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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Occupy Frankfurt Zieht euch warm an!

30.01.2012 ·  Im Frankfurter Occupy-Camp können weder Kälte noch strukturelle Probleme der Aufbruchsstimmung etwas anhaben. Ein Besuch im Herzen der Basisdemokratie.

Von Melanie Mühl
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© dapd Zelte vor der Europäischen Zentralbank im Januar: mit dem Jahreswechsel ist keineswegs die Motivation verschwunden

Im Winter hat das Frankfurter Occupy-Camp etwas Museales. Da stehen ein paar Zelte unter einem blassgrauen Himmel, zwischen ihnen wenige vermummte Menschen und überall hängen Plakate, auf denen Sprüche stehen wie: „Zwischen Hoffnung und Banken“ oder „ESM, Europa Sicher Malträtiert“. Man könnte dieses Camp für das Überbleibsel einer Bewegung halten, die eine bessere Welt schaffen wollte, die von einer Zukunft träumte, in der nicht Profitmaximierung der Leitgedanke ist, sondern soziale Gerechtigkeit, und der dann auf halber Strecke einfach die Luft ausgegangen ist. Aber das stimmt nicht.

Es ist Sonntag, die erste Forumsdiskussion des neuen Jahres findet statt. Angesichts der bitterkalten Temperaturen sind nicht viele Occupy-Anhänger gekommen, dreißig, vielleicht vierzig Leute sitzen im „Asambleazelt“ auf lilafarbenen Kissen, die meisten von ihnen sind männlich und zwischen fünfundzwanzig und Ende fünfzig. Den Frauen, sagt einer, ist der Winter zu hart, deshalb blieben sie fort. Vorn stehen zwei junge Moderatoren, die genau wissen, dass der Enthusiasmus des Beginns verflogen ist, dass sich seit Oktober vergangenen Jahres viele Mitstreiter frustriert zurückgezogen haben, weil der Erfolg nicht über Nacht kam, weil gesellschaftliche Veränderungen mehr Zeit benötigen, als sie gehofft hatten, weil ihnen die Professionalität der Bewegung fehlte und sie es absurd fanden, darüber zu diskutieren, welche Art von Telefon sich am besten zur Anschaffung fürs Camp eignet. Deshalb appellieren die Moderatoren auch erst einmal an den Durchhaltewillen. „Wir haben ein Ziel“, sagen sie, „wir dürfen uns nicht aufhalten lassen. Wir haben zwar nicht die Macht, nicht das große Kapital, wir werden nicht in den Hinterzimmergesprächen gefragt, wie wir das Europa der Zukunft gestalten wollen, aber unsere große Chance ist die Vernetzung, die die Occupy-Bewegung weltweit weiter vorantreiben wird.“

Die Schnittmenge mit vielen anderen Vereinigungen und Initiativen sei groß, gestern sei ein Attac-Mitglied dagewesen, am Freitag kam ein Ägypter ins Camp und suchte Unterstützer für eine gemeinsame Protestaktion: Occupy als Anstoßgeber, als Motivationsmotor für andere Gruppierungen. In dieser Vernetzung, die immer größere Kreise zieht, liegt die Wucht der Bewegung. Diese Wucht muss man sich immer wieder vor Augen führen, während man mitunter gelangweilt im Frankfurter Versammlungszelt sitzt, in dem sich auch einige eingefunden haben, die beim Therapeuten besser aufgehoben wären, da ihr Horizont über die eigenen Befindlichkeiten kaum hinausreicht. Die gesellschaftlichen Visionen beschränken sich in dem ein oder anderen Redebeitrag deshalb auch auf das Aneinanderreihen von Stichwörtern wie „Toleranz“, „praktizierte Kommunikation“ oder „Demokratie“, was so zielführend wie die Lektüre der „Gala“ ist.

Mit Schwung und Zusammenhalt in den Protestfrühling

Doch das ist einer der Grundsätze von Occupy, die Redefreiheit im Rahmen der „Asambleas“. Das spanische Wort heißt Versammlung: Jeder darf sich zu Wort melden, ganz gleich, was er zu sagen hat. Die „Asamblea“ wird allerdings zum Problem, sobald dort sämtliche Entscheidungen - etwa über die nächste Protestaktion - getroffen werden. Sie schließt nämlich all jene Occupy-Anhänger aus, die nicht an der „Asamblea“ teilnehmen können, die gerade arbeiten, studieren oder bei der Geburtstagsfeier der Großmutter Kuchen essen. Mit Basisdemokratie und Transparenz hat das nichts zu tun. Zu Recht plädiert einer der Redner dafür, die „Asamblea“ in erster Linie als Diskussionsinstrument zu begreifen, das Stimmungsbilder einfängt. „Die Asamblea hat schlecht funktioniert. Viele sind abgesprungen, Leute mit Know-how, die professionell arbeiten wollten. Wir müssen diese Leute zurückholen, indem wir uns reorganisieren und Strukturen aufbauen, die es allen ermöglichen, auch zu Hause am Rechner mitzuentscheiden“, sagt er. Der Occupy-Slogan laute schließlich: „We are the 99 percent.“

Occupy ist zwar eine Bewegung und keine Vereinigung, doch an diesem Tag wird auf eindrucksvolle Weise deutlich, dass auch eine Bewegung Strukturen braucht, weil die gemeinsame Idee allein kein Erfolgskonzept ist. Nicht alle sind dieser Meinung. Eine in Strick verpackte Frau verteilt Zettel und warnt vor der Entmachtung der „Asamblea“. Dann verlässt sie das Zelt, doch ihr Auftritt kann den Eindruck, dass es den meisten hier um das große Ganze geht, dass sie genau die richtige Strategie verfolgen und sehr viel erreicht werden kann, wenn sich Gleichgesinnte zusammenschließen, nicht zunichtemachen. Die Transformationsphase, die die Occupy-Bewegung gerade durchläuft, ist nötig. Sie holt neuen Schwung.

Der Wetterbericht prognostiziert sibirische Kälte. Auf der Homepage von Occupy Frankfurt steht: „In den kommenden Tagen sollen es bis minus 15 Grad werden. Um das gemeinsam durchzustehen, braucht es nicht nur warme Gedanken.“ Occupy Frankfurt wird diese Tage fraglos durchstehen. Dann kommt der Frühling, und das Protestjahr beginnt.

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