Home
http://www.faz.net/-gqz-pkh0
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Ocean's Twelve“ Ein Ei für Julia Roberts

15.12.2004 ·  George Clooney, Brad Pitt, Julia Roberts: Steven Soderbergh läßt in „Ocean's Twelve“ die schicksten Stars Hollywoods schicke Dinge tun. Der Regisseur hat Spaß an der Sache, seinen Ehrgeiz aber begraben.

Von Andreas Kilb
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Wenn es in diesem Augenblick in Hollywood einen vielbeschäftigten Mann gibt, dann ist es Steven Soderbergh. Vor vier Tagen ist mit großem Erfolg sein neuer Film „Ocean's Twelve“ in den amerikanischen Kinos angelaufen, aber Soderbergh hat keine Zeit, sich darüber zu freuen.

Denn gerade jetzt ist er dabei, der Fernsehserie „Unscripted“, bei der sein langjähriger Freund und Partner George Clooney Regie geführt hat, den letzten Schliff zu geben, und was er danach an Energie noch übrig hat, muß er in die Postproduktion von Richard Linklaters neuem Film „A Scanner Darkly“ stecken, den er, Soderbergh, exekutivproduziert hat. Nebenan auf seinem Schreibtisch warten vier gerade abgedrehte oder noch im Drehstadium steckende Filme (darunter neue Arbeiten von Rob Reiner und Neil Jordan), von ein par weiteren für 2005 angekündigten Projekten (etwa Soderberghs eigenem Werk „Che“ über den schönsten aller Revolutionäre) ganz zu schweigen.

Eine arbeitsreiche Zeit

Es ist eine arbeitsreiche Zeit im Hause Soderbergh, vor allem, wenn man bedenkt, daß unser Mann noch vor kurzem zusammen mit Michelangelo Antonioni und Wong Kar-wai, zwei Meistern der Langsamkeit, in Italien den Episodenfilm „Eros“ gedreht hat - das enttäuschende Ergebnis war auf dem Filmfestival von Venedig zu sehen und wird wohl nicht in die deutschen Kinos gelangen. Aber „Ocean's Twelve“ hat am Startwochenende vierzig Millionen Dollar eingespielt, das beruhigt die Nerven und sorgt für Entspannung im Schneideraum, auch wenn der Punkt, von dem an der Film wirklich Geld verdient, noch in weiter, aber durchaus erreichbarer Ferne liegt.

„Getting Away With It“, zu deutsch: „Damit durchkommen“, heißt eins von zwei Büchern, die Steven Soderbergh neben seiner Regie- und Produzententätigkeit bisher veröffentlicht hat (das andere ist eine Sammlung von Interviews mit Kollegen). Es handelt, außer von Soderbergh selbst, von dem englischen Filmregisseur Richard Lester, in dem Soderbergh ein Vorbild für seine eigene Arbeit gefunden hat. Und es ist, wie der Titel verspricht, die Geschichte eines Hochstaplers: im allerbesten, allerfreundlichsten Sinn. Denn Lester ist ein Mann, der immer innerhalb der Kinoindustrie gearbeitet hat, von den Beatles-Filmen, mit denen er anfing, bis zu den Superman- und Musketier-Serien, mit denen er aufhörte - und dem es zugleich gelang, sich in diesem industriellen Rahmen etwas ganz Eigenes zu bewahren, einen speziellen Touch, den man (mal mit mehr, mal mit weniger Mühe) in all seinen Film entdecken kann. Und so ein Mann möchte Steven Soderbergh auch sein.

Weniger Geld für Julia Roberts

Seine Chancen stehen nicht schlecht. Seit 1989, als er mit seinem Debüt „Sex, Lies, and Videotape“ auf dem Sundance Filmfestival in Utah entdeckt wurde und vier Monate später in Cannes prompt die Goldene Palme gewann, hat Soderbergh vierzehn Spielfilme gedreht, von denen die meisten im Schutz der großen Studios und mit zunehmend reger Beteiligung von weiblichen und männlichen Kinostars entstanden - darunter die teuerste Diva von allen, Julia Roberts, die Soderbergh ihren ersten und einzigen Oscar (für „Erin Brockovich“) zu verdanken hat und schon deshalb geneigt scheint, ihre horrenden Gagenforderungen bei seinen Projekten auf ein verträgliches Maß abzusenken.

Gut, Soderbergh hat auch schlimme Zeiten erlebt, damals, als er mit „Kafka“ (1990) und danach mit dem kunstvoll gestrickten Neo-Noir-Thriller „Underneath“ an der Kinokasse scheiterte (und als Trotzreaktion mit seinem Richard-Lester-Buch anfing), aber seit 1997, seit dem Erfolg von „Out of Sight“, der auch ein Erfolg seines Schauspielerfreundes Clooney und nebenbei der eigentliche Karrierestart von Jennifer Lopez war, ist ihm im Grunde nichts mehr schiefgegangen. Ein einziges Mal noch schien sein Stern zu sinken, als er es nacheinander mit einem Tarkowski-Remake („Solaris“) und einer Beverly-Hills-Variante von Godards „Die Verachtung“ probierte („Full Frontal“) - beide Filme floppten, teils nach hämischen Kritiken, und Soderberghs bankability geriet ins Wanken. Wie gut, daß es „Ocean's Eleven“ gab.

Ein langer Witz

Auch dieser Film war ein Remake. Sein Original von 1960 ist nichts als ein langer Witz, den sich Dean Martin, Frank Sinatra und Sammy Davis jr. auf Kosten des alten Lewis Milestone machen, aber Soderbergh schaffte es, diese Scherzparade so zu aktualisieren, daß sie wie ein richtiger Spielfilm aussah. Er holte einfach die schicksten Stars von Hollywood (Julia Roberts, Brad Pitt, George Clooney, Matt Damon) vor die Kamera und schaute ihnen dabei zu, wie sie allerlei schicke Dinge taten (Sex, Betrug, Millionenraub), ohne dabei dem Spaß allzusehr die Zügel schießen zu lassen. Es ging um nichts in „Ocean's Eleven“, aber dieses Nichts war so kostbar eingefaßt wie ein Diamant in einem Ring von Cartier.

Wenn Steven Soderbergh nun also eine Fortsetzung von „Ocean's Eleven“ vorlegt, bedeutet das einerseits, daß er Spaß an der Sache gefunden, andererseits, daß er seinen Ehrgeiz, ein mindestens ebenso großer und legendärer Regisseur zu werden wie Quentin Tarantino, offenbar begraben hat. Er will das Kino nicht mehr neu erfinden. Er möchte nur durchkommen mit dem, was ihn interessiert, wie Richard Lester.

Schleier der Resignation

Und so liegt ein Schleier der Resignation über allen Bildern dieses Films, von der ersten Szene, in der sich Catherine Zeta-Jones und Brad Pitt ein Schlafzimmer in Rom teilen, bis zur letzten, in der Zeta-Jones offiziell in den Kreis um den Gentlemangangster Danny Ocean (Clooney) aufgenommen wird. Eine Resignation, die sich gerade den Flottheiten, den Finten, den gelungenen Pointen des Films mitteilt. Soderbergh kennt alle Kinotricks, aber er will gar nicht unbedingt, daß wir darauf hereinfallen. Wir sollen sie nur bewundern. In einer der schönsten Szenen von „Ocean's Twelve“ tanzt ein Mann durch ein Netz sich bewegender Laserstrahlen hindurch, ohne daß ihn einer davon berührte. So tanzt Soderbergh mit den Motiven des Genres.

„Ocean's Eleven“ spielte in Las Vegas, die Fortsetzung spielt in Amsterdam, Rom und am Comer See. Es geht um Millionenschulden und ein sagenhaft wertvolles Fabergé-Ei, vor allem aber geht es darum, den Schaukampf gegen den französischen Großgauner Toulour (Vincent Cassel) zu gewinnen, der eine Art Godard seines Gewerbes ist - ein Snob, der aus seinem Talent eine Kunst für Eingeweihte gemacht hat. Auch Soderbergh hat Talent, viel mehr sogar, als er für diese Geschichte braucht. Deshalb läßt er sie nicht laufen, sondern zerlegt und mischt sie ständig neu, wie ein Schriftsteller, der nur über sein Schreiben schreibt.

Die harmloseste Pirouette

Auf dem Höhepunkt des Films verkleidet sich Tess Ocean, die „eine vage Ähnlichkeit“ mit Julia Roberts besitzt, als hochschwangere Julia, um an das Ei heranzukommen, und weil Tess tatsächlich von der schwangeren Julia Roberts gespielt wird, bleibt einem für einen kurzen Moment der Mund offenstehen angesichts von soviel Wagemut in Hollywood - bis man merkt, daß dies gerade die allerbequemste und harmloseste Pirouette ist, die man in einem Hollywoodfilm nur drehen kann.

Auch Steven Soderbergh hat es gemerkt. Deshalb geht er als nächstes in den Dschungel, zu Che Guevara. „Che“ wird von einem politischen Wunderkind erzählen, das nach frühen Erfolgen in eine Spitzenposition gelangt, in der es sich alsbald nach dem wilden Leben zurücksehnt. Die Geschichte klingt bekannt. Steven Soderbergh jedenfalls kennt sie genau.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr