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Odenwaldschule Der Albtraum

Ein krankes Haus: Als im Frühjahr 2011 der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ans Licht kam, dachte man, die Schule sei tot.

© dpa Vergrößern Auch Orte haben eine Seele – und die Odenwaldschule ist ein traumatisierter Ort.

Heute wird in München ein Mann mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet, der durch die Hölle gegangen ist. In dieser Hölle missbrauchten Erwachsene jahrzehntelang schutzlose Kinder und Jugendliche und verwundeten sie fürs Leben, woran viele zerbrochen sind. Die Hölle, das war die Odenwaldschule, und Jürgen Dehmers hat über das, was ihm dort widerfahren ist, 2011 ein Buch geschrieben. Sein Titel: „Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch“. Jürgen Dehmers, der eigentlich Andreas Huckele heißt, hat sehr laut geschrien, und das war gut so.

Es war auch gut, dass er vergangene Woche sein Pseudonym gelüftet hat und heute als Andreas Huckele, 43 Jahre, von Beruf Lehrer, in der Öffentlichkeit auftritt. Das Pseudonym, sagt er, habe ihn geschützt, es habe ihn davor bewahrt, dass sein ganzes Leben mit den Erinnerungen an die Odenwaldschule überschwemmt werde. Der Preis, den er dafür bezahlen musste, war die Aufspaltung seines Ichs. Dieser Preis war ihm nun zu hoch geworden, auch deshalb, weil die Fragen, wer eigentlich hinter dem Namen Jürgen Dehmers steckt, lauter wurden. „Ich habe die Fäden lieber selbst in der Hand. Ich wollte die Person sein, die die Identitäten zusammenführt.“

Als der Missbrauchsskandal im Frühjahr 2010 ans Licht kam, als im Laufe der folgenden Monate dessen monströses Ausmaß immer deutlicher wurde und schließlich klar war, dass die sexuellen Verbrechen an dieser pädagogischen Einrichtung tatsächlich System hatten, da war man sich hundertprozentig sicher: die Odenwaldschule ist tot. Auch Andreas Huckele dachte das. Es war schlicht unvorstellbar, das eine Institution einen solchen Skandal übersteht. Es schien lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis die Odenwaldschule fällt. Heute steht sie immer noch. „Das ist ein Schlag in die Gesichter der Opfer“, sagt Huckele. Auch das ist ein Grund, weshalb er so laut schreit und nicht vorhat, bald damit aufzuhören.

Soll das ein wirklicher Neuanfang sein?

Es gibt einen Satz, der zum rhetorischen Repertoire jener gehört, die nach wie vor für das Überleben der Odenwaldschule kämpfen. Er lautet: Die Odenwaldschule sei jetzt der sicherste Ort vor sexuellem Missbrauch überhaupt. Auf keine andere Schule im Land werde derart aufmerksam und kritisch geschaut wie auf die Odenwaldschule. Sie stehe gewissermaßen in permanentem Scheinwerferlicht. Doch diese Logik ist gefährlich: Sie blendet die ungeheure Macht, die ein Verbrechen hat, einfach aus.

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Auch Orte haben eine Seele, und die Odenwaldschule ist ein traumatisierter Ort. Die Institution hat einen Schock erlitten, der sich in ihre DNA eingeschrieben hat. Menschen reagieren auf traumatische Erfahrungen in der Regel mit Ohnmacht, weil die erlernten Bewältigungsmechanismen überfordert sind und nicht mehr greifen. Institutionen tun dasselbe. Die Psychotherapeutin und Buchautorin Michaela Huber hat in diesem Zusammenhang einmal von der „traumatischen Zange“ gesprochen. In so einer traumatischen Zange befindet sich die Odenwaldschule. „Es hat nie einen wirklichen Neuanfang gegeben“, sagt Huckele. „Meto Salijevic zum Beispiel, der Ende der neunziger Jahre, als die ,Frankfurter Rundschau‘ die Verbrechen an der OSO publik machte, bereits die Geschäfte führte, führt sie heute immer noch. Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Und auch an den Strukturen, etwa der Nähe von Lehrern und Schülern, die in Familien zusammenleben, habe sich im Grunde nichts geändert.

Kann es für die Odenwaldschule eine Lösung geben?

Wer die Odenwaldschule einmal aufgesucht, wer sich auf den Weg zu diesen von Hügeln umgebenen Ort gemacht hat, wo zu groß geratene Hexenhäuschen in der Landschaft stehen, der spürt, dass hier etwas geschehen ist, dessen Nachbeben wohl niemals aufhören werden. [...]

Stellungnahme der Odenwaldschule

Zu dem Artikel von Melanie Mühl „Ein ewiger Alptraum“ vom 26.November 2012 erreichte uns eine Stellungnahme des Vereins Odenwaldschule, der als Träger der Schule fungiert und die wir im Sinne einer umfassenden Debatte dokumentieren. In dem Beitrag hatten wir die Auffassung vertreten, dass es nach den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen nie einen wirklichen Neuanfang gegeben habe.

 

Der Verein Odenwaldschule e.V. weist hierzu darauf hin, dass es „sehr wohl tiefgreifende Veränderungen gegeben habe. So wurde u. a. der Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule komplett erneuert und eine neue Schulleiterin berufen, sowie die Position des Internatsleiters neu geschaffen. Überdies wurde, vor allem bei  Entscheidungen, die Schülerinnen und Schüler betreffen, das Vier-Augen Prinzip eingeführt und es gibt durchgängig eine doppelte Familienführung, d. h. alle familienanalogen Wohngruppen werden von zwei Erwachsenen nach vorgegebenem Standard geführt. Überdies haben sämtliche an der Odenwaldschule tätigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben, die Teil des Arbeitsvertrages ist, und al1e Mitarbeiter müssen in regelmäßigen Abständen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Auch was die Wohnstandards in den Häusern angeht, hat es zum Schutz der Schülerinnen und Schüler erhebliche Änderungen gegeben.“

 

Die Redaktion.

Quelle: F.A.Z.

 
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