley Clark.

Lieber General Wesley Clark,

ich will Ihnen schon seit längerem schreiben. Zwei Tage nach der Oscar-Verleihung fühlte ich mich allein und etwas bestürzt vom Ausmaß des Hasses, der mir entgegenschlug, weil ich gewagt hatte, darauf hinzuweisen, daß wir mit „fiktiven Gründen“ in einen Krieg geführt worden waren. In diesem Moment riskierte ein Mann etwas und eilte im nationalen Fernsehen zu meiner Verteidigung.

Und dieser Mann, das waren Sie.

Aaron Brown hatte gerade auf CNN sein über Satellit geführtes Interview mit mir beendet. Ich hatte gescherzt, ich sei „der einzige Nicht-General, den CNN in dieser Woche zugelassen hatte“. Brown beendete also das Interview und wandte sich dann Ihnen zu, da sie mit ihm an einem Tisch saßen. Er fragte Sie, was sie von diesem verrückten Typen Michael Moore hielten. Und obwohl wir uns noch in der ersten Kriegswoche befanden, erklärten Sie mutig, meine abweichende Meinung sei notwendig und willkommen. Sie erläuterten, daß ich gegen Bush und seine „Politik“ sei, nicht aber gegen die Jungs an der Front. Ich saß in Flint, den Kopfhörer noch im Ohr, und war platt: ein General trat für mich ein und für die Millionen Menschen, die gegen den Krieg und zum Schweigen gebracht worden waren.

Sie scheinen ein integrer Mann zu sein

Seit diesem Abend habe ich einige Zeit damit verbracht, etwas über Sie in Erfahrung zu bringen. Was ich über Sie erfahren habe, deckt sich mit meiner Erfahrung vom März. Sie scheinen ein integrer Mann zu sein. Sie scheinen keine Angst zu haben, die Wahrheit auszusprechen. Ich mochte Ihre Antwort, als man Sie nach Ihrer Haltung zur Schußwaffenkontrolle befragte: „Wenn Sie jemand sind, der Angriffswaffen schätzt, gibt es einen Platz für Sie - die Armee der Vereinigten Staaten. Dort haben wir sie.“

Abgesehen davon, daß sie Klassenbester in West Point, ein Vier-Sterne-General aus Arkansas und früherer Oberbefehlshaber der Nato waren - genug, um einen friedliebenden Menschen innehalten zu lassen -, habe ich entdeckt, daß Sie:

1. gegen den Patriot Act(¹) sind und gegen eine Ausdehnung seiner Reichweite kämpfen würden,
2. eindeutig für das Recht auf Abtreibung sind,
3. eine sogenannte Amicus-Eingabe(²) beim Obersten Gerichtshof gemacht haben, um die Universität von Michigan in einem Affirmative-Action-Prozeß(3) zu unterstützen,
4. Bushs Steuer-„Senkung“ abschaffen und die Reichen dazu bringen würden, einen angemessenen Beitrag zu leisten,
5. die Standpunkte unserer Verbündeten respektieren und mit ihnen und dem Rest der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten wollen,
6. gegen den Krieg sind. Sie haben erklärt, daß Krieg immer „der letzte Ausweg“ sein sollte und daß Militärs wie Sie am meisten für den Frieden einträten, weil Sie und Ihre Soldaten es seien, die am Ende sterben müßten. Sie finden einen Oberkommandierenden beunruhigend, der einen Fliegeranzug trägt und so tut, als ob er „Top Gun“ wäre - eine Schaunummer, die all jene entehre, die in diesem Anzug im Dienste ihres Landes gefallen sind.

Gestern abend, General Clark, habe ich Sie persönlich kennengelernt. Ich möchte andere wissen lassen, was ich zu Ihnen gesagt habe: Sie könnten der Mann sein, der George W. Bush bei den Wahlen im nächsten Jahr besiegen kann.

Das ist keine Unterstützung

Das ist keine Unterstützung. Dafür ist es mir zu früh. Ich mochte Howard Dean (trotz seiner mangelhaften Haltung bei der Unterstützung der Todesstrafe, seiner A-Note von der „National Rifles Association“ und trotz seiner Weigerung, das Budget des Pentagons zu kürzen). Und Dennis Kucinich setzt sich für all die richtigen Sachen ein. Wir brauchen bei dieser Wahl Kandidaten, die sagen, was gesagt werden muß, um die lächerlich lahme Demokratische Partei dazu zu bringen, Rückgrat zu zeigen - oder aus dem Weg zu gehen und uns eine wirkliche zweite Partei auf den Wahlzetteln zu geben.

Aber jetzt brauchen wir zum Wohle und zum Überleben unseres eigenen Landes jemanden, der den Job erledigen kann. Punkt. Mit wem auch immer ich in ganz Amerika rede, ob mit linken Grünen, konservativen Demokraten oder sogar mit vielen angeekelten Republikanern, sie alle sind sich einig, worin dieser Job besteht:

Bush muß weg.

Es herrscht Krieg, General, und es ist der Krieg von Bush & Co. gegen uns. Es ist ihr Krieg gegen die Mittelklasse, gegen die Armen, gegen die Umwelt, ihr Krieg gegen Frauen und ihr Krieg gegen jeden auf der Welt, der die amerikanische Dominanz nicht vorbehaltlos akzeptiert. Ja, es herrscht Krieg - und wir, das Volk, brauchen einen General, um jene zurückzuschlagen, die unsere Verfassung und unser grundsätzliches Anstandsgefühl mißbraucht haben.

Gegen den Deserteur aus Texas

Der General gegen den Deserteur aus der Texas Air National Guard! Ich will diese Auseinandersetzung erleben, und ich weiß, wer der Sieger sein wird.

Als Sie neulich abend in der Bill-Maher-Show waren, begann er Ihnen ein Zitat von Howard Dean vorzulesen, in dem er (Dean) dem Wort „liberal“ auszuweichen versuchte. Maher sagte: „Und Sie, General, wollen Sie auch diesem Wort ausweichen?“ Sie sagten nein, ohne eine Sekunde zu zögern, und Sie erinnerten jedermann daran, daß Amerika als „liberale Demokratie“ gegründet wurde. Das Publikum applaudierte begeistert.
Das ist es, was wir seit langem auf unserer Seite brauchen: Mut. Ich bin sicher, daß es Themen gibt, bei denen wir nicht einer Meinung sind, aber es ist an der Zeit für alle anständigen Menschen von der äußersten Linken bis zur Mitte, das verdammte Kriegsbeil zu vergraben und sich hinter jemandem zu versammeln, der nicht nur gut in der Sache ist, sondern der George W. Bush schlagen kann. Und ich weiß, General, daß Sie im Mittleren Westen, wo ich herkomme, der Kandidat sind, für den der Durchschnittsamerikaner stimmen wird.

Michael Moore schätzt einen General? Ich hätte nie gedacht, daß ich das schreiben würde. Aber verzweifelte Zeiten verlangen nach verzweifelten Maßnahmen. Ich möchte mehr über Sie erfahren. Ich will, daß man Ihnen zuhört. Ich möchte Sie in diesen Auseinandersetzungen erleben. Dann sollen die Würfel fallen, wie sie fallen - und wir haben eine genauere Vorstellung, was zu tun ist. Wenn Sie es durchhalten, dann wissen wir alle, glaube ich, woran wir sind.

Ich bitte alle, die ich kenne, Ihnen eine E-Mail zu schreiben und Sie zur Kandidatur zu ermutigen, selbst wenn sie nicht sicher sind, ob sie Sie wählen werden (Wesley Clarks E-Mail-Adresse lautet: info@leadershipforamerica.org). Niemand von uns weiß wirklich, wie wir in fünf Monaten oder in einem Jahr abstimmen werden. Aber wir wissen, daß dieser Wahlkampf einen Ruck benötigt - und Bush muß wissen, daß da ein Mann ist, den er nicht „dukakisieren“(4) kann.

Springen Sie, General Clark. Zumindest soll die Nation hören, was Sie darüber wissen, was wirklich hinter der Irak-Invasion steckte, und sie soll Ihre neuen Ideen hören, wie wir in einer friedlicheren Welt leben können. Ja, Ihr Land braucht Sie für einen weiteren tapferen Einsatz - um einen inneren Feind besiegen zu helfen, an der Pennsylvania Avenue 1600, einer Adresse, die einmal „uns, dem Volk“, gehörte.

Ihr
Michael Moore

Anmerkungen:

1. Das Maßnahmenpaket der amerikanischen Regierung zur Bekämpfung des Terrorismus.
2. Eingabe eines nicht an einem bestimmten Prozeß Beteiligten, die dem Gericht bei seiner Entscheidungsfindung helfen soll.
3. Eine Art Quotenpolitik zur Förderung von Minderheiten.
4. Anspielung auf Michael Dukakis, den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, den George Bush senior im Wahlkampf 1988 als Person so konsequent zerstörte, daß der sich nie mehr davon erholte.

Der amerikanische Dokumentarfilmer („Bowling for Columbine“) Michael Moore ist auch Autor des Buches „Stupid White Men. Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush“ (Piper Verlag), das seit mehr als einem Jahr auch auf deutschen Bestsellerlisten steht.

Übersetzung Peter Körte

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. September 2003
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