01.11.2009 · In Österreich kostet das Studieren immer weniger, immer mehr Lernende strömen in einen immer schlechter finanzierten Betrieb, die Lehre wird immer verschulter. Jetzt demonstrieren die Studenten für „freie Bildung“. Was damit bloß gemeint ist?
Von Dirk Schümer„Die TU brennt“ steht auf Transparenten im Haupteingang der Technischen Universität Wien, doch wirkt die Lage drinnen nicht gar so aufgeheizt. Studierende gehen ganz normal zu ihren Seminaren. Und der Handzettel, der zur Demonstration „für freie Bildung“ aufruft, steckt ordentlich im Verteiler neben der Tür. Im Wiener Audimax am anderen Ende der Inneren Stadt, wo die Geisteswissenschaftler das Sagen haben, geht es weniger entspannt zu. Da haben Studierende seit mehr als einer Woche den Plenarsaal besetzt, da sind Drohplakate gegen Österreichs Unterrichtsminister Hahn in Gestalt gerupften Geflügels zu sehen, aber immerhin gibt es nachts zur Erbauung der Besetzer selbstgemachtes Büffet und Tanzveranstaltungen, an diesem Wochenende etwa peruanischen Hiphop.
Warum Österreichs Studenten so aufgebracht sind, lässt sich statistisch gut beschreiben: Weil das Studieren immer weniger kostet, strömen immer mehr Lernende in einen immer schlechter finanzierten Betrieb. Dazu kommt die Verschulung der Lehre im sogenannten Bologna-Prozess mit dem Ergebnis, dass viele Möchtegern-Akademiker begreifen: Ihr kostengünstiger Bachelor-Abschluss ist kaum das viele Papier wert, mit dem immer neue Bürokratie ihn umwickelt.
Was ist hier bloß mit „freier Bildung“ gemeint?
Die Studentenzahl ist in Österreich seit der Jahrtausendwende um fast fünfzigtausend gestiegen, besonders im Blick sind dabei die gut siebzehntausend Deutschen, die im Nachbarland ohne heimische Behinderungen wie Numerus clausus und Studiengebühren feine Abschlüsse erwerben dürfen. Wenn der ORF lautstarke Klagen deutscher Studenten gegen die Zustände in Österreich ausstrahlt, ist die Reaktion beim Publikum vorhersehbar: Sollen sie doch heim ins Reich! Zugangsbeschränkungen für EU-Ausländer sind aber ein rechtliches Problem, was die allmächtige „Kronen-Zeitung“ nicht anficht, als anarchistische Zündelbrüder im Studentenprotest vor allem deutsche „Berufsdemonstranten“ zu identifizieren. Und diesen Pallawatsch soll ein Bildungsminister Hahn aufräumen, der selber als „sitting duck“ zu den Studenten geht, weil ihn die Regierungskoalition soeben als offenkundiges Bauernopfer nach Brüssel in die EU-Kommission weggelobt hat.
„Kollateralschaden“ im Parteienstreit, das ist ab sofort der Beiname dieses Ministers, der wie eine Gebetsmühle auf stolze siebzehn Prozent mehr Geld für die Universitäten verweist, um dann in Klagen auszubrechen, alle wollten hier immer nur übers Geld reden. Was ist in Österreich mit der „freien Bildung“ bloß gemeint? Freiheit von diesem Minister? Von Bologna? Von der Bürokratie? Von den Gebühren? Oder nicht doch von den Deutschen?