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Öde Bescherung Wulffs Rede

21.12.2010 ·  Laut einer Umfrage würden viele Deutsche am liebsten auf alles Nebensächliche an Weihnachten verzichten: Tannenbaum, Geschenke, Kirchgang - und am allerliebsten auf den Bundespräsidenten. Ein „Fest light“ könnte aber zu seelischen Mangelerscheinungen führen.

Von Edo Reents
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Zur Not könnten die Deutschen Weihnachten auch ohne Weihnachten feiern. Das geht aus einer gerade vom Magazin „Stern“ publizierten Umfrage hervor. Mit einem Furor, den man sonst nur vom Winterschlussverkauf kennt, erklärten die Befragten: „Alles muss raus!“ Fünf Prozent würden am liebsten die Familientreffen streichen, sechsunddreißig das Festessen, siebenunddreißig den Weihnachtsbaum, dreiundfünfzig den Weihnachtsgottesdienst, einundsechzig die Geschenke, fünfundsechzig das Fernsehen und achtundsiebzig den päpstlichen Segen. Da stellt sich die Frage: Wenn das alles weg kann, was wollen die Leute an Weihnachten dann überhaupt noch machen?

All diese Dinge gehören so essentiell zum Fest dazu, dass Weihnachten ein echtes Strukturproblem bekäme, wollte man sie abschaffen. Es wäre wie Konsum ohne Reue, Dick ohne Doof, Hochprozentiges ohne Alkohol – kurz: ein Ding nicht der Unmöglich-, sondern der absoluten Undenkbarkeit.

Notärzte werden anrücken müssen

Aber so sind die Deutschen, philosophisch gesprochen: idealistisch bis dorthinaus, ohne sich um die Bedingung der Möglichkeit ihrer hochfliegenden Pläne auch nur die geringste Sorge zu machen. Nun könnte man sagen: Es ist ja Weihnachten, da soll man sich nach Möglichkeit auch keine Sorgen machen. Was aber ist, wenn unsere obige Aufstellung unvollständig war und wir, um die restlose Absurdität der weihnachtlichen Auffassungen unserer Landsleute an den Tag zu bringen, noch einen Trumpf im Ärmel haben?

Sagen wir es frei heraus: Neunundsiebzig Prozent könnten sogar auf die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten verzichten! Was für eine Ansprache sie statt dessen hören wollen, ging aus der Umfrage nicht hervor; wahrscheinlich wollen sie überhaupt keine. Unbehelligt von äußeren Einflüssen, scheinen sich die Deutschen also ganz auf sich und ihr Inneres konzentrieren zu wollen, nichts sehen, nichts hören, nichts essen, kein dies und kein das. Ob das gutgeht? Wir hören schon die Sirenen der Notärzte, die dann ausrücken müssen wegen seelischer Verödung. Wie gut täte dann die mahnende Stimme Christian Wulffs, der uns daran erinnern könnte, dass es nicht sein müsste, an Heiligabend so öde herumzusitzen: „Weihnachten gehört zweifelsfrei zu Deutschland“, würde er vermutlich sagen. Ach was, „würde“ – Wulff wird es sagen, ganz sicher!

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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