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Österreich und die Rückgabe : Ein Prozess wie bei Kafka

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Der Journalist Stephan Templ wird eines absurden Verbrechens angeklagt: Er soll die Republik Österreich betrogen haben - die Geschichte eines Restitutionsstreits.

          Stephan Templ trägt seine Geschichte in zwei Aktenordnern mit sich herum. Sie stecken in einer Einkaufstasche, bedruckt mit Kirschen, als wir durch Prags regennasse Gassen laufen. Unser Ziel ist ein französisches Café unweit des Altstädter Rings. Der kleine Tisch ist schon fast voll, bevor uns die Kellnerin zwei Tassen Cappuccino bringt. Templ hat seine Ordner aufgeschlagen und sucht nach einem Dokument.

          Aus einer Klarsichthülle zieht er die Kopie eines Briefes. „Das ist die Anklageschrift des Wiener Strafgerichts, die mich im Januar hier in Prag erreicht hat“, sagt er. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Templ des schweren Betrugs an der Republik Österreich: Der Bundesimmobiliengesellschaft sei seinetwegen ein Schaden in Höhe von 550.000 Euro entstanden. „Wie soll der zustande gekommen sein?“, frage ich Templ. „Das ist kompliziert“, antwortet er.

          Am Ende ermitteln private Akteure

          Stephan Templ, Journalist und Autor jüdischer Abstammung, hat viel zur Restitution „arisierten“ Vermögens publiziert. 2001 ist sein Buch „Unser Wien - ,Arisierung‘ auf österreichisch“ erschienen, in dem er mehr als 350 Wiener Immobilien aufführt, die jüdischen Eigentümern während der NS-Zeit entzogen wurden. In Artikeln wie „Die Privatisierung der Restitution“, der vor drei Jahren in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschien, prangert Templ hartnäckig Mängel in der österreichischen Restitutionspraxis an.

          Sein Hauptkritikpunkt: Der Staat beschäftigt Forscher, die systematisch Informationen zu „arisiertem“ Vermögen in öffentlichem Besitz zusammentragen, auf dass dieses restituiert werden kann. Die Suche nach den Rückstellungsberechtigten aber überlässt die Republik Österreich dann privaten Akteuren - „Genealogen und Anwälten, die sich vertraglich exorbitante Erfolgshonorare bei erfolgter Rückstellung sichern“, schreibt Templ in der NZZ.

          Die Qualen des Ehepaars Fürth

          Um mir zu erklären, wieso er des Betrugs angeklagt wurde, holt Templ ein weiteres Blatt aus seinem Ordner. Es ist die Kopie einer Zeitungsseite aus dem Wiener „Standard“ vom 12. August 2000, darauf eine Anzeige des österreichischen Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit: Der Staat bietet das ehemalige Sanatorium Fürth in der Wiener Schmidgasse zum Verkauf an.

          In dem herrschaftlichen Gebäude, 1886 in unmittelbarer Nähe zum Rathaus errichtet, befindet sich bis 1938 die führende Geburtsklinik der Wiener jüdischen Bourgeoisie, geleitet von der jüdischstämmigen Familie Fürth - den Vorfahren von Stephan Templ.

          Den letzten Inhaber des Sanatoriums, Lothar Fürth, und seine Frau Suse zwingen Wiener Bürger am 3. April 1938, den Gehsteig vor der Klinik mit Zahnbürsten zu putzen - es ist eine der sogenannten „Wiener Reibpartien“, mit denen die jüdische Bevölkerung in der Folge des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland gequält wird. Lothar Fürth und seine Frau begehen nach dieser öffentlichen Demütigung Selbstmord; das Sanatorium geht unter Missachtung des Testaments der Fürths an die Wehrmacht.

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